Das Problem der unruhigen Beine ein Warnsymptom

Dr. med. Klaus Mohr


Ein relativ neues Leiden breitet sich aus. Die Betroffenen erwachen nachts miteigenartigen quälenden Mißempfindungen in den Beinen. Es ist eine kaum zu beschreibende Mischung aus Schmerz, Hitzegefühl und Unruhe. Schließlich ist die Qual so groß, daß sie entnervt ihr Bett verlassen und - etwas steif und getrieben - in der Wohnung umherlaufen. Dabei lassen die Mißempfindungen nach, aber der Schlaf ist gestört. Und oft kommen die unangenehmen Störungen wieder zurück. Schließlich treten sie auch bei Tag auf. Charakteristisch ist das Auftreten der Symptome erst in Ruhe und Entspannung. Dies ist ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal für Mißempfindungen in den Beinen aus anderer Ursache, z. B. von Durchblutungsstörungen (deren Symptome sich unter Belastung verstärken) oder von Polyneuropathien (deren Symptome von Ruhe bzw. Bewegung kaum beeinflußt werden). Das Leben ist dadurch in einem Ausmaß, das andere kaum nachempfinden können, beeinträchtigt. Das unbeherrschbare Symptom stört die Ruhe und die Erholung. Es ist unheimlich. Die Betroffenen verzweifeln.

Noch wird das Problem als Krankheits- und vor allem als Warnsymptom nicht immer und überall erkannt bzw. ernstgenommen. Gutgemeinte, aber oberflächliche Ratschläge helfen nicht weiter. In den USA wird das Krankheitsbild (restless leg syndrome) seit den siebziger Jahren erforscht.

Hinter dem Symptom steht ein bedeutungsvoller Mangel an Dopamin im Zentralnervensystem. Bei genauerem Hinsehen finden sich oft noch weitere Zeichen des Dopaminmangels:

  • Einschränkungen der Spontanbeweglichkeit
  • seelisch-geistige Einengung
  • Depressionen
  • diffuse Angstzustände
  • abnorme Schmerzempfindlichkeit
  • anfallartiges Schwitzen
  • abnorme Müdigkeit
  • gestörte Magen-Darm-Aktivität
  • Herz-Kreislauf-Störungen
  • hormonelle Störungen
  • verminderte sexuelle Lust
  • Gewichtszunahme
  • Muskelverkrampfungen mit Maskengesicht, Grimassenbildung oder marionettenartigen Bewegungen und kleinschrittigem Gang
  • Zittern
  • Verminderung der Zahl bzw. Aktivität der weißen Blutkörperchen
  • Gedächtnisschwäche

Kaum eine andere Ursache steht hinter einem derartig weiten Feld von Symptomen aus dem körperlichen, seelischen und geistigen Bereich.

Wir ersehen daraus die eminente Bedeutung des Dopamins für alle Lebensvorgänge und Lebensbereiche, auf allen Ebenen: ohne Dopamin sind wir:

  • ohne Interesse an Leben und Umwelt
  • bewegungsarm, wie gelähmt
  • ängstlich und depressiv
  • ohne Lebensmut
  • empfindlich
  • immunschwach

Das Problem der unruhigen Beine - oft als unerheblich abgetan - weist hin auf einen beginnenden Mangel an Dopamin im Nervensystem. Manchmal wird dieses Leiden noch als Bagatellsymptom abgetan. Besser informierte Ärzte hochschulmedizinischer Orientierung behandeln die unruhigen Beine neuerdings mit synthetischen Mitteln, die fördernd auf die Dopaminsynthese bzw. -aktivität wirken. Diese Therapie führt meist zu einer schnellen und befreienden Linderung der quälenden Symptome. Allerdings verlieren die dopaminsynthese-fördernden Mittel nach einiger Zeit (einigen Jahren) an Wirkung. Dann kann sich ihr Effekt sogar umkehren.

Als Alternative können wir über seriöse orthomolekulare Therapien der unruhigen Beine (restless leg syndrome) verfügen:

  1. Konsequente Meidung aller koffeinhaltigen Getränke und Zubereitungen (Kaffee, Cola-Limonaden, Kakao, bedingt auch schwarzer Tee).
  2. Nahrungsergänzung mit 3x 5 mg Folsäure (= Vitamin der B-Gruppe) pro Tag für 6 Wochen. Die Folsäure ist nach allen derzeitigen Kenntnissen völlig ungiftig. Allerdings sollten derartige Dosierungen, die weit über der üblichen Zufuhr aus der Nahrung liegen, prinzipiell nur unter ärztlicher bzw. kenntnisreicher erfahrener therapeutischer Verantwortung gegeben werden. Über die Anwendung der Folsäure, auch zur Prophylaxe von Arterien- und Tumorkrankheiten, sowie die notwendigen Berücksichtigungen wurde ausführlich in bisherigen Ausgaben (Januar, Februar und März 1995) der Reform-Rundschau berichtet.

Hinsichtlich des Syndroms der unruhigen Beine (restless leg syndrome, RLS) hat die Folsäureergänzung zwei Formen des RLS weitaus deutlicher als bisher unterscheiden lassen:

  1. die klassische Form des RLS mit Schmerzen, Taubheitsgefühl oder brennenden Mißempfindungen, die durch Bewegen oder örtliche Massage gelindert wird.
  2. die isolierte Form mit lediglich muskulärer Erregung und Verkrampfung, ohne Beteiligung des sensiblen und vegetativen Nervensystems. Diese Form ist viel seltener - und vermutlich nicht durch Dopaminmangel bedingt (eher durch Übersäuerung).

Die Folsäuregabe erlaubt hier eine präzise diagnostische Differenzierung. Denn nur die klassische Form des RLS spricht auf Folsäureergänzung an.

  1. Nahrungsergänzung mit 300 I.E. Vitamin E pro Tag
  2. Therapeutische Erfahrungsberichte (Ayres, S.: leg cramps and RLS responsive to vitamin E. Calif. Med. 111, 87-91, 1969) belegen eine überraschend gute Wirkung des Vitamin E bei RLS-Kombination mit Folsäure ist unproblematisch möglich.

  3. Nahrungsergänzung mit L-Tryptophan

Tryptophan ist eine natürliche, essentielle Aminosäure, reichlich enthalten in Milch, Hülsenfrüchten und Getreide (außer Mais). Tryptophan ist die unentbehrliche Vorstufe für die körpereigene Bildung des Nervenüberträgerstoffes Serotonin. Durch zusätzliche Gaben von L-Tryptopha (2-3 g zur Nacht) wurden "dramatische Verbesserungen" des RLS und von Schlafstörungen gesehen (Sandryk, R., L-Tryptophan in the treatment of RLS. Brief an den Herausgeber. Am J. Psychlat. 143 (4) 534f., 1986). Die Tryptophanmedikation würde ich aus prinzipiellen Erwägungen nicht länger als 6 Wochen durchführen.

Jedenfalls sind für das Problem der unruhigen Beine (RLS) wirksame Therapiemöglichkeiten auch mit Naturstoffen vorhanden. In der Praxis ergänze ich die Behandlung noch mit einer Basenzufuhr (je nach individueller Situation) zur Nacht.

Darüber hinaus ist das RLS immer als Hinweis auf eine beginnende Dopaminverarmung im Nervensystem zu sehen. Das Dopamin ist eines unserer wichtigsten Lebens- und Aktivitätshormone, wichtig auch für die Bewegung und die Immunfunktionen. Dopaminmangel verursacht außerdem quälende vegetative Symptome (s.o.). Die klassische Dopaminmangelkrankheit (in bestimmten Hirnzentren) ist der Morbus Parkinson. Dagegen kann ein Dopaminüberschuß nervliche Erregung bis hin zu Halluzinationen bringen. Die Medikation mit Dopaminvorstufen (L-Dopa) ist auch deshalb nicht unproblematisch. Bei schweren Formen der Parkinson-Krankheit kann diese Medikation jedoch zumindest zeitweise sehr hilfreich sein.

Für milde Formen des Dopaminmangels, z. B. des RLS für Antriebs- und Aktivitätsstörungen und bestimmte Formen der Depression (eher leicht, aber beharrlich) sowie einige charakteristische vegetative Störungen (nicht aber bei manifestem M. Parkinson) ist im Sinne der Naturheilkunde die Anregung und Förderung der körpereigenen Dopaminbildung vorzuziehen. Die zivilisatorischen Lebensbedingungen tragen zu einer unterschwelligen, daher oft schwer erkennbaren, aber doch erheblich einschränkenden Dopaminverarmung im Nervensystem bei. Dadurch verlieren wir an Lebensmut, Vitalität und Kraft. Derartige Probleme werden in der offiziellen Medizin nicht so sehr beachtet: in Zeiten des verschärften Kosten- und Termindruckes immer weniger. Für das individuelle Leben (z.B. bei chronischer Müdigkeit oder Lustlosigkeit) können sie jedoch sehr einschränkend und lähmend sein.

PS: Es gibt eine kürzlich gegründete Selbsthilfegruppe für Patienten mit RLS, bei der Informationsmaterial bestellt werden kann:

Restless legs RLS e.V.

Postfach 1247

82207 Herrsching

Telefon 08152196399

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