Einige namhafte Gastroenterologen vertreten die Auffassung, das
Vorkommen von Candida-Hefen im Darm seien außerordentlich weit
verbreitet und daher unwichtig. Eine Therapie sei daher kaum jemals
erforderlich. Dieser Auffassung kann ich mich nicht anschließen. Denn
zum einen finden sich Candida-Arten nur in etwa dreißig Prozent der
untersuchten Stuhlproben. Und zum anderen sind diese Hefepilze außerordentlich
häufig bei Patienten mit Immunstörungen, Haut- und
Atemwegserkrankungen bzw. unter immunstörender Therapie nachzuweisen.
Damit ist der Pilz zumindest als Indikator einer ernsthaften Störung
und in einigen begründeten Fällen wohl auch als Mitursache sorgfältig
in Betracht zu ziehen. Für die ursächliche Beteiligung an
Krankheitsvorgängen spricht die prompte Besserung der
Krankheitssymptome nach adäquater Therapie des nachgewiesenen
Pilzbefalls, die ich selber bei vielen Patienten mit Neurodermitis und
anderen Störungen der Immunbalance sowie Magen-Darm-Erkrankungen
gesehen habe. Daher darf ein sorgfältig nachgewiesener Candida-Befall
nicht von vorneherein als unerheblich abgetan und vernachlässigt
werden.
Andererseits darf das Vorkommen von Candida-Keimen in Stuhlproben
von Patienten mit allen möglichen chronischen oder konventionell
schwierig zu behandelnden bzw. bisher erfolglos behandelten
Krankheiten nicht zu der Annahme verführen, nun sei mit diesem
Pilznachweis die Wurzel allen Übels gefunden. Eine derart
eindimensionale (einfältige) Betrachtungsweise geht fehl. Und ebenso
die eindimensionale Therapie komplizierter Krankheitsbilder mittels
Antimykotika (= pilztötender Antibiotika). So gibt es Therapeuten,
die alle antibiotischen Medikamente bei bakteriellen Infektionen
polemisch ablehnen, aber gleichzeitig unbekümmert und flächendeckend
Antimykotika propagieren - und dieses Vorgehen auch noch als moderne
Naturheilkunde ausgeben. Diese Methode ist weder naturheilkundlich
noch grundlegend heilungsbringend. Es ist derart eindimensional –
nur ein Kurieren am Symptom. Gewöhnlich sind 5-8Tage nach Absetzen
des Antimykotikums (meistens wird das freiverkäufliche, zum Glück
ziemlich harmlose Nystatin verwendet, das im Darm nicht resorbiert
wird) die Candida-Hefen wieder da: in der Stuhlprobe nachweisbar. Die
eindimensionale Therapie mit "Antimykotika" ist daher
langfristig ebenso wenig heilend wie jede andere isolierte Therapie
mit Anti-Stoffen.
Die wirklichen Naturheilverfahren sind grundsätzlich auf fördernde
(nicht Anti-) Maßnahmen hin orientiert: auf die Förderung der
Selbstheilungskräfte und die Förderung der Gesundheit. Dieses
Prinzip ist auch im Umgang mit dem Candida-Befall sinnvoll, zumindest
als komplementäre Maßnahme. Auf den ersten Blick entsprechen Diäten
zur "Aushungerung" von Candida-Kolonien dem
naturheilkundlichen Prinzip, mit Hilfe sorgsam ausgewählter Nahrung
das Kranke zu verhindern. Einige der modischen Anti-Pilz-Diäten sind
jedoch restriktiv und bedenklich: Sie schränken z. B. mit ihrer
Verzichtsforderung auf Obst und andere natürliche Nahrungsmittel den
Organismus mehr ein als den Pilz. Selbst wenn die
"Operation" gegen den Pilz gelingen würde, wäre der
Patient dann schwächer als vorher.
Einige populäre Ratgeber haben solche Diäten propagiert. Der
Nutzen für die Betroffenen ist bisher unbewiesen. Konkrete
Untersuchungen lassen jedenfalls die vermeintlichen Erfolge von
Anti-Pilz-Diäten als fragwürdige Versprechungen erscheinen.
Hefepilze wachsen im Laborexperiment (keine Tierversuche!) bei
Glukosekonzentrationen von 100 mg/dl nahezu genauso schnell wie bei
1000 mg/dl. Hierfür wurden Nährlösungen bei Bedingungen untersucht,
die der Situation im menschlichen Organismus nachgebildet waren. Die
Konzentration von 100 mg/dl entspricht den durchschnittlichen
Zuckergehalten im Blut und Gewebsflüssigkeiten von Gesunden. Eine
Aushungerung der Hefepilze mittels Zucker- bzw. Kohlenhydratentzug ist
daher kaum möglich. Selbst ein Absenken der Glukosekonzentration auf
8 mg/dl (eine derart niedrige Zuckerkonzentration ist mit dem Leben
des Organismus nicht vereinbar) führte lediglich zur Reduktion des
Pilzwachstums um durchschnittlich 60 %, also keinesfalls zur
Ausrottung der Pilze.
Nach wie vor bildet ein gesund arbeitendes Immunsystem die beste
Barriere gegen übermäßiges und krankmachendes Pilzwachstum. Eine
totale Hefe-Pilz-Elimination scheint ohnehin kaum möglich, wohl aber
eine Koexistenz mit möglichst niedrigem Anteil an pathogenen
Candida-Hefen. Mit einer guten Besiedlung durch milchsäurebildende
Bakterien (Lactobiihus- und Acidophilusarten) sowie durch harmlose (=
nicht pathogene) Hefearten, wie Bäcker-, Wein- oder Bierhefen, können
die Candida Hefen weit zurückgedrängt werden. Die radikale
Elimination ist Utopie und geht eher zu Lasten des Gesamtorganismus.
Wiederum erweist sich die Förderung von Gesundheit im
Gesamtorganismus sinnvoller als die zwanghafte Bekämpfung isolierter
Krankheitsfaktoren. Der Wert der Anti-Pilz-Ratgeber liegt in ihrer
Bewußtseinsmobilisierung gegenüber der Indifferenz bei krankheitsbegünstigendem
Pilzbefall und der Suche nach Alternativen zur unbedarften
antimykotischen Breitbandabräumung. Sie stellen einen ersten
Entwicklungsschritt von der naiven und letztlich allseits schädigenden
Anti-Strategie dar, auf
dem Weg zu einer intelligenten, segensreichen Ko-Evolution: zum
Wachstum von Gesundheit durch konstruktive Integration auch von
potentiell krankmachenden Faktoren. Die Medizin des 20. Jahrhunderts
war von Anti-Maßnahmen geprägt. Sie ist damit am Ende dieses
Jahrhunderts ökonomisch gescheitert, danach von medizinischen Laien
(Politikern und Verwaltungsbeamten) gegängelt.
Die offizielle Medizin am Ende des 20. Jahrhunderts leidet selber
schwer an ihrer fehlenden Gesundheitsorientierung. Sie ist
krankheitsfixiert und aufwendig, aber wenig weiterbringend, dadurch
ganzheitlich gesehen wenig erfolgreich, aber teuer. Die neue Medizin
muß symbiotisch gesundheitsfördernd sein, um den Menschen und der
Gesellschaft weiterhelfen zu können.