Wenn es den Menschen (äußerlich)
sehr gut geht, richten sie ihren Übermut manchmal gegen ursprüngliche
lebensnotwendige Gegebenheiten. Leichtfertig verschwenden sie das
Lebensnotwendige, z.B. das Wasser und die Energie. Oder sie
verschmutzen es ohne Not, wie z.B. die Luft, die Erde und die Gewässer.
Schließlich diffamieren sie es noch, wie z. B. die Vitamine.
Anscheinend setzt der Wohlstand destruktive Züge im Menschen frei.
Seit einiger Zeit haben auch populäre Zeitschriften aus dem Natur-
und Testbereich das Vitamin G aufs Korn genommen. Möglicherweise ist
ihnen nicht bewußt, wie viele Menschen bis in unser Jahrhundert an
Vitamin-C-Mangel starben. Totaler Mangel an Vitamin C führt zum
Skorbut: Da fallen den Menschen die Zähne aus; die Linse im Auge wird
trübe und reißt ab; die Gelenke zerreißen und schließlich auch die
Arterienwände: so kommt der Tod durch inneres Verbluten. Der Skorbut
zeigt, wie nötig der Mensch auf das Vitamin C angewiesen ist, da er
(im Gegensatz zu den Pflanzen und den meisten Tierarten) selber kein
Vitamin C bilden kann. Auch die Redakteure der kritischen Populärzeitschriften
können selber kein Vitamin C bilden - wohl aber gegen es anschreiben.
Das gleiche gilt für Wissenschaftler, die gegen es forschen und
diskutieren. Und für Experten, die in ihren Sitzungen und
Richtliniendekreten die, Dosierung des Vitamin G möglichst gering
halten wollen. Was treibt nur alle diese Menschen zu ihrem Eifer gegen
einen lebensnotwendigen und ungiftigen Naturstoff? Ist es der Übermut
einer wohlhabenden Enkelgeneration, die ferne ist von Entbehrung, Not
und Skorbut? Anscheinend reicht zur Skorbutverhinderung eine
Tagesdosis von 20 mg Vitamin C/Tag. Für eine optimale Gesundheit, vor
allem im Alter, scheint aber eine gleichmäßige höhere Versorgung
mit Vitamin C erforderlich. Die Frage ist: wieviel und wie?
Der jüngste Höhepunkt (bzw. Tiefpunkt) der Kampagnen gegen das
Vitamin C ging von einer Studie aus, die vom Antioxidantien-Programm
des Britischen Ministeriums für Landwirtschaft, Fischerei und Ernährung
gefördert wurde. Durchgeführt wurde die Studie von Dr. lan Podmore
an der Abteilung für Pathologische Chemie der Universität Leicester.
Untersucht wurden 30 freiwillige Teilnehmer, die zunächst 6 Wochen
lang ein wirkstoffleeres Pulver erhielten und danach für 6 Wochen täglich
500 mg Ascorbinsäure (Vitamin C). In dreiwöchigen Abständen wurden
dabei die Spiegel der oxidierten Adenin- und Guaninbasen in der DNA
(Erbsubstanz) in den Lymphzellen aus Blutproben der Versuchsteilnehmer
ermittelt.
Der Versuchsansatz ist kompliziert und interessant. Der
vereinfachte Hintergrund ist.- Mit der Lebenstätigkeit entstehen in
den Körperzellen aller Lebewesen ständig hochreaktive Sauestoffmoleküle,
die Zellstrukturen, unter anderem die Erbsubstanz, verändern
(oxidieren). Diese Oxidationsschäden werden als eine wesentliche
Ursache für die allmähliche Alterung der Körperzellen und
gleichzeitig für die Ent- stehung von Krankheiten wie
Arteriosklerose, Krebs und lmmunfeiden an- gesehen. Mit Substanzen aus
dem Pflanzenreich kann sich der Organismus vor den Oxidationsschäden
weit gehend schützen. Die Vitamine C und E sind mit die bedeutendsten
Schutzstoffe vor Oxidation. Allerdings hat das Vitamin C noch
weiterreichende Wirkungen, vor allem auf die Bindegewebssubstanz
(Kollagenbildung).
Dr. Podmore und Mitarbeiter untersuchten nun die Oxidation der
Adenin- und Guaninbasen in der DNA von Lymphzellen vor und nach der
Zufuhr von 0,5 g Ascorbinsäure (Vitamin- C-Pulver) pro Tag. [Das
Ergebnis: Vorher fanden sich rund 0,27 Prozent oxidierte Guaninbasen
bzw. 0,12 Prozent oxidierte Adeninbasen in der Erbsubstanz, nach 0,5
Gramm Ascorbinsäure rund 0,14 Prozent oxidierte Guaninbasen bzw. 0,26
oxidierte Adeninbasen. Die Wertigkeit der Basen ist gleich. Daher ist
das Ergebnis des Versuchs, unter dem Strich bei Addition der Veränderung
nach gegenüber vor, eine schlichte Null. "Außer Spesen nichts
gewesen."
Ganz anders aber die Interpretation von Dr. Podmore - und die
Resonanz in den Medien. Dr. Podmore und Mitarbeiter betonten ebenso
stolz wie einseitig: Our discovery of an inorease in a potentialy
mutagenic Lesion, 8-oxo adenine, fol- lowing a typical vitamin C
supplementation (= unsere Entdeckung eines Anstiegs einer möglicherweise
erbgutverändernden Schädigung, 8-Oxoadenin, nach typischer
Vitamin-C-Ergänzung ...
Zu den gleichzeitig gemessenen Verbesserungen der 8-Oxoguaninbasen
schreibt Dr. Podmore in seiner Schlußfolgerung bezeichnenderweise: nichts.
Das ist menschlich verständlich; wer möchte schon seine aufwendige
komplizierte Arbeit als (kostenträchtiges) Nullsummenspiel erklären?
Und die seriöse Deutsche Presse-Agentur (dpa) über- schrieb ihre
Meldung über Dr. Podmores Studie:"Zuviel Vitamin C schadet
Erbgut-Bausteinen". Und die Ärzte Zeitung titelte: "Vitamin
C schädigt Lymphzell-Erbgut bei Menschen". Das brave Publikum -
unkritische Laien wie vielleicht auch manche Ärzte - liest's und
glaubt's. Einer Halbmeldung auf- gesessen. So werden heute Meinungen
gemacht. Der eine schreibt noch: "Zuviel Vitamin C schadet"
- und der andere titelt schon "Vitamin C schädigt".
Tatsache ist: Aus der Untersuchung von Dr. Podmore ist keine
Dosis-Wirkungs-Beziehung ("Zuviel") und im Ergebnis keine
Schädigung abzuleiten, sondern lediglich eine Umverteilung der
Oxidation vom Guanin auf das Adenin. Diese Umverteilung ist ein
(scheinbar) paradoxes Phänomen, da das Vitamin C ein biologisch
hochwirksames Reduktionsmittel (Schutzsubstanz vor Anti- oxidantien)
ist. Deshalb hätte Dr. Podmore sich unbedingt fragen müssen, warum
das Vitamin C in seiner Studie einmal antioxidativ (reduzierend) und
gleichzeitig prooxidativ (entgegen seiner naturbestimmten Eigenschaft)
wirkt. Denn der Titel von Dr. Podmores Studie "Vitamin C entblößt
sein prooxidierendes Gemächt" verspricht eine aufregende, neue
Erkenntnis.
Zum Glück für das seriöse Vitamin C und die Menschen, die es benötigen,
hält das Ergebnis der Studie dem vollmundigen Titel nicht stand.
Bezeichnenderweise fragt Herr Dr. Podmore auch in keinem Satz, wie und
warum in seiner Stu- die ein gut bekanntes Reduktionsmittel nun plötzlich
(bei Dr. Podmore) oxidierende Eigenschaften entblößt. Immerhin wäre
z. B. die Hypothese, daß Wasser ein gutes Trocknungsmittel sei, ähnlich
bemerkenswert. Jeder Mensch, der in seinem guten Anzug in strömendem
Regen ging, würde sich über eine derartige Feststellung wundern.
Wenn er danach 2-3 Stunden am warmen Ofen saß, ist der Anzug wieder
trocken: Schon ist die Hypothese bewiesen. Das Innenfutter ist zwar
noch naß.- Nicht erwähnenswert für die Zusammenfassung?
Die erwähnte Studie folgt genau diesem Muster: Es wird isolierte,
schnellösliche Ascorbinsäure in relativ hoher Einmaldosis pro Tag
gegeben. Die Serumspiegel steigen schnell. Die Körperzellen werden
mit Ascorbinsäure gesättigt. Ascorbinsäure ist ein wirksames
Antioxidans (Reduktionsmittel). Die oxidierten Zellbestandteile werden
- biologisch und gesundheitlich wünschenswert - in reduziertem
Zustand gehalten bzw. vor Oxidation geschützt. So auch die Purin- und
Pyrimidinbasen der Erbsubstanz (DNA): Adenin, Guanin, Cytosin und
Thymin. Warum sollte die Ascorbinsäure das eine vor Oxidation schützen
und - entgegen ihrer Eigenschaft - das andere oxidieren?
Das Problem beginnt erst, wenn die Katze aus dem Haus ist: wenn die
Ascorbinsäurespiegel wieder fallen. Dann setzen Gegenbewegungen ein:
Das Redoxpotential in den Körperzellen steigt in den stärker
oxidativen Bereich. Die Lösung des Problems ist daher: für
ausreichend gleichmäßige Ascorbinsäurespiegel in den Zellen sorgen.
Die vermehrte Oxidationsrate des Adenins in der Studie läßt auf
zeitweise unzureichende Vitamin-C-Spiegel schließen. Derartige
Schwankungen treten nach isolierter Zufuhr von Naturstoffen auf. In
den Seminaren der reform-rundschau haben wir mit den Teilnehmern daher
schon seit langem optimierte Anwendungsregeln auch für das Vitamin C
erarbeitet:
- keine schnellöslichen Ascorbinsäurepulver
- Vitamin-C-Gaben stets mit natürlichen Begleitstoffen (Bioflavonoiden)
- über den Tag verteilt
- oder mit gleichmäßiger Freisetzung.
Ein Ergebnis von Dr. Podmores Studie zeigt die Berechtigung dieser
Anwendungsregeln. Deshalb sollten Sie Vitamine nicht irgendwo kaufen,
z. B., weil die Präparate da besonders billig sind. Sondern dort, wo
natürliche Herkunft mit integralen Begleitstoffen, hochwertiger
Qualität und Zubereitung mit guter Beratung zusammentreffen: wie im
Reformhaus.