Vor über hundert Jahren, in der Ära von Kaiserreich, Kapitalismus und ökologisch
bedenkenloser Industrieproduktion, entstand die Lebensreform als konstruktive
weiterblickende Gegenbewegung. Deren weitsichtige Begründer wurden von Wissenschafts- und
Wirtschaftskreisen zunächst bekämpft und verspottet. Heute verdanken viele Menschen ihre
Gesundheit und ihre harmonische Lebensweise der Lebensreform. Deren Ideen wurden,
ausgehend von einem geistig herausragenden, aber persönlich äußerst bescheidenen Kreis,
inzwischen zu einem Allgemeingut der Bevölkerung - soweit sie bereit war, das
lebensrichtige Wissen aufzunehmen und zu verwirklichen.
Mit ihren Keimzentren, den Reformhäusern, wird die Lebensreformbewegung heute vor
allem als Bezugsquelle von Produkten für eine gesunde Lebensweise aus ökologisch
verantwortlicher Produktion gesehen. Das ist aber nur eine Seite der Medaille. Mindestens
genauso wichtig ist ihre Vision einer naturorientierten Lebensweise in Freiheit,
Selbstverantwortung und Selbstbestimmung. Daraus resultiert auch die Entscheidung für die
Gesundheit und die Liebe zur Natur.
Inzwischen werden diese Eigenschaften in der medizinischen Wissenschaft, der Wirtschaft
und der Politik anscheinend zunehmend als Gefahr empfunden. Die Wissenschaftler sprechen
den einfachen Menschen, die unmittelbar von ihrer Arbeit, aus ihrer Erfahrung und
Tradition leben, kurzerhand den Verstand zur Beurteilung ihrer eigenen Dinge ab (den
gesunden Menschenverstand). Nicht mehr die unmittelbare Erfahrung zählt, sondern die
Aussagen von Experimenten und künstlichen Studien. Alles andere wird als unwahr, falsch
oder gefährlich bezeichnet. Allerdings läßt die bedenkliche Entwicklung unserer Umwelt
und Lebensbedingungen die Ergebnisse der wissenschaftlichen Durchdringung in anderem Licht
erscheinen.
Die Politik übernimmt bereitwillig die Raster derartiger restriktiver Wissenschaft in
ihren Gesetzen und Verordnungen. Darüber hinaus beschneidet sie noch weiter die
persönliche Selbstverantwortung und die Zukunft der Bürger mit ihrer Wertabschöpfung
und Umverteilung - bei erschreckender Verschuldung.
Die Wirtschaft ist inzwischen längst bestimmt von weltweit operierenden Konzernen,
besonders im Pharma-Bereich. Je hilfloser, abhängiger und schon deshalb ungesünder die
Menschen werden, um so mehr sind sie auf Produkte dieser Konzerne angewiesen. Die
Politiker lehnen (bisher noch) jede ernsthafte Selbstbeteiligung ab.
Internationale Konzerne streben nach Rendite, Umsatzwachstum und Marktmacht.
Inzwischen entstehen mächtige bürokratische Strukturen, z.B. auf EG-Ebene, deren
Wirken der einzelne Bürger praktisch hilflos ausgeliefert ist. Die Machenschaften um den
Rinderskandal (ein Skandal vom schlimmen Anfang bis zum Ende) zeigen die Motive und
Machtfaktoren überdeutlich. Immer wieder sehen wir das gleiche Vorgehen: Desinformation,
gezielte Interessenvertretung ohne Rücksicht auf die Kreatur und dann die Zerschlagung
gewachsener Strukturen - zur Errichtung einer "schönen, neuen Welt":
synthetisch - einträglich - effektiv zu beherrschen. Fern vom Leben und von der
Wirklichkeit, fern vom Einzelnen und vom Menschlichen, entfremdet von der Natur, armselig
- oder schon unselig? Noch steht die Natur mit ihren Selbstorganisations- und
Selbstheilungskräften diesen Machenschaften im Wege. Deshalb wird sie rhetorisch
gehätschelt und in Werbespots verkitscht, aber in der Realität ausgebeutet, weiter
zerstört und bekämpft (nicht zuletzt im Menschen selber). Es geht um Macht und Geld.
Selbstverantwortung und Selbstheilung könnte dabei störend wirken.
Ein Beispiel für die schöne neue Weit ist die Kampagne gegen die Vitamine: Da
flackern Gerüchte auf: die französische Regierung befände Vitaminaufnahmen über die
zweifache (von Kommissionen festgelegte) Zufuhrmenge als gesundheitsschädlich. Da ist die
Finnlandstudie, die gefährliche Auswirkungen von (synthetischem) Beta-Carotin für
Raucher mit hohem Alkoholkonsum aufzeigt - und die CARET-Studie mit schädlichen
Auswirkungen des Beta-Carotins für Asbestarbeiter und Raucher. In Rom (eigentlich ein
schönes Reiseziel) hat sich eine Kommission der UN/WHO etabliert: CODEX (Alimentarious
Commission on Nutrition and Foods for Special Dietary Uses). Der Auftrag dieser Kommission
ist es, Normen für Nahrungsergänzungsmittel aufzustellen, deren Einhaltung dann von der
Welthandelsorganisation (WTO) mit der Androhung hoher Geldstrafen durchgesetzt werden
soll. Die Anwältin der amerikanischen Gesundheits- und Umweltstiftung Life Extension
Foundation (LEF), Suzanne Harris, hat in einer Liste für die Berufung der
Kommissionsmitgliedereinen Anteil von 90 % aus Vertretungsorganisationen internationaler
Pharmakonzerne festgestellt. Deren Interessenlage ist klar. Vitamine sind nicht
patentierbar. Und der weltweit größte Vitaminhersteller ist noch immer Mutter Natur. Ein
derartiges Produktionsvolumen, zum günstigen Abgabepreis, bei bester Akzeptanz der
Kunden, ruft den Eifer der Wettbewerber auf den Plan.
Ein Vorschlag der deutschen Kommission für CODEX (haben Sie jemals davon gehört?)
sieht zur Beschlußfassung vor (lt. Eco-Report):
Nahrungsergänzungsmittel (z.B. Vitamine) dürfen nicht zu prophylaktischen oder
therapeutischen Zwecken angeboten werden (Anm.: Wozu sonst?)
Ein als Lebensmittel verkauftes Nahrungsergänzungsmittel darf den von der Kommission
festgelegten Wirkstoffgehalt nicht überschreiten.
Die CODEX-Vorschriften sind für alle GATT-Staaten (= die dem internationalen
Zoll- und Handelsabkommen angeschlossenen Staaten) absolut bindend.
Neue Nahrungsergänzungsmittel sind solange verboten, bis sie von der
CODEX-Kommission genehmigt werden.
Diese Informationen von amerikanischen Gesundheits- und Verbraucherorganisationen
finden sich im Sarasota-Eco-Report, Florida, USA, mit dem Titel: "Deutschlands
Vorhaben, um Ihnen Ihr Recht auf Vitamine und Nahrungsergänzungsmittel wegzunehmen."
Französische Bestrebungen (s.o.) zielen in die gleiche Richtung - eine Allianz in der EU?
In Deutschland wurde über die neuen Absichten kaum berichtet, allenfalls in Form von
Halbwahrheiten wie: "Die französische Regierung warnt vor Vitaminen" (nicht
aber vor Bordeaux-Wein und Disney-Land).
Interessanterweise stoßen deutsche Öko-Magazine wie Natur und Öko-Test ebenfalls
vollmundig in das Horn der Warnungen vor den Vitaminen. Dabei verstieg sich der Öko-Test
sogar zu der (unbegründeten) Behauptung, durch Vitamin C bzw. Vitamin E würden
Herzkrankheiten begünstigt. Tatsächlich haben sorgfältige Untersuchungen, u. a. seitens
der Weltgesundheitsorganisation, z. B. für das Vitamin E exakt das Gegenteil bewiesen,
nämlich Schutz vor Arteriosklerose und Herzinfarkt. Auf meine Anfrage an die Redaktion
des Öko-Test nach Beweisen für deren Behauptung zum Vitamin C erhielt ich die
freundliche Antwort, die Quelle sei nicht mehr vorhanden und der Verfasser des Artikels
nicht mehr im Hause. Danach habe ich zu der späteren Behauptung über das Vitamin E nicht
mehr nachgefragt.
Dagegen hat die mutige Zeitschrift raum & zeit die Informationen und die
Entrüstung der Öko-Verbände aus den USA auch für uns in Deutschland zugänglich
gemacht (Nr. 82, 1996, S. 29).
Lehrreich sind die Vorgänge allemal: die schöne neue Welt ist wieder ein Stückchen
nähergekommen. Die Natur wird weiter verdächtigt und in Reservate eingesperrt (wie
einstmals die Indianer), ebenso die Selbstverantwortung. Auf dem Sonnendeck der Titanic
werden die Liegestühle hin- und hergerückt, in den Halbschatten. In diesen Stühlen
lesen wir Natur und Öko-Test. Oder wir gehen in den Maschinenraum und dann auf die
Brücke. Vielleicht können wir noch etwas bewegen: konkret, vernünftig, lebensrettend.