Doch dann geschieht wenig oder nichts, auf jeden Fall
zu wenig. Es bleibt bei der Forderung. Beim Fordern und Klagen. Das war's dann schon. Für
viele zumindest: Lähmung in Ungeduld und Angst. Bleibt die Frage: Wie schaffen die
wenigen anderen die Veränderung? Wie meistern sie ihr Leben? Wie schaffen sie das:
Gelassen, konzentriert, verantwortungsbewußt bestimmt zu leben? Nicht bequem, aber
zufrieden zu leben. In Frieden mit sich selbst und der Umwelt.
In der Praxis begegne ich öfters unruhigen, unzufriedenen,
depressiven, agitierten Menschen. "Natürlich" sind sie auch krank, fühlen sich
unwohl. Sonst wären sie wohl auch nicht gekommen. Sie kommen und suchen Hilfe. Sie
fordern Hilfe mehr als Rat und Veränderung, die meisten von ihnen zumindest. Welche Hilfe
aber? Hilfe wozu? Ein Wunder müßte schon geschehen. Dann könnte "es" einem
schon besser gehen.
Doch auch wenn das "Wunder" geschieht: wenn die
Funktionsstörung, der Schmerz schwindet, wenn die Ursache der konkreten Angst sich
beheben läßt, geht "es" trotzdem nicht besser. Depressivität und fordernde
Umtriebigkeit bleiben. Grundlegende Veränderung aber bleibt aus, nicht bei allen, aber
bei vielen.
Was machen sie verkehrt? Sind sie schwächer, schlechter als die
anderen, die es schaffen, anders - besser zu leben? Oder sind sie - wie sie eigentlich
meinen - mehr vom Unglück verfolgt, mehr vom Schicksal benachteiligt als die anderen, die
nicht so leiden?
Warum schaffen sie die Veränderung nicht, ihr Lebensglück, warum
können sie ihre Unzufriedenheit nicht überwinden? Warum können sie nicht anders leben?
Sind die anderen, die das können, besser, stärker, vom Schicksal begünstigt?
In meiner Arbeit, aus der Begegnung mit Patienten, erfahre ich immer
wieder, daß gerade die scheinbar erfolgreichen dieser Gesellschaft, die materiell
Begünstigten, die größten inneren Defizite "besitzen" - und die meisten
Forderungen stellen. Sie stehen sich selbst am stärksten im Wege.
Was machen sie verkehrt?
Aus langer Erfahrung mit kranken Menschen sehe ich inzwischen das
Fordern als eines der schlimmsten Grundübel der Menschheit in unserer Zeit.
Alles Fordern steht (nach meiner Auffassung) jeder lebensfördernden
Veränderung entgegen. Fordern verhindert innere Veränderung. Ohne innere Veränderung
wird unsere Gesellschaft zugrundegehen! Trotz ihrer Forderungen. An ihren Forderungen!
Was wird nicht alles gefordert:
Ampeln, Gewinne, Zinsen, Straßen, Gesundheit, Kindergartenplätze,
Sicherheit, Steuern, Wachstum, Wohlfahrt, Parkplätze, Vorfahrt, Subventionen, Rabatte,
Anerkennung, Recht, Privilegien, Ausnahmen, Sauberkeit, Freiheit, Rente, Sonderangebote,
ewiges Leben, Energiesparmaßnahmen, Mülldeponien, saubere Luft, mehr Lohn, weniqer
Arzneimittel, mehr Psychologen, weniger Krankenkassenbeiträge, mehr Betreuung, mehr
Sprechstunden, Rücksicht, Freiheit, Freizeit und, und, und... Vor allem immer mehr.
Forderungen über Forderungen.
Bezeichnenderweise werden Forderungen immer an die anderen
gerichtet, seltener auch an den eigenen Körper, kaum einmal an die eigene Person.
Fordern stört persönliche Entwicklung und Entfaltung: Im Selbst
und im anderen.
Forderungen nach den Normen Industriegesellschaft zerstören
Lebensgrundlagen.
Forderungen lenken ab vom notwendigen eigenen Beitrag zum Leben, der
eigenen Verantwortung.
In meiner Arbeit erfahre ich immer wieder: Patienten, die besonders
fordern, finden kaum zu ihrer Heilung.
Der moderne, aufgeklärte Patient wird von Journalisten,
Psychologen, Funktionären, Krankenkassen und nicht zuletzt Juristen und Politikern
aufgefordert, seine Rechte als Patient, seine Heilung einzufordern. Bleibt die Frage, ob
Mißerfolge der modernen Medizin auch auf derartige natur- und medizinferne Forderungen
zurückzuführen sind.
Die Zeit scheint reif, die Forderer in Verantwortung für ihre
Forderungen zu nehmen.
Die Lösung dürfte in diesem Beispiel so einfach sein:
Sollten künftig die Kranken nicht besser von den Journalisten
Psychologen, Kassenfunktionären, Politikern und Juristen behandelt werden?
Die Ärzte/innen könnten dann verwalten, Formulare ausfüllen (noch
mehr), Urteile fällen, Entscheidungen treffen, von Ihren angeblich überzogenen Einkommen
Villen im Tessin
kaufen (anstatt Praxisinventar) - oder einfach ihrerseits
Forderungen an Krankenkassen, Politiker und Juristen stellen.
Ein derartiger Arbeits- und Verantwortungstausch wäre kaum im
Interesse der Betroffenen, nämlich der Patienten.
Dieses Beispiel (aus meinem persönlichen Arbeitsbereich) zeigt die
Absurdität von lebensfremden Forderungen. Doch sind die meisten Forderungen derartig
absurd und lebensfremd.
Je entfremdeter eine Gesellschaft vom natürlichen Leben geworden
ist, umso unvernünftiger werden ihre Forderungen: An Ihren Forderungen könnt Ihr sie
erkennen! Die meisten Forderungen sind Ausdruck lebenswidriger Egoitat.
Eine dringende Notwendigkeit zur konstruktiven Reform unserer
Gesellschaft ist schlicht und einfach: ökologisch orientierte Verantwortung und darauf
qeqründetes konstruktives Tun statt blindes Fordern.
"Bevor namm die Weit vollendet, wäre es vielleicht doch wichter,
sie nicht zugrunde zu richten" (Paul Claudel).
Alles, was ich sage, sei Gespräch.
Nichts davon sei ein Rat
Ich spräche nicht so kühn,
wenn frian mir folgen müßte."
"Die Nahrung mit dem maximalen Wirkungsvermögen, dem
höchsten Heilwert und überraschendem Nährwert aber ist eine richtig zusammengesetzte
und zubereitete pflanzliche Rohkost. Ihre Heilwirkung im Zusammenhang mit geordnetem Leben
grenzt ans Wunderbare. Sie "heilt" nicht die Krankheit, sondern den
Gesamtorganismus, dem sie die Kraft gibt, alles Krankhafte zu üblerwinden, so es nicht zu
spät ist.
Dr. Max Bircher-Benner