Diät gegen Hefepilze: Sind die Empfehlungen begründet?

Dr. med. Klaus Mohr


Hefepilze im Darm sind zu einem Schreckgespenst für verunsicherte Patienten geworden. Vielfältige Erkrankungen werden derzeit mit einem Hefepilzbefall in Zusammenhang gebracht. Dabei wird nicht immer sorgfältig zwischen dem bloßen Vorhandensein von Hefepilzen (z. B. in Stuhlkulturen nachgewiesen) und Erkrankungen durch Hefepilze unterschieden. Ein wichtiges Laborkriterium dafür ist die eventuelle Koloniebildung krankheitsbegünstigender Hefepilze.

Einige namhafte Gastroenterologen vertreten die Auffassung, das Vorkommen von Candida-Hefen im Darm seien außerordentlich weit verbreitet und daher unwichtig. Eine Therapie sei daher kaum jemals erforderlich. Dieser Auffassung kann ich mich nicht anschließen. Denn zum einen finden sich Candida-Arten nur in etwa dreißig Prozent der untersuchten Stuhlproben. Und zum anderen sind diese Hefepilze außerordentlich häufig bei Patienten mit Immunstörungen, Haut- und Atemwegserkrankungen bzw. unter immunstörender Therapie nachzuweisen. Damit ist der Pilz zumindest als Indikator einer ernsthaften Störung und in einigen begründeten Fällen wohl auch als Mitursache sorgfältig in Betracht zu ziehen. Für die ursächliche Beteiligung an Krankheitsvorgängen spricht die prompte Besserung der Krankheitssymptome nach adäquater Therapie des nachgewiesenen Pilzbefalls, die ich selber bei vielen Patienten mit Neurodermitis und anderen Störungen der Immunbalance sowie Magen-Darm-Erkrankungen gesehen habe. Daher darf ein sorgfältig nachgewiesener Candida-Befall nicht von vorneherein als unerheblich abgetan und vernachlässigt werden.

Andererseits darf das Vorkommen von Candida-Keimen in Stuhlproben von Patienten mit allen möglichen chronischen oder konventionell schwierig zu behandelnden bzw. bisher erfolglos behandelten Krankheiten nicht zu der Annahme verführen, nun sei mit diesem Pilznachweis die Wurzel allen Übels gefunden. Eine derart eindimensionale (einfältige) Betrachtungsweise geht fehl. Und ebenso die eindimensionale Therapie komplizierter Krankheitsbilder mittels Antimykotika (= pilztötender Antibiotika). So gibt es Therapeuten, die alle antibiotischen Medikamente bei bakteriellen Infektionen polemisch ablehnen, aber gleichzeitig unbekümmert und flächendeckend Antimykotika propagieren - und dieses Vorgehen auch noch als moderne Naturheilkunde ausgeben. Diese Methode ist weder naturheilkundlich noch grundlegend heilungsbringend. Es ist derart eindimensional – nur ein Kurieren am Symptom. Gewöhnlich sind 5-8Tage nach Absetzen des Antimykotikums (meistens wird das freiverkäufliche, zum Glück ziemlich harmlose Nystatin verwendet, das im Darm nicht resorbiert wird) die Candida-Hefen wieder da: in der Stuhlprobe nachweisbar. Die eindimensionale Therapie mit "Antimykotika" ist daher langfristig ebenso wenig heilend wie jede andere isolierte Therapie mit Anti-Stoffen.

Die wirklichen Naturheilverfahren sind grundsätzlich auf fördernde (nicht Anti-) Maßnahmen hin orientiert: auf die Förderung der Selbstheilungskräfte und die Förderung der Gesundheit. Dieses Prinzip ist auch im Umgang mit dem Candida-Befall sinnvoll, zumindest als komplementäre Maßnahme. Auf den ersten Blick entsprechen Diäten zur "Aushungerung" von Candida-Kolonien dem naturheilkundlichen Prinzip, mit Hilfe sorgsam ausgewählter Nahrung das Kranke zu verhindern. Einige der modischen Anti-Pilz-Diäten sind jedoch restriktiv und bedenklich: Sie schränken z. B. mit ihrer Verzichtsforderung auf Obst und andere natürliche Nahrungsmittel den Organismus mehr ein als den Pilz. Selbst wenn die "Operation" gegen den Pilz gelingen würde, wäre der Patient dann schwächer als vorher.

Einige populäre Ratgeber haben solche Diäten propagiert. Der Nutzen für die Betroffenen ist bisher unbewiesen. Konkrete Untersuchungen lassen jedenfalls die vermeintlichen Erfolge von Anti-Pilz-Diäten als fragwürdige Versprechungen erscheinen. Hefepilze wachsen im Laborexperiment (keine Tierversuche!) bei Glukosekonzentrationen von 100 mg/dl nahezu genauso schnell wie bei 1000 mg/dl. Hierfür wurden Nährlösungen bei Bedingungen untersucht, die der Situation im menschlichen Organismus nachgebildet waren. Die Konzentration von 100 mg/dl entspricht den durchschnittlichen Zuckergehalten im Blut und Gewebsflüssigkeiten von Gesunden. Eine Aushungerung der Hefepilze mittels Zucker- bzw. Kohlenhydratentzug ist daher kaum möglich. Selbst ein Absenken der Glukosekonzentration auf 8 mg/dl (eine derart niedrige Zuckerkonzentration ist mit dem Leben des Organismus nicht vereinbar) führte lediglich zur Reduktion des Pilzwachstums um durchschnittlich 60 %, also keinesfalls zur Ausrottung der Pilze.

Nach wie vor bildet ein gesund arbeitendes Immunsystem die beste Barriere gegen übermäßiges und krankmachendes Pilzwachstum. Eine totale Hefe-Pilz-Elimination scheint ohnehin kaum möglich, wohl aber eine Koexistenz mit möglichst niedrigem Anteil an pathogenen Candida-Hefen. Mit einer guten Besiedlung durch milchsäurebildende Bakterien (Lactobiihus- und Acidophilusarten) sowie durch harmlose (= nicht pathogene) Hefearten, wie Bäcker-, Wein- oder Bierhefen, können die Candida Hefen weit zurückgedrängt werden. Die radikale Elimination ist Utopie und geht eher zu Lasten des Gesamtorganismus.

Wiederum erweist sich die Förderung von Gesundheit im Gesamtorganismus sinnvoller als die zwanghafte Bekämpfung isolierter Krankheitsfaktoren. Der Wert der Anti-Pilz-Ratgeber liegt in ihrer Bewußtseinsmobilisierung gegenüber der Indifferenz bei krankheitsbegünstigendem Pilzbefall und der Suche nach Alternativen zur unbedarften antimykotischen Breitbandabräumung. Sie stellen einen ersten Entwicklungsschritt von der naiven und letztlich allseits schädigenden Anti-Strategie dar, auf

dem Weg zu einer intelligenten, segensreichen Ko-Evolution: zum Wachstum von Gesundheit durch konstruktive Integration auch von potentiell krankmachenden Faktoren. Die Medizin des 20. Jahrhunderts war von Anti-Maßnahmen geprägt. Sie ist damit am Ende dieses Jahrhunderts ökonomisch gescheitert, danach von medizinischen Laien (Politikern und Verwaltungsbeamten) gegängelt.

Die offizielle Medizin am Ende des 20. Jahrhunderts leidet selber schwer an ihrer fehlenden Gesundheitsorientierung. Sie ist krankheitsfixiert und aufwendig, aber wenig weiterbringend, dadurch ganzheitlich gesehen wenig erfolgreich, aber teuer. Die neue Medizin muß symbiotisch gesundheitsfördernd sein, um den Menschen und der Gesellschaft weiterhelfen zu können.

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