Die Verwirrung um das Vitamin C

von Dr. med. Klaus Mohr


Wenn es den Menschen (äußerlich) sehr gut geht, richten sie ihren Übermut manchmal gegen ursprüngliche lebensnotwendige Gegebenheiten. Leichtfertig verschwenden sie das Lebensnotwendige, z.B. das Wasser und die Energie. Oder sie verschmutzen es ohne Not, wie z.B. die Luft, die Erde und die Gewässer. Schließlich diffamieren sie es noch, wie z. B. die Vitamine. Anscheinend setzt der Wohlstand destruktive Züge im Menschen frei.

Seit einiger Zeit haben auch populäre Zeitschriften aus dem Natur- und Testbereich das Vitamin G aufs Korn genommen. Möglicherweise ist ihnen nicht bewußt, wie viele Menschen bis in unser Jahrhundert an Vitamin-C-Mangel starben. Totaler Mangel an Vitamin C führt zum Skorbut: Da fallen den Menschen die Zähne aus; die Linse im Auge wird trübe und reißt ab; die Gelenke zerreißen und schließlich auch die Arterienwände: so kommt der Tod durch inneres Verbluten. Der Skorbut zeigt, wie nötig der Mensch auf das Vitamin C angewiesen ist, da er (im Gegensatz zu den Pflanzen und den meisten Tierarten) selber kein Vitamin C bilden kann. Auch die Redakteure der kritischen Populärzeitschriften können selber kein Vitamin C bilden - wohl aber gegen es anschreiben. Das gleiche gilt für Wissenschaftler, die gegen es forschen und diskutieren. Und für Experten, die in ihren Sitzungen und Richtliniendekreten die, Dosierung des Vitamin G möglichst gering halten wollen. Was treibt nur alle diese Menschen zu ihrem Eifer gegen einen lebensnotwendigen und ungiftigen Naturstoff? Ist es der Übermut einer wohlhabenden Enkelgeneration, die ferne ist von Entbehrung, Not und Skorbut? Anscheinend reicht zur Skorbutverhinderung eine Tagesdosis von 20 mg Vitamin C/Tag. Für eine optimale Gesundheit, vor allem im Alter, scheint aber eine gleichmäßige höhere Versorgung mit Vitamin C erforderlich. Die Frage ist: wieviel und wie?

Der jüngste Höhepunkt (bzw. Tiefpunkt) der Kampagnen gegen das Vitamin C ging von einer Studie aus, die vom Antioxidantien-Programm des Britischen Ministeriums für Landwirtschaft, Fischerei und Ernährung gefördert wurde. Durchgeführt wurde die Studie von Dr. lan Podmore an der Abteilung für Pathologische Chemie der Universität Leicester. Untersucht wurden 30 freiwillige Teilnehmer, die zunächst 6 Wochen lang ein wirkstoffleeres Pulver erhielten und danach für 6 Wochen täglich 500 mg Ascorbinsäure (Vitamin C). In dreiwöchigen Abständen wurden dabei die Spiegel der oxidierten Adenin- und Guaninbasen in der DNA (Erbsubstanz) in den Lymphzellen aus Blutproben der Versuchsteilnehmer ermittelt.

 

Der Versuchsansatz ist kompliziert und interessant. Der vereinfachte Hintergrund ist.- Mit der Lebenstätigkeit entstehen in den Körperzellen aller Lebewesen ständig hochreaktive Sauestoffmoleküle, die Zellstrukturen, unter anderem die Erbsubstanz, verändern (oxidieren). Diese Oxidationsschäden werden als eine wesentliche Ursache für die allmähliche Alterung der Körperzellen und gleichzeitig für die Ent- stehung von Krankheiten wie Arteriosklerose, Krebs und lmmunfeiden an- gesehen. Mit Substanzen aus dem Pflanzenreich kann sich der Organismus vor den Oxidationsschäden weit gehend schützen. Die Vitamine C und E sind mit die bedeutendsten Schutzstoffe vor Oxidation. Allerdings hat das Vitamin C noch weiterreichende Wirkungen, vor allem auf die Bindegewebssubstanz (Kollagenbildung).

Dr. Podmore und Mitarbeiter untersuchten nun die Oxidation der Adenin- und Guaninbasen in der DNA von Lymphzellen vor und nach der Zufuhr von 0,5 g Ascorbinsäure (Vitamin- C-Pulver) pro Tag. [Das Ergebnis: Vorher fanden sich rund 0,27 Prozent oxidierte Guaninbasen bzw. 0,12 Prozent oxidierte Adeninbasen in der Erbsubstanz, nach 0,5 Gramm Ascorbinsäure rund 0,14 Prozent oxidierte Guaninbasen bzw. 0,26 oxidierte Adeninbasen. Die Wertigkeit der Basen ist gleich. Daher ist das Ergebnis des Versuchs, unter dem Strich bei Addition der Veränderung nach gegenüber vor, eine schlichte Null. "Außer Spesen nichts gewesen."

Ganz anders aber die Interpretation von Dr. Podmore - und die Resonanz in den Medien. Dr. Podmore und Mitarbeiter betonten ebenso stolz wie einseitig: Our discovery of an inorease in a potentialy mutagenic Lesion, 8-oxo adenine, fol- lowing a typical vitamin C supplementation (= unsere Entdeckung eines Anstiegs einer möglicherweise erbgutverändernden Schädigung, 8-Oxoadenin, nach typischer Vitamin-C-Ergänzung ...

Zu den gleichzeitig gemessenen Verbesserungen der 8-Oxoguaninbasen schreibt Dr. Podmore in seiner Schlußfolgerung bezeichnenderweise: nichts. Das ist menschlich verständlich; wer möchte schon seine aufwendige komplizierte Arbeit als (kostenträchtiges) Nullsummenspiel erklären?

Und die seriöse Deutsche Presse-Agentur (dpa) über- schrieb ihre Meldung über Dr. Podmores Studie:"Zuviel Vitamin C schadet Erbgut-Bausteinen". Und die Ärzte Zeitung titelte: "Vitamin C schädigt Lymphzell-Erbgut bei Menschen". Das brave Publikum - unkritische Laien wie vielleicht auch manche Ärzte - liest's und glaubt's. Einer Halbmeldung auf- gesessen. So werden heute Meinungen gemacht. Der eine schreibt noch: "Zuviel Vitamin C schadet" - und der andere titelt schon "Vitamin C schädigt". Tatsache ist: Aus der Untersuchung von Dr. Podmore ist keine Dosis-Wirkungs-Beziehung ("Zuviel") und im Ergebnis keine Schädigung abzuleiten, sondern lediglich eine Umverteilung der Oxidation vom Guanin auf das Adenin. Diese Umverteilung ist ein (scheinbar) paradoxes Phänomen, da das Vitamin C ein biologisch hochwirksames Reduktionsmittel (Schutzsubstanz vor Anti- oxidantien) ist. Deshalb hätte Dr. Podmore sich unbedingt fragen müssen, warum das Vitamin C in seiner Studie einmal antioxidativ (reduzierend) und gleichzeitig prooxidativ (entgegen seiner naturbestimmten Eigenschaft) wirkt. Denn der Titel von Dr. Podmores Studie "Vitamin C entblößt sein prooxidierendes Gemächt" verspricht eine aufregende, neue Erkenntnis.

Zum Glück für das seriöse Vitamin C und die Menschen, die es benötigen, hält das Ergebnis der Studie dem vollmundigen Titel nicht stand. Bezeichnenderweise fragt Herr Dr. Podmore auch in keinem Satz, wie und warum in seiner Stu- die ein gut bekanntes Reduktionsmittel nun plötzlich (bei Dr. Podmore) oxidierende Eigenschaften entblößt. Immerhin wäre z. B. die Hypothese, daß Wasser ein gutes Trocknungsmittel sei, ähnlich bemerkenswert. Jeder Mensch, der in seinem guten Anzug in strömendem Regen ging, würde sich über eine derartige Feststellung wundern. Wenn er danach 2-3 Stunden am warmen Ofen saß, ist der Anzug wieder trocken: Schon ist die Hypothese bewiesen. Das Innenfutter ist zwar noch naß.- Nicht erwähnenswert für die Zusammenfassung?

Die erwähnte Studie folgt genau diesem Muster: Es wird isolierte, schnellösliche Ascorbinsäure in relativ hoher Einmaldosis pro Tag gegeben. Die Serumspiegel steigen schnell. Die Körperzellen werden mit Ascorbinsäure gesättigt. Ascorbinsäure ist ein wirksames Antioxidans (Reduktionsmittel). Die oxidierten Zellbestandteile werden - biologisch und gesundheitlich wünschenswert - in reduziertem Zustand gehalten bzw. vor Oxidation geschützt. So auch die Purin- und Pyrimidinbasen der Erbsubstanz (DNA): Adenin, Guanin, Cytosin und Thymin. Warum sollte die Ascorbinsäure das eine vor Oxidation schützen und - entgegen ihrer Eigenschaft - das andere oxidieren?

Das Problem beginnt erst, wenn die Katze aus dem Haus ist: wenn die Ascorbinsäurespiegel wieder fallen. Dann setzen Gegenbewegungen ein: Das Redoxpotential in den Körperzellen steigt in den stärker oxidativen Bereich. Die Lösung des Problems ist daher: für ausreichend gleichmäßige Ascorbinsäurespiegel in den Zellen sorgen. Die vermehrte Oxidationsrate des Adenins in der Studie läßt auf zeitweise unzureichende Vitamin-C-Spiegel schließen. Derartige Schwankungen treten nach isolierter Zufuhr von Naturstoffen auf. In den Seminaren der reform-rundschau haben wir mit den Teilnehmern daher schon seit langem optimierte Anwendungsregeln auch für das Vitamin C erarbeitet:

  • keine schnellöslichen Ascorbinsäurepulver
  • Vitamin-C-Gaben stets mit natürlichen Begleitstoffen (Bioflavonoiden)
  • über den Tag verteilt
  • oder mit gleichmäßiger Freisetzung.

Ein Ergebnis von Dr. Podmores Studie zeigt die Berechtigung dieser Anwendungsregeln. Deshalb sollten Sie Vitamine nicht irgendwo kaufen, z. B., weil die Präparate da besonders billig sind. Sondern dort, wo natürliche Herkunft mit integralen Begleitstoffen, hochwertiger Qualität und Zubereitung mit guter Beratung zusammentreffen: wie im Reformhaus.

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