Ein relativ neues Leiden breitet
sich aus. Die Betroffenen erwachen nachts miteigenartigen quälenden
Mißempfindungen in den Beinen. Es ist eine kaum zu beschreibende
Mischung aus Schmerz, Hitzegefühl und Unruhe. Schließlich ist die
Qual so groß, daß sie entnervt ihr Bett verlassen und - etwas steif
und getrieben - in der Wohnung umherlaufen. Dabei lassen die Mißempfindungen
nach, aber der Schlaf ist gestört. Und oft kommen die unangenehmen Störungen
wieder zurück. Schließlich treten sie auch bei Tag auf.
Charakteristisch ist das Auftreten der Symptome erst in Ruhe und
Entspannung. Dies ist ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal für Mißempfindungen
in den Beinen aus anderer Ursache, z. B. von Durchblutungsstörungen
(deren Symptome sich unter Belastung verstärken) oder von
Polyneuropathien (deren Symptome von Ruhe bzw. Bewegung kaum beeinflußt
werden). Das Leben ist dadurch in einem Ausmaß, das andere kaum
nachempfinden können, beeinträchtigt. Das unbeherrschbare Symptom stört
die Ruhe und die Erholung. Es ist unheimlich. Die Betroffenen
verzweifeln.
Noch wird das Problem als Krankheits- und vor allem als Warnsymptom
nicht immer und überall erkannt bzw. ernstgenommen. Gutgemeinte, aber
oberflächliche Ratschläge helfen nicht weiter. In den USA wird das
Krankheitsbild (restless leg syndrome) seit den siebziger Jahren
erforscht.
Hinter dem Symptom steht ein bedeutungsvoller Mangel an Dopamin im
Zentralnervensystem. Bei genauerem Hinsehen finden sich oft noch
weitere Zeichen des Dopaminmangels:
- Einschränkungen der Spontanbeweglichkeit
- seelisch-geistige Einengung
- Depressionen
- diffuse Angstzustände
- abnorme Schmerzempfindlichkeit
- anfallartiges Schwitzen
- abnorme Müdigkeit
- gestörte Magen-Darm-Aktivität
- Herz-Kreislauf-Störungen
- hormonelle Störungen
- verminderte sexuelle Lust
- Gewichtszunahme
- Muskelverkrampfungen mit Maskengesicht, Grimassenbildung oder
marionettenartigen Bewegungen und kleinschrittigem Gang
- Zittern
- Verminderung der Zahl bzw. Aktivität der weißen Blutkörperchen
- Gedächtnisschwäche
Kaum eine andere Ursache steht hinter einem derartig weiten Feld
von Symptomen aus dem körperlichen, seelischen und geistigen Bereich.
Wir ersehen daraus die eminente Bedeutung des Dopamins für alle
Lebensvorgänge und Lebensbereiche, auf allen Ebenen: ohne Dopamin
sind wir:
- ohne Interesse an Leben und Umwelt
- bewegungsarm, wie gelähmt
- ängstlich und depressiv
- ohne Lebensmut
- empfindlich
- immunschwach
Das Problem der unruhigen Beine - oft als unerheblich abgetan -
weist hin auf einen beginnenden Mangel an Dopamin im Nervensystem.
Manchmal wird dieses Leiden noch als Bagatellsymptom abgetan. Besser
informierte Ärzte hochschulmedizinischer Orientierung behandeln die
unruhigen Beine neuerdings mit synthetischen Mitteln, die fördernd
auf die Dopaminsynthese bzw. -aktivität wirken. Diese Therapie führt
meist zu einer schnellen und befreienden Linderung der quälenden
Symptome. Allerdings verlieren die dopaminsynthese-fördernden Mittel
nach einiger Zeit (einigen Jahren) an Wirkung. Dann kann sich ihr
Effekt sogar umkehren.
Als Alternative können wir über seriöse orthomolekulare
Therapien der unruhigen Beine (restless leg syndrome) verfügen:
- Konsequente Meidung aller koffeinhaltigen Getränke und
Zubereitungen (Kaffee, Cola-Limonaden, Kakao, bedingt auch
schwarzer Tee).
- Nahrungsergänzung mit 3x 5 mg Folsäure (= Vitamin der
B-Gruppe) pro Tag für 6 Wochen. Die Folsäure ist nach allen
derzeitigen Kenntnissen völlig ungiftig. Allerdings sollten
derartige Dosierungen, die weit über der üblichen Zufuhr aus der
Nahrung liegen, prinzipiell nur unter ärztlicher bzw.
kenntnisreicher erfahrener therapeutischer Verantwortung gegeben
werden. Über die Anwendung der Folsäure, auch zur Prophylaxe von
Arterien- und Tumorkrankheiten, sowie die notwendigen Berücksichtigungen
wurde ausführlich in bisherigen Ausgaben (Januar, Februar und März
1995) der Reform-Rundschau berichtet.
Hinsichtlich des Syndroms der unruhigen Beine (restless leg
syndrome, RLS) hat die Folsäureergänzung zwei Formen des RLS
weitaus deutlicher als bisher unterscheiden lassen:
- die klassische Form des RLS mit Schmerzen, Taubheitsgefühl
oder brennenden Mißempfindungen, die durch Bewegen oder örtliche
Massage gelindert wird.
- die isolierte Form mit lediglich muskulärer Erregung und
Verkrampfung, ohne Beteiligung des sensiblen und vegetativen
Nervensystems. Diese Form ist viel seltener - und vermutlich nicht
durch Dopaminmangel bedingt (eher durch Übersäuerung).
Die Folsäuregabe erlaubt hier eine präzise diagnostische
Differenzierung. Denn nur die klassische Form des RLS spricht auf
Folsäureergänzung an.
- Nahrungsergänzung mit 300 I.E. Vitamin E pro Tag
Therapeutische Erfahrungsberichte (Ayres, S.: leg cramps and RLS
responsive to vitamin E. Calif. Med. 111, 87-91, 1969) belegen eine
überraschend gute Wirkung des Vitamin E bei RLS-Kombination mit
Folsäure ist unproblematisch möglich.
- Nahrungsergänzung mit L-Tryptophan
Tryptophan ist eine natürliche, essentielle Aminosäure,
reichlich enthalten in Milch, Hülsenfrüchten und Getreide (außer
Mais). Tryptophan ist die unentbehrliche Vorstufe für die körpereigene
Bildung des Nervenüberträgerstoffes Serotonin. Durch zusätzliche
Gaben von L-Tryptopha (2-3 g zur Nacht) wurden "dramatische
Verbesserungen" des RLS und von Schlafstörungen gesehen (Sandryk,
R., L-Tryptophan in the treatment of RLS. Brief an den Herausgeber.
Am J. Psychlat. 143 (4) 534f., 1986). Die Tryptophanmedikation würde
ich aus prinzipiellen Erwägungen nicht länger als 6 Wochen durchführen.
Jedenfalls sind für das Problem der unruhigen Beine (RLS) wirksame
Therapiemöglichkeiten auch mit Naturstoffen vorhanden. In der Praxis
ergänze ich die Behandlung noch mit einer Basenzufuhr (je nach
individueller Situation) zur Nacht.
Darüber hinaus ist das RLS immer als Hinweis auf eine beginnende
Dopaminverarmung im Nervensystem zu sehen. Das Dopamin ist eines
unserer wichtigsten Lebens- und Aktivitätshormone, wichtig auch für
die Bewegung und die Immunfunktionen. Dopaminmangel verursacht außerdem
quälende vegetative Symptome (s.o.). Die klassische
Dopaminmangelkrankheit (in bestimmten Hirnzentren) ist der Morbus
Parkinson. Dagegen kann ein Dopaminüberschuß nervliche Erregung bis
hin zu Halluzinationen bringen. Die Medikation mit Dopaminvorstufen (L-Dopa)
ist auch deshalb nicht unproblematisch. Bei schweren Formen der
Parkinson-Krankheit kann diese Medikation jedoch zumindest zeitweise
sehr hilfreich sein.
Für milde Formen des Dopaminmangels, z. B. des RLS für Antriebs-
und Aktivitätsstörungen und bestimmte Formen der Depression (eher
leicht, aber beharrlich) sowie einige charakteristische vegetative Störungen
(nicht aber bei manifestem M. Parkinson) ist im Sinne der
Naturheilkunde die Anregung und Förderung der körpereigenen
Dopaminbildung vorzuziehen. Die zivilisatorischen Lebensbedingungen
tragen zu einer unterschwelligen, daher oft schwer erkennbaren, aber
doch erheblich einschränkenden Dopaminverarmung im
Nervensystem bei. Dadurch verlieren wir an Lebensmut, Vitalität
und Kraft. Derartige Probleme werden in der offiziellen Medizin
nicht so sehr beachtet: in Zeiten des verschärften Kosten- und
Termindruckes immer weniger. Für das individuelle Leben (z.B. bei
chronischer Müdigkeit oder Lustlosigkeit) können sie jedoch sehr
einschränkend und lähmend sein.
PS: Es gibt eine kürzlich gegründete Selbsthilfegruppe für
Patienten mit RLS, bei der Informationsmaterial bestellt werden kann:
Restless legs RLS e.V.
Postfach 1247
82207 Herrsching
Telefon 08152196399