Erkrankungen durch Chemikalien ("Umweltkrankheiten")

Dr. med. Klaus Mohr


Das Schreiben über Umweltkrankheiten ist sehr populär geworden. Einige sehr engagierte und kompetente Kollegen äußern sich aufgrund eigener Erfahrungen, manchmal auch aus persönlicher Betroffenheit, sachlich und bescheiden. Allerdings erscheinen manchmal auch spektakuläre und spekulative Berichte, die dann auch zu einseitigen und teuren Therapieverfahren auffordern.

Deshalb scheint es an der Zeit, für die Leser der Reform-Rundschau einige Anmerkungen zur persönlichen Orientierung zusammenzustellen.

Zweifellos hat sich - infolge menschlicher Aktivitäten - die Umwelt der Menschen in wenigen Jahrzehnten massiv geändert. Eine große Zahl neuer chemischer Verbindungen wurde synthetisiert: für die industrielle Produktion, für die Landwirtschaft, für die Nahrungsmittelindustrie, für die Medizin und viele weitere Bereiche. So wurde die Erde, das Wasser und die Luft mit einer Vielzahl von Chemikalien belastet, deren langfristige Auswirkungen auf die Lebensvorgänge wir kaum kennen. Noch weniger können wir über die vielfältigen Wechselwirkungen sagen. Deshalb ist es sehr schwierig, einen umfassenden oder gar definitiven Bericht über chemikalieninduzierte Krankheiten vorzulegen. Zu jeder Substanz wären, soweit überhaupt erforscht, viele Seiten mit Informationen erforderlich. Die Sammlung würde eine ganze Bibliothek füllen.

Wir müssen uns darum auf einige grundlegende Aspekte beschränken - und dabei deren absoluter Unvollständigkeit bewußt sein.

Prinzipiell kann jede Substanz, die auf den Organismus einwirkt, schädigend für ihn sein: mehr oder weniger giftig - oder gar tödlich. Dies hängt von den chemischen und physikalischen Eigenschaften dieser Substanz ab, von der einwirkenden Menge (Dosis), der Einwirkungsdauer (Zufuhrhäufigkeit) - und nicht zuletzt von den Ausgangsbedingungen und Reaktionen des Organismus selber.

Bei der Schädigung durch Chemikalien steht die Frage nach einer möglichen Tumorauslösung bzw. einer Schädigung der Erbsubstanz an vorderster Stelle. Zweifelsfrei bzw. wahrscheinlich tumorauslösend (kanzerogen) sind rund 60 Gefahrstoffe. Sie sind nach der Gefahrstoffverordnung in der MAK-Werte-Liste erfaßt, die von Expertenkommissionen erstellt wurden. Aufgrund von Kurzzeittests stehen weitere 4000 Substanzen im Verdacht der Kanzerogenität. Die Tumorhäufigkeit und -gefährdung sind im Industriezeitalter steil angestiegen.

Neben der Erbgutveränderung und Kanzerogenität sind Organschäden (der Atemwege, der Blutbildung, der Haut, des Herzens, des Immunsystems, der Leber, des Nervensystems, der Nieren und des Stoffwechsels) auf Umweltgifte zurückzuführen. Besonders bedeutsam sind die resultierenden Abwehrschwächen und die Funktionsschädigungen des Zentralnervensystems.

Schwächend auf das Immunsystem, d. h. abwehrschädigend, wirken nach bisherigen Untersuchungen vor allem die Dioxine ("Seveso-Gift"), die polychlorierten Biphenyle (PCB), andere chlorierte Kohlenwasserstoffe, Quecksilbersalze, Cadmiumverbindungen, Benzinzusatz- und Verbrennungsprodukte - also Emissionen des Automobilverkehrs - und Produkte der Kunststoffverbrennung (HVC - auch in medizinischen Einwegartikeln) und flüchtigen Lösungsmittel (z.B. von Farben, Reinigungsmitteln und anderen technischen Produkten).

Mancherlei ist in den letzten Jahren zur Eindämmung der Schadstoffproduktion geschehen, wobei allerdings der weitgehend überflüssige Automobilverkehr noch unverantwortlich unbeeinträchtigt blieb. Wir sollten nicht abwarten, bis sich dieses Problem mit Elimination des Menschen sozusagen automatisch löst. Auch viele Luxusmaßnahmen der Medizin mit hoher Schadstoffproduktion und Umweltbelastung müssen unbedingt kritischer indiziert werden.

Bei den Schäden des Nervensystems, die sich von Verhaltensauffälligkeiten über Depressionen, Müdigkeit, Initiativ - und Interessestörungen bis zu Gefühlsstörungen und Lähmung äußern können, sind nach derzeitiger Kenntnis Pentachlorphenole (aus Holzschutzmitteln) und Bestandteile von Herbiziden beteiligt. Weltweit sind etwa 850 Arbeitsstoffe, die nervenschädigend wirken können, bekannt.

Mit der Gefährdung von Immun- und Nervenfunktionen sind elementare Bereiche des Menschseins betroffen. Ohne alle Hysterie oder Tabus ist diese Gefahr sehr nüchtern zu sehen und ernst zu nehmen.

Daher müssen wir zunächst in unserem unnlittelbaren Bereich, aus persönlicher Verantwortung, alle Möglichkeiten zur Eindämmung der Schadstoffproduktion praktizieren - auch unter Verzicht auf Bequemlichkeit, Konsum und vordergründigen materiellen Nutzen. Dazu müssen wir auch unsere Energie auf die sachliche konstruktive Arbeit, auf die Erhaltung der Lebensgrundlagen konzentrieren statt auf kleinliche Streitereien, neurotische Konflikte und Machtspiele, einschließlich Ausbeutungsversuchen der Gemeinschaft. Der Text "Miteinander statt gegeneinander" auf Seite 4 und 6 dieses Heftes der rr möchte diesen vielschichtigen Aspekt bewußter werden lassen: Letztlich hängt das Problem unserer Schädigung durch Gefahrstoffe von unserem eigenen Verhalten, insbesondere von unserem eigenen Anspruch ab.

Damit sind aber unsere Möglichkeiten im persönlichen Bereich noch nicht erschöpft. Die Konsequenz, ob eine individuelle, konkrete Schädigung eintritt - oder ob sie nicht eintritt -, können wir durchaus mitbeeinflussen:

Wir können Schadstoffe in unserem Körperinneren inaktivieren (z. B. Quecksilberionen mit Selenverbindungen),

wir können die Ausscheidung von Schadstoffen forcieren (z. B. Ölspülungen, Förderung des Gallenflusses mit Bitterstoffpflanzen, mit basenüberschüssiger Nahrung u. a.),

wir können die entscheidende Endstrecke der meisten Schadstoffwirkungen blockieren, nämlich die Radikaleninduktion (z. B. mit radikalenfangenden Vitaminen),

wir können mutagene, kanzerogene Substanzen modulieren(z.B. mit Pflanzenstoffen),

wir können die Reparatur, bedingt sogar die Regeneration der Nukleinsäuren in den Zellen und Kernen unserer entscheidenden Lebensinformation fördern, z. B. mit Folsäure

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