Wer zuviel gegessen hat, vor allem
zu fett und zu schwer, der tut gut daran, nach einer solchen
"festlichen" Mahlzeit ein Stück Ingwer zu kauen.
Ingwer gehört zu den feurigen Gewürzen. Alles in ihm ist wärmend
und aromatisierend, der Samen, die Blätter, die Stengel, aber
besonders die Wurzeln.
In Basel gab es eine Gasse der Gewürzkrämer, da aber Ingwer eine
der wichtigsten Substanzen des Gewürzsortiments war, hieß diese
Gasse "lmbergasse".
Bei dem Zingiber officinale, Ingwer hat auch noch andere Namen,
Imber, Ingber, Immerwurzel, engiisch:Ginger, französisch: Gingembre,
handelt es sich um den getrockneten Wurzelstock der Ingwerpflanze.
Diese gehört zu der großen Familie der Gewürzlilien. Über 200
tropische Stauden mit gewürzreichen Wurzeln gehören in diese
Spezies. Bis zu 1,50 Meter wird die Pflanze hoch. Lanzettenähnliche
Blätter, fast dem Zuckerrohr gleich, verleihen ihr ein schilfähnliches
Aussehen. Die Wurzelstöcke werden daumendick und
"geweihartig" verzweigt. In der Regel werden sie geschält.
Die getrockneten Ingwerwurzeln schmecken brennend scharf und haben ein
typisches Aroma.
Verwendet werden der getrocknete Wurzelstock oder die ganze
Pflanze, ein alkoholischer Auszug oder die Tinktur. Bei den
Inhaltsstoffen handelt es sich um ätherisches Öl, Gingerol, Harze,
Stärkesubstanzen und Zucker. Für den charakteristischen Geruch ist
in der Regel ein spezifischer Alkohol, das Zingiberol, verantwortlich.
Der scharfe Geschmack rührt her von den zum Teil noch unbekannten
Harzen.
Zingiber officinale ist ein uraltes Gewürz und spielt schon im
alten China eine Rolle: In den "Gesprächen des Konfuzius"
wird berichtet, daß der Meister "nie ohne Ingwer speiste".
Die Hauptgewürze der Soßen, die in derchinesischen Küche den
Gerichten beigegeben werden, verändern sich je nach Jahreszeit. Nur
so kann das Gleichgewicht zwischen Yin und Yang erhalten bleiben.
Diese den vier Jahreszeiten entsprechenden Zutaten sind: Ingwer,
Essig, chinesischer Wein und Salz. "Zwei Scheiben frischen
Ingwers an die beiden Seiten des Hausaltars gehängt, bedeutet die
Bitte um einen männlichen Nachkommen. Ersucht man die Gottheit um die
Vergrößerung der Sippe, dann legt man einige frische Wurzelstöcke
des Ingwer zu den Opfergaben. Dreißig Tage nach der Geburt eines
Kindes gaben chinesische Eltern ein großes Fest, um das Neugeborene
den Verwandten und Freunden vorzustellen. Unter den verschiedenen Gängen
des Festmahls fehlt nie ein Teller mit frischen Ingwerscheiben,
eingelegt in zartrosa chinesischem Essig." (Fazzioli)
Etwa zu Beginn unserer Zeitrechnung soll Ingwer zum erstenmal nach
Europa gebracht worden sein. Der Arzt Dioskurides, der um die Mitte
des 1. Jahrhunderts nach Christus lebte, schrieb über ihn: "Der
lngwer ist ein geeignetes Gewächs, das in Arabien sehr häufig
vorkommt. Das frische Kraut wird dort gekocht, vielen Dingen und Getränken
und Speisen zugemischt. Die Wurzeln sind wohlriechend und haben einen
pfefferartigen Geschmack. Diese wurden eingelegt und in irdenen Gefäßen
nach Italien gebracht."
Ingwer wirkt wärmend in der Magengrube, das haben die meisten von
uns schon längst festgestellt. Er fördert die Verdauung und ersetzt
einen Magenbitter. Ingwer ist ein typisch südliches Gewächs.
"Mit einem Wärmegrad des Klimas steigt auch die Würzkraft der
dort wachsenden Pflanzen. Die gemäßigten Zonen schenken die milden
Gewürze, die Tropen die feurigen. Vergleicht man miteinander
Wacholderbeere, Fenchel, Anis, Kümmel, Salbei, Rosmarin, Majoran,
Paprika, Pfeffer, Muskat, Zimt, dann ist man auf einem Weg von Norden
nach Süden gegangen." (Pelikan)
Der römische Geschichtenschreiber Plinius behauptet, Ingwer wächst
in Arabien. Das wird heute angezweifelt. Zingiber wurde genau wie
Pfeffer und andere scharfe Gewürze von arabischen Karawanen aus dem
Orient ans Mittelmeer gebracht. Aus Geschäftsgründen verstanden es
die Araber, das eigentliche Herkunftsland geheimzuhalten. Nach
Mitteleuropa und damit nach Deutschland dürfte der Ingwer erst im 9.
Jahrhundert gekommen sein. Der erste Augenzeugenbericht aus dem
Ursprungsland des Ingwer stammt von Marco Polo. Dieser lernte das Gewürz
in China kennen. Ingwer war die Frucht eines Strauches, aber nur die
Wurzel ist der eigentliche Ingwer.
In Westindien wurde der Ingwer erst wesentlich später, am Anfang
des 16. Jahrhunderts, durch den Spanier Mendossa angebaut.
Ingwerknollen stellten einen bedeutenden Exportartikel dar. 1 Million
Kilogramm sollen 1547 ausgeführt worden sein. Heute ist der größte
Ingwerexporteur der Weit Indien. Die Weltproduktion soll etwa 20000
Tonnen betragen. Vor allem die arabischen Länder haben einen großen
Ingwerverbrauch zu verzeichnen. Nach einer Statistik der Welternährungsorganisation
konsumiert ein Araber im Jahr 170 Gramm Ingwer, ein Schwede 65 Gramm,
aber ein Deutscher nur 5 Gramm.
Natürlich gibt es wie bei allen Gewürzen verschiedene
Handelsklassen, die geschmacklich und qualitativ variieren. Am besten
ist der Jamaika-Ingwer. Er soll das feinste Aroma haben, er kommt
geschält und gebleicht in den Handel. Die bengalischen Ingwerarten
wurden bei uns weitgehend durch den Jamaika-Ingwer verdrängt. Der
westafrikanische Ingwer zählt zu den schärfsten Produkten aller
Sorten und enthält am meisten ätherisches Öl. Aus chinesischem
Ingwer wird wie in alten Zeiten kandierte Ware hergestellt. Die zum
Kandieren bestimmten Wurzeln werden früher geerntet als der Gewürzingwer.
Sie sind dann weniger scharf und auch nicht so hart. Als Gewürz wird
Zingiber officinale in unseren Küchen und in der Gastronomie hauptsächlich
getrocknet und gemahlen verbraucht. So ist er heute Beigabe von Obst
und Gemüsesuppen, für Soßen, aber auch für Eingemachtes aller Art
und für Backwerk. Vielen Mischgewürzen ist Ingwer beigegeben. Die
Engländer trinken gerne schwachalkoholisches Bier mit Ingwerzusatz
"Gingerale". In Amerika gibt es ein alkoholfreies
Ingwerbier. Es sind aber auch eine Reihe Liköre auf dem Markt, z. B.
Angustura, Aromatique, Boonekamp, Magen- und Bitterliköre. Zur
Herstellung von kandiertem Ingwer werden die nicht vollausgereiften
Wurzelstöcke gebrüht, dann in kaltes Wasser gelegt und geschält,
das Wasser wird mehrfach gewechselt, um Bitterstoffe auszulaugen. Die
so gesäuberten Wurzelteile werden in heiße Zuckerlösung eingelegt
und damit kandiert. Heute finden wir bei uns in Confiserien, aber auch
schon in Supermärkten, kandierten Ingwer oder Konfekt, das mit
Schokolade überzogen ist.
In Europa spielt Zingiber officinale medizinisch kaum eine Rolle.
In asiatischen und afrikanischen Ländern wurde Ingwer als
Einreibemittel, aber auch als Medikament gegen Rheumatismus,
Magenschmerzen und Erkältungen verwendet. Auch als Zusatz von Parfüms
mit Orientnote wird Zingiber benutzt.
Phytotherapeutisch kann Ingwer angewendet werden als Magenmittel
bei Funktionsstörungen, aber auch als allgemeines Tonikum. Es gibt
homöopathische Verschüttelungen in bestimmten Potenzen. Ein ältereschinesisches
Rezept besagt, daß Ingwer zur Heilung von allen durch Kälte
verursachten Erkrankungen dienen kann, also bei beginnenden Infekten,
Kopfschmerzen und Katarrhen. Auch Übelkeit und Erbrechen soll die
"Droge" bessern. In unserer Volksmedizin gibt es einige
sicherlich gute Hinweise. Bei Erkältung und beginnender Grippe sollte
man täglich dreimal ein Stückchen kandierten Ingwer kauen. Ingwertee
wird ebenfalls empfohlen. Es gibt ihn in Spezialgeschäften zu kaufen.
Einfacher ist es natürlich, in eine Tasse Schwarztee eine
Messerspitze Ingwerpulver zu streuen. Sicherlich brauchbar ist eine
Empfehlung, kandierten Ingwer gegen Reisekrankheit zu kauen, sobald
ein Anflug von Übelkeit bemerkbar wird. Bei nervösem Magen soll
Ingwer in kleiner Dosierung hilfreich sein.
Die Rezepte aus den Zeiten des Marco Polo sind einfach, aber
wirkungsvoll. Denken Sie einmal daran, wenn Sie nach Süden unterwegs
sind.