Das Schreiben über
Umweltkrankheiten ist sehr populär geworden. Einige sehr engagierte
und kompetente Kollegen äußern sich aufgrund eigener Erfahrungen,
manchmal auch aus persönlicher Betroffenheit, sachlich und
bescheiden. Allerdings erscheinen manchmal auch spektakuläre und
spekulative Berichte, die dann auch zu einseitigen und teuren
Therapieverfahren auffordern.
Deshalb scheint es an der Zeit, für die Leser der Reform-Rundschau
einige Anmerkungen zur persönlichen Orientierung zusammenzustellen.
Zweifellos hat sich - infolge menschlicher Aktivitäten - die
Umwelt der Menschen in wenigen Jahrzehnten massiv geändert. Eine große
Zahl neuer chemischer Verbindungen wurde synthetisiert: für die
industrielle Produktion, für die Landwirtschaft, für die
Nahrungsmittelindustrie, für die Medizin und viele weitere Bereiche.
So wurde die Erde, das Wasser und die Luft mit einer Vielzahl von
Chemikalien belastet, deren langfristige Auswirkungen auf die
Lebensvorgänge wir kaum kennen. Noch weniger können wir über die
vielfältigen Wechselwirkungen sagen. Deshalb ist es sehr schwierig,
einen umfassenden oder gar definitiven Bericht über
chemikalieninduzierte Krankheiten vorzulegen. Zu jeder Substanz wären,
soweit überhaupt erforscht, viele Seiten mit Informationen
erforderlich. Die Sammlung würde eine ganze Bibliothek füllen.
Wir müssen uns darum auf einige grundlegende Aspekte beschränken
- und dabei deren absoluter Unvollständigkeit bewußt sein.
Prinzipiell kann jede Substanz, die auf den Organismus einwirkt,
schädigend für ihn sein: mehr oder weniger giftig - oder gar tödlich.
Dies hängt von den chemischen und physikalischen Eigenschaften dieser
Substanz ab, von der einwirkenden Menge (Dosis), der Einwirkungsdauer
(Zufuhrhäufigkeit) - und nicht zuletzt von den Ausgangsbedingungen
und Reaktionen des Organismus selber.
Bei der Schädigung durch Chemikalien steht die Frage nach einer möglichen
Tumorauslösung bzw. einer Schädigung der Erbsubstanz an vorderster
Stelle. Zweifelsfrei bzw. wahrscheinlich tumorauslösend (kanzerogen)
sind rund 60 Gefahrstoffe. Sie sind nach der Gefahrstoffverordnung in
der MAK-Werte-Liste erfaßt, die von Expertenkommissionen erstellt
wurden. Aufgrund von Kurzzeittests stehen weitere 4000 Substanzen im
Verdacht der Kanzerogenität. Die Tumorhäufigkeit und -gefährdung
sind im Industriezeitalter steil angestiegen.
Neben der Erbgutveränderung und Kanzerogenität sind Organschäden
(der Atemwege, der Blutbildung, der Haut, des Herzens, des
Immunsystems, der Leber, des Nervensystems, der Nieren und des
Stoffwechsels) auf Umweltgifte zurückzuführen. Besonders bedeutsam
sind die resultierenden Abwehrschwächen und die Funktionsschädigungen
des Zentralnervensystems.
Schwächend auf das Immunsystem, d. h. abwehrschädigend, wirken
nach bisherigen Untersuchungen vor allem die Dioxine ("Seveso-Gift"),
die polychlorierten Biphenyle (PCB), andere chlorierte
Kohlenwasserstoffe, Quecksilbersalze, Cadmiumverbindungen,
Benzinzusatz- und Verbrennungsprodukte - also Emissionen des
Automobilverkehrs - und Produkte der Kunststoffverbrennung (HVC - auch
in medizinischen Einwegartikeln) und flüchtigen Lösungsmittel (z.B.
von Farben, Reinigungsmitteln und anderen technischen Produkten).
Mancherlei ist in den letzten Jahren zur Eindämmung der
Schadstoffproduktion geschehen, wobei allerdings der weitgehend überflüssige
Automobilverkehr noch unverantwortlich unbeeinträchtigt blieb. Wir
sollten nicht abwarten, bis sich dieses Problem mit Elimination des
Menschen sozusagen automatisch löst. Auch viele Luxusmaßnahmen der
Medizin mit hoher Schadstoffproduktion und Umweltbelastung müssen
unbedingt kritischer indiziert werden.
Bei den Schäden des Nervensystems, die sich von Verhaltensauffälligkeiten
über Depressionen, Müdigkeit, Initiativ - und Interessestörungen
bis zu Gefühlsstörungen und Lähmung äußern können, sind nach
derzeitiger Kenntnis Pentachlorphenole (aus Holzschutzmitteln) und
Bestandteile von Herbiziden beteiligt. Weltweit sind etwa 850
Arbeitsstoffe, die nervenschädigend wirken können, bekannt.
Mit der Gefährdung von Immun- und Nervenfunktionen sind elementare
Bereiche des Menschseins betroffen. Ohne alle Hysterie oder Tabus ist
diese Gefahr sehr nüchtern zu sehen und ernst zu nehmen.
Daher müssen wir zunächst in unserem unnlittelbaren Bereich, aus
persönlicher Verantwortung, alle Möglichkeiten zur Eindämmung der
Schadstoffproduktion praktizieren - auch unter Verzicht auf
Bequemlichkeit, Konsum und vordergründigen materiellen Nutzen. Dazu müssen
wir auch unsere Energie auf die sachliche konstruktive Arbeit, auf die
Erhaltung der Lebensgrundlagen konzentrieren statt auf kleinliche
Streitereien, neurotische Konflikte und Machtspiele, einschließlich
Ausbeutungsversuchen der Gemeinschaft. Der Text "Miteinander
statt gegeneinander" auf Seite 4 und 6 dieses Heftes der rr möchte
diesen vielschichtigen Aspekt bewußter werden lassen: Letztlich hängt
das Problem unserer Schädigung durch Gefahrstoffe von unserem eigenen
Verhalten, insbesondere von unserem eigenen Anspruch ab.
Damit sind aber unsere Möglichkeiten im persönlichen Bereich noch
nicht erschöpft. Die Konsequenz, ob eine individuelle, konkrete Schädigung
eintritt - oder ob sie nicht eintritt -, können wir durchaus
mitbeeinflussen:
Wir können Schadstoffe in unserem Körperinneren inaktivieren (z.
B. Quecksilberionen mit Selenverbindungen),
wir können die Ausscheidung von Schadstoffen forcieren (z. B. Ölspülungen,
Förderung des Gallenflusses mit Bitterstoffpflanzen, mit basenüberschüssiger
Nahrung u. a.),
wir können die entscheidende Endstrecke der meisten
Schadstoffwirkungen blockieren, nämlich die Radikaleninduktion (z. B.
mit radikalenfangenden Vitaminen),
wir können mutagene, kanzerogene Substanzen modulieren(z.B. mit
Pflanzenstoffen),
wir können die Reparatur, bedingt sogar die Regeneration der
Nukleinsäuren in den Zellen und Kernen unserer entscheidenden
Lebensinformation fördern, z. B. mit Folsäure