Der Weihrauch

Dr. med. O. Kuppe


Das neue Jahr hat begonnen. Kirchenglocken haben es eingeläutet; aber eigentlich ist die Weihnachtszeit noch nicht vorbei. Am Ende der zwölf heiligen Nächte steht im Kalender das Dreikönigsfest. Das orthodoxe Christentum der Ostkirche feiert am 6. Januar das wirkliche Weihnachtsfest.

Auch uns sind die Weisen aus dem Morgenland aus der biblischen Geschichte von Jugend an vertraut. Sie fehlen an keiner Krippe, sei es daheim oder in den Kirchen. Die drei Könige aus dem Morgenland geben dem Stall von Bethlehem etwas Besonderes, Kosmopolitisches. Sie bringen dem Jesusknaben, Maria und Josef Schätze aus dem Morgenland: Gold, Myrrhe und Weihrauch.

Vor 5000 Jahren entdeckte eine kleine Schiffsexpedition im Auftrag der Königin Hatschepsut das sagenumwobene Land Punt. Die alten Agypter tauschten dort Artikel des Landes, kostbare Gefäße, Statuetten und erlesene Stoffe gegen Gold, Spezerei und vor allem gegen Olibanum, den Weihrauch. Seit dieser Zeit spielen Duftstoffe und Gewürze, insbesondere aber der Weihrauch, auf den großen Handelsstraßen im Orient und später auch im Abendland eine große Rolle.

Das Land Punt sucht man heute auf der Karte vergebens. Nach neueren Geschichtsforschungen stehen die somalische Küste und das sudanesisch-äthiopische Quellgebiet am oberen Nil zur Diskussion.

Weihrauch gehört zu der Familie der Balsam-Baum-Gewächse. Es ist das getrocknete Harz des Boswellia thurifera Bäumchens, das ungefähr mannshoch wird und heute vor allem in Arabien, Somalia und Indien gedeiht. Zur Ernte wird der Stamm angeritzt, damit das Harz herausquellen kann. Es trocknet relativ schnell und kristallisiert in gelblich, weiß gesprenkelten Körnern verschiedener Größe. Diese hat man manchmal für kleine Steine gehalten. Der Duft wird als balsamisch, kampferähnlich, würzig, holzig, leicht zitrusartig beschrieben.

Das sind einige Fakten über diesen Balsambaum. Die hohe Wertschätzung aber, die dem Weihrauch in der Antike bis in die heutige Zeit entgegen gebracht wurde, läßt sich besser durch seine symbolhaften Eigenschaften erklären. "Weihrauch verbreitet Erhabenheit und Feierlichkeit. Der wohlriechende Stoff symbolisiert die zu Gott aufsteigenden Gebete oder in der Totenverehrung das Emporschweben der Seele." Auch bei der Verehrung einer hochgestellten Persönlichkeit hatte Olibanum eine besondere Bedeutung. Der Volksmund spricht heute noch, daß man jemanden "beweihräuchert". Auch böse Geister sollte der Duft vertreiben und Liebeszauber bewirken.

Alle alten Kulturvölker des Orients und der Antike kannten den Weihrauch. Die Könige von Babylon und Assyrien wurden häufig beim Rauchopfer abgebildet.

Aus der Art, wie das Harz verbrannte, deuteten die Priester die Gegenwart und weissagten die Zukunft. Im alten Persien verbrannten die Priester des Zoroaster fünfmal täglich Weihrauch auf ihren Opferfeuern.

Seit dem achten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung verwendeten auch die alten Griechen Olibanum zu kultischen Zwecken. Alexander der Große, so wird berichtet, schickte seinem Erzieher Leonidas aus Dankbarkeit eine ganze Schiffsladung Weihrauch, für damalige Zeit einen unermeßlichen Reichtum.

In späterer Zeit gelangte das duftende Harz auch nach Rom. Reiche und fromme Römer entzündeten es auf ihren Hausaltären. Besonders aber im Totenkult wurde Weihrauch geopfert. Kaiser Nero soll bei der Bestattung seiner Frau Popäa unvorstellbare Mengen verbrannt haben; angeblich mehr, als Arabien in einem Jahr erzeugte.

In späterer Zeit wurden vor allen Standbildern der Cäsaren Weihrauchkörner pflichtgemäß verbrannt.

Christen, die dieses Opfer verweigerten, wurden als Staatsfeinde zum Tode verurteilt.

Olibanum entwickelt als Räucherwerk einen sehr aromatischen Duft; in stärkerer Dosierung kann dieser sogar narkotisch wirken. Die Gewinnung einer Essenz erfolgt entweder durch alkoholischen Auszug oder mittels Wasserdampfdestillation. Eine weitere Eigenschaft des Olibanum ist, wie bei vielen ätherischen Ölen, eine antiseptische und desinfizierende. So wurde er bei Entzündungen der Atemwege, chronischer Bronchitis, Hals- und Rachenkatarrh angewendet. Innerlich wurde er benützt bei Magen-Darm-Infektionen und Entzündungen der ableitenden Harnwege. Auch als Antiseptikum bei Wunden und Geschwüren hat man ihn, wenn er nicht zu kostbar war, benützt.

Bringt man Weihrauch in eine "Duftlampe", so wirkt die ätherische Substanz stimulierend, beruhigend und krampflösend. Selbst in der Kosmetik spielte und spielt Olibanum in sehr feiner Dosierung eine Rolle. Die therapeutischen Eigenschaften sind nur ein geringer Teil des Spektrums, der die Substanz so wertvoll macht. Es ist der Duft des Räucherwerks, der eine ganz besondere Atmosphäre zu schaffen vermag.

Die frühen Christen lehnten den Weihrauch als heidnischen Brauch ab. Der Cäsarenkult war noch nicht lange genug vorüber.

Erst im vierten Jahrhundert nach Christi finden wir den Gebrauch des Weihrauchs bei den Gottesdiensten der griechisch-orthodoxen Kirche wieder.

In die Dome und Kathedralen des katholischen Abendlandes hielt der Weihrauch erst im Mittelalter Einzug.

Im Alten Testament wird berichtet, daß die sagenumwobene Königin von Saba einhundertzwanzig Talente Gold und Weihrauch dem König Salomon als Geschenk überreichte. Olibanum war ein so kostbarer Stoff, daß die Karawanenwege, auf denen der Transport erfolgte, unter dem Namen Weihrauchstraße bekannt geworden sind.

Südarabien war in seiner Blütezeit ein fruchtbarer Landstrich. Zu den natürlichen Reichtümern der Region zählten Gold, Kupfer und Edelsteine. Am einträglichsten war aber der Handel mit den Duftstoffen.

Genaue Vorschriften regelten den Vertrieb des Harzes und die Pflege der Olibanum-Wälder. Die Benützung der Straßen und der sicheren Herbergen in den Städten war durch Gesetz geregelt. Durch den Zoll der Handelsherren blühten die befestigten Orte an den Karawanenrouten auf.

Die wiederentdeckte und ausgegrabene Stadt Petra läßt uns heute noch erstaunen über den Reichtum der alten Kulturen.

Die Weihrauchsträße zog parallel zur Küste des Roten Meeres von Nord nach Süd. Reichtum erzeugt Feinde. So wechselten die alten Städte häufig den Besitzer und wurden im Laufe der Jahrhunderte zerstört. In späterer Zeit lösten Schiffe das Kamel als Transportmittel ab. Griechen, Römer und Araber übernahmen den gewinnbringenden Handel. Auf der Weihrauchstraße wurde unglaublich viel Geld verdient und gehortet.

Die Märchen aus Tausendundeiner Nacht erzählen von den Abenteuern und Gefahren, aber auch von den Schätzen, Gold und Edelsteinen und kostbaren Düften; insbesondere dem Weihrauch. Kein Wohlgeruch auf der ganzen Welt hat eine so lange und berühmte Geschichte.

Kein Hochamt in katholischen Kirchen, Domen und Kathedralen ist bis heute ohne den Weihrauch vorstellbar.

Er schafft eine feierliche, tragende Atmosphäre, er umhüllt die Gläubigen und läßt sie andächtig werden. Die Heiligen Drei Könige, die Weisen aus dem Morgenland, schenkten deshalb dem Jesuskind in der Krippe den Weihrauch als das Wertvollste, was die alte Zeit damals besaß.

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