Wenn wir nur deshalb Gutes tun, um uns damit einen Platz im
Himmel zu sichern, scheint mir dies recht egoistisch zu sein. Und was ist mit den
anderen, den vielen, die es nicht soweit bringen? Wo ist da die vielgerühmte Solidarität
mit den Andersgläubigen, mit den Ungläubigen und den Unwissenden? Der französische
Philosoph Blaise Pascal meinte einmal, er könnte sich nicht an der ewigen Glückseigkeit
freuen im Bewußtsein, daß soviele seiner Brüder und Schwestern auf immer und ewig
verdammt sein sollten. Wegen dieser Äußerung wurde er um ein Haar von seiner Kirche
ausgeschlossen.
Absichtslos gut sein ist weit schwerer, als sich dies so unversucht denken
läßt. In
all unserem Tun sind wir bewußt oder unbewußt bewegt von Absichten. Zu allem haben wir
einen Grund. Und häufig genug einen recht ichbezogenen. Hinter unserem Gut-Sein und
Gutes-Tun verbirgt sich nicht seiten die uneingestandene Absicht, sich und den anderen zu
beweisen, was für ein guter Kerl man eigentlich ist. Hinter den Freundlichkeiten,
Höflichkeiten und Streicheleinheiten, die wir gezielt austeilen, verbirgt sich zumeist
ein versteckter Eigennutz. Wie gerne sonnen wir uns im Glanz des eigenen Wohlwollens. Wir
mißbrauchen den hilfsbedürftigen Mitmenschen, um unser Helferbedürfnis auszuleben, denn
es schmeichelt uns, zu wissen, wie unentbehrlich wir eigentlich sind.
Nichts gegen echte Menschlichkeit, gegen Hilfsbereitschaft und selbstlose
Freundlichkeit, die nicht genannt, vermerkt und bestätigt werden will, gemäß dem
Bibelwort: "Wenn du Almosen gibst, soll deine linke Hand nicht wissen, was deine
rechte tut" (Mt 6,3). Das ist alles leichter gesagt, als getan.
Nach einem geistigen Gesetz folgt der Lohn für eine gute Tat von selbst auf jener
Ebene, die unserem Tun entspricht, gemäß der inneren Gesetzmäßigkeit von Saat und
Ernte. So heißt es in einer Sanskrit-Schrift aus dem 5. Jahrhundert v. Chr.: "Vom
Denken gehen die Dinge aus, sie sind geistgeboren, geistgezeugt. Wer bösgesinnten Geistes
spricht, wer bösgesinnten Geistes wirkt, dem folgt notwendig Leiden nach, gleich wie das
Rad dem Hufe folgt. Wer wohlgesinnten Geistes spricht, wer wohlgesinnten Geistes wirkt,
dem folgt notwendig Freude nach dem untrennbaren Schatten gleich."
Wie dieses "Gesetz der Gegenläufigkeit" wirkt, zeigt folgende wahre
Begebenheit: Drei Wanderer überquerten im kalten, harten Winter ein hohes Gebirge. An
einer vereisten Stelle des schneeverwehten Weges rutschte der eine aus und stürzte einen
steilen Abhang hinunter, wo er mit gebrochenem Bein an einem Baumstrunk hängen blieb.
Seine beiden unversehrten Kameraden berieten nun, was zu tun wäre. Der eine, darauf
bedacht, seine eigene Haut zu retten, war dafür, den Verunfallten einfach liegen zu
lassen, dem sei doch nicht mehr zu helfen bei der grimmigen Kälte und ohne Fahr- oder
Tragegelegenheit. Es wäre besser, so meinte er, sich schleunigst davonzumachen, um noch
vor Einbruch der Dunkelheit über den Grat zu kommen. Nicht so der andere. Dieser
entschloß sich, dem verletzten Kameraden zu helfen; denn ihn einfach so hilflos erfrieren
zu lassen, brachte er nicht übers Herz. Während sein Kumpan, herzlos und selbstsüchtig
wie er war, im hohen Schnee davon stapfte, kämpfte er sich im Alleingang zum
Verunglückten vor und schleppte ihn mühsam den Abhang hinauf. Wie er den sicheren Weg
erreichte, nahm er den Geretteten auf seinen Rücken. Unter der schweren Last und bei der
Anstrengung des nun folgenden Marsches erhitzte er sich derart, daß er nicht nur seinen
Körper, sondern auch jenen seines Freundes mächtig erwärmte und beiden die beißende
Kälte immer weniger anhaben konnte. Ihren Weggefährten aber, der vorzeitig das Weite
gesucht hatte, in der Absicht, wenigstens sein eigenes Leben zu retten, fanden sie nach
Stunden erfroren im Schnee liegen.
Helfen wir also, wo und wie es sich gerade ergibt, seien wir aber nicht besessen von
einem absichtsvollen Helferwillen, der oft nichts weiter ist als heimlicher
Geltungsanspruch. Das sogenannte Helfer-Syndrom finden wir nicht selten bei Menschen, die
sich in ihrem Selbstwertgefühl nur dann bestätigt sehen, wenn sie erfahren dürfen, wie
unersetzlich für andere sie eigentlich sind. Ich meine nicht, daß wir nicht nett und
hilfsbereit sein sollten zueinander, aber verbinden wir dies nicht mit der hinterhältigen
Absicht, uns selber dauernd bestätigen zu wollen.
Besonders in unseren Liebesbeziehungen fällt es uns schwer, selbstlos und absichtslos
zu sein. "Ich liebe Dich, weil ich Dich brauche ... Ich brauche Dich, weil ich Dich
liebe", führt oft genug hinein in einen Egoismus zu zweit. Dabei ist Liebe ein Geben
von sich selbst, ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten. Und wenn Eltern das Ablösen
ihrer heranwachsenden Töchter und Söhne verhindern wollen, tun sie es oft mit der
fadenscheinigen Begründung: "Wir meinen es ja nur gut mit dir!" In Wirklichkeit
meinen sie es gut mit sich selbst, weil sie sich vor dem angstvollen Sorgedenken um ihre
flügge gewordene Jugend bewahren wollen. Dahinter steht meist ein behütendes Festhalten,
wo doch ein Loslassen und Freigeben recht wäre. Richtig erziehen heißt nämlich, sich
selber im zunehmenden Maße überflüssig machen.
Auch unser sogenanntes "Positives Denken" ist doch oft genug ein Ego-Trip.
Was wir damit erstreben, ist nicht immer absichtsloses Gutsein, sondern ein "Es gut
haben" und ein "Es besser haben wollen". Geben wir doch diese Erwartungen
und Absichten auf. Wer absichtslos und frei von egoistischen Begierden das Gute will und
tut, der ist auf dem besten Weg zum Glück. Menschen, die klinisch tot waren oder sich in
großer Lebensgefahr befanden, bestätigen uns, daß sie in den kurzen Augenblicken ihrer
außerkörperlichen Erfahrung wie in einem Film ihr ganzes Leben ablaufen sahen. Als
positiv erlebten sie dabei jene guten Taten, die sie ohne selbstsüchtige Absicht
vollbrachten, als negativ aber jene sogenannten guten Taten, die nur reine Pflichtübungen
oder mit irgendwelcher eigennützigen Absicht verbunden waren.
Aus solchen und ähnlichen - Beobachtungen leite ich die Regel ab: Gutes tun ohne
Absicht wird uns in der geistigen Welt hoch angerechnet, Gutes tun mit Absicht fällt
jedoch kaum ins Gewicht.
Machen wir uns, je älter wir werden, mit dem Gedanken vertraut, daß fast alles auf
die Dauer auch ohne uns geht. Das Gute muß um seiner selbst willen getan werden, damit
dies in unserer vorläufig doch noch tristen und traurigen Welt immer mehr die Oberhand
gewinnt gegenüber dem Unguten.
Vor langer Zeit lebte ein frommer Mann, der so gut war, daß selbst die erstaunten
Engel im Himmel herabstiegen.