Absichtslos gut sein

Dr. Beat Imhof, Zug


"Nun habe ich eine gute Tat vollbracht, dafür komme ich in den Himmel", beteuerte mir gegenüber vor einigen Wochen eine Sozialarbeiterin, die sich um das Wohl eines ihrer hilfsbedürftigen Schützlinge mit Erfolg gegen einen sturen Behördenbeschluß durchsetzte. "In den wievielten Hirnmel?", fragte ich sie, etwas spitzbübisch. Da sie aus meiner Bemerkung offensichtlich nicht klug wurde, erklärte ich ihr: "Nach einer alten Weisheitslehre gibt es sieben Himmel. In den obersten kommen all jene, die absichtslos gut sind."

Wenn wir nur deshalb Gutes tun, um uns damit einen Platz im Himmel zu sichern, scheint mir dies recht egoistisch zu sein. Und was ist mit den anderen, den vielen, die es nicht soweit bringen? Wo ist da die vielgerühmte Solidarität mit den Andersgläubigen, mit den Ungläubigen und den Unwissenden? Der französische Philosoph Blaise Pascal meinte einmal, er könnte sich nicht an der ewigen Glückseigkeit freuen im Bewußtsein, daß soviele seiner Brüder und Schwestern auf immer und ewig verdammt sein sollten. Wegen dieser Äußerung wurde er um ein Haar von seiner Kirche ausgeschlossen.

Absichtslos gut sein ist weit schwerer, als sich dies so unversucht denken läßt. In all unserem Tun sind wir bewußt oder unbewußt bewegt von Absichten. Zu allem haben wir einen Grund. Und häufig genug einen recht ichbezogenen. Hinter unserem Gut-Sein und Gutes-Tun verbirgt sich nicht seiten die uneingestandene Absicht, sich und den anderen zu beweisen, was für ein guter Kerl man eigentlich ist. Hinter den Freundlichkeiten, Höflichkeiten und Streicheleinheiten, die wir gezielt austeilen, verbirgt sich zumeist ein versteckter Eigennutz. Wie gerne sonnen wir uns im Glanz des eigenen Wohlwollens. Wir mißbrauchen den hilfsbedürftigen Mitmenschen, um unser Helferbedürfnis auszuleben, denn es schmeichelt uns, zu wissen, wie unentbehrlich wir eigentlich sind.

Nichts gegen echte Menschlichkeit, gegen Hilfsbereitschaft und selbstlose Freundlichkeit, die nicht genannt, vermerkt und bestätigt werden will, gemäß dem Bibelwort: "Wenn du Almosen gibst, soll deine linke Hand nicht wissen, was deine rechte tut" (Mt 6,3). Das ist alles leichter gesagt, als getan.

Nach einem geistigen Gesetz folgt der Lohn für eine gute Tat von selbst auf jener Ebene, die unserem Tun entspricht, gemäß der inneren Gesetzmäßigkeit von Saat und Ernte. So heißt es in einer Sanskrit-Schrift aus dem 5. Jahrhundert v. Chr.: "Vom Denken gehen die Dinge aus, sie sind geistgeboren, geistgezeugt. Wer bösgesinnten Geistes spricht, wer bösgesinnten Geistes wirkt, dem folgt notwendig Leiden nach, gleich wie das Rad dem Hufe folgt. Wer wohlgesinnten Geistes spricht, wer wohlgesinnten Geistes wirkt, dem folgt notwendig Freude nach dem untrennbaren Schatten gleich."

Wie dieses "Gesetz der Gegenläufigkeit" wirkt, zeigt folgende wahre Begebenheit: Drei Wanderer überquerten im kalten, harten Winter ein hohes Gebirge. An einer vereisten Stelle des schneeverwehten Weges rutschte der eine aus und stürzte einen steilen Abhang hinunter, wo er mit gebrochenem Bein an einem Baumstrunk hängen blieb. Seine beiden unversehrten Kameraden berieten nun, was zu tun wäre. Der eine, darauf bedacht, seine eigene Haut zu retten, war dafür, den Verunfallten einfach liegen zu lassen, dem sei doch nicht mehr zu helfen bei der grimmigen Kälte und ohne Fahr- oder Tragegelegenheit. Es wäre besser, so meinte er, sich schleunigst davonzumachen, um noch vor Einbruch der Dunkelheit über den Grat zu kommen. Nicht so der andere. Dieser entschloß sich, dem verletzten Kameraden zu helfen; denn ihn einfach so hilflos erfrieren zu lassen, brachte er nicht übers Herz. Während sein Kumpan, herzlos und selbstsüchtig wie er war, im hohen Schnee davon stapfte, kämpfte er sich im Alleingang zum Verunglückten vor und schleppte ihn mühsam den Abhang hinauf. Wie er den sicheren Weg erreichte, nahm er den Geretteten auf seinen Rücken. Unter der schweren Last und bei der Anstrengung des nun folgenden Marsches erhitzte er sich derart, daß er nicht nur seinen Körper, sondern auch jenen seines Freundes mächtig erwärmte und beiden die beißende Kälte immer weniger anhaben konnte. Ihren Weggefährten aber, der vorzeitig das Weite gesucht hatte, in der Absicht, wenigstens sein eigenes Leben zu retten, fanden sie nach Stunden erfroren im Schnee liegen.

Helfen wir also, wo und wie es sich gerade ergibt, seien wir aber nicht besessen von einem absichtsvollen Helferwillen, der oft nichts weiter ist als heimlicher Geltungsanspruch. Das sogenannte Helfer-Syndrom finden wir nicht selten bei Menschen, die sich in ihrem Selbstwertgefühl nur dann bestätigt sehen, wenn sie erfahren dürfen, wie unersetzlich für andere sie eigentlich sind. Ich meine nicht, daß wir nicht nett und hilfsbereit sein sollten zueinander, aber verbinden wir dies nicht mit der hinterhältigen Absicht, uns selber dauernd bestätigen zu wollen.

Besonders in unseren Liebesbeziehungen fällt es uns schwer, selbstlos und absichtslos zu sein. "Ich liebe Dich, weil ich Dich brauche ... Ich brauche Dich, weil ich Dich liebe", führt oft genug hinein in einen Egoismus zu zweit. Dabei ist Liebe ein Geben von sich selbst, ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten. Und wenn Eltern das Ablösen ihrer heranwachsenden Töchter und Söhne verhindern wollen, tun sie es oft mit der fadenscheinigen Begründung: "Wir meinen es ja nur gut mit dir!" In Wirklichkeit meinen sie es gut mit sich selbst, weil sie sich vor dem angstvollen Sorgedenken um ihre flügge gewordene Jugend bewahren wollen. Dahinter steht meist ein behütendes Festhalten, wo doch ein Loslassen und Freigeben recht wäre. Richtig erziehen heißt nämlich, sich selber im zunehmenden Maße überflüssig machen.

Auch unser sogenanntes "Positives Denken" ist doch oft genug ein Ego-Trip. Was wir damit erstreben, ist nicht immer absichtsloses Gutsein, sondern ein "Es gut haben" und ein "Es besser haben wollen". Geben wir doch diese Erwartungen und Absichten auf. Wer absichtslos und frei von egoistischen Begierden das Gute will und tut, der ist auf dem besten Weg zum Glück. Menschen, die klinisch tot waren oder sich in großer Lebensgefahr befanden, bestätigen uns, daß sie in den kurzen Augenblicken ihrer außerkörperlichen Erfahrung wie in einem Film ihr ganzes Leben ablaufen sahen. Als positiv erlebten sie dabei jene guten Taten, die sie ohne selbstsüchtige Absicht vollbrachten, als negativ aber jene sogenannten guten Taten, die nur reine Pflichtübungen oder mit irgendwelcher eigennützigen Absicht verbunden waren.

Aus solchen und ähnlichen - Beobachtungen leite ich die Regel ab: Gutes tun ohne Absicht wird uns in der geistigen Welt hoch angerechnet, Gutes tun mit Absicht fällt jedoch kaum ins Gewicht.

Machen wir uns, je älter wir werden, mit dem Gedanken vertraut, daß fast alles auf die Dauer auch ohne uns geht. Das Gute muß um seiner selbst willen getan werden, damit dies in unserer vorläufig doch noch tristen und traurigen Welt immer mehr die Oberhand gewinnt gegenüber dem Unguten.

Vor langer Zeit lebte ein frommer Mann, der so gut war, daß selbst die erstaunten Engel im Himmel herabstiegen.

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