Fordern statt retten und verändern - Der Tanz am Abgrund

Dr. med. Klaus Mohr


Das Nachdenken über die Industriegesellschaft, über Lebensprobleme und -konzepte in dieser Gesellschaft führt immer wieder zu der Forderung: wir müssen anders leben.

Doch dann geschieht wenig oder nichts, auf jeden Fall zu wenig. Es bleibt bei der Forderung. Beim Fordern und Klagen. Das war's dann schon. Für viele zumindest: Lähmung in Ungeduld und Angst. Bleibt die Frage: Wie schaffen die wenigen anderen die Veränderung? Wie meistern sie ihr Leben? Wie schaffen sie das: Gelassen, konzentriert, verantwortungsbewußt bestimmt zu leben? Nicht bequem, aber zufrieden zu leben. In Frieden mit sich selbst und der Umwelt.

In der Praxis begegne ich öfters unruhigen, unzufriedenen, depressiven, agitierten Menschen. "Natürlich" sind sie auch krank, fühlen sich unwohl. Sonst wären sie wohl auch nicht gekommen. Sie kommen und suchen Hilfe. Sie fordern Hilfe mehr als Rat und Veränderung, die meisten von ihnen zumindest. Welche Hilfe aber? Hilfe wozu? Ein Wunder müßte schon geschehen. Dann könnte "es" einem schon besser gehen.

Doch auch wenn das "Wunder" geschieht: wenn die Funktionsstörung, der Schmerz schwindet, wenn die Ursache der konkreten Angst sich beheben läßt, geht "es" trotzdem nicht besser. Depressivität und fordernde Umtriebigkeit bleiben. Grundlegende Veränderung aber bleibt aus, nicht bei allen, aber bei vielen.

Was machen sie verkehrt? Sind sie schwächer, schlechter als die anderen, die es schaffen, anders - besser zu leben? Oder sind sie - wie sie eigentlich meinen - mehr vom Unglück verfolgt, mehr vom Schicksal benachteiligt als die anderen, die nicht so leiden?

Warum schaffen sie die Veränderung nicht, ihr Lebensglück, warum können sie ihre Unzufriedenheit nicht überwinden? Warum können sie nicht anders leben? Sind die anderen, die das können, besser, stärker, vom Schicksal begünstigt?

In meiner Arbeit, aus der Begegnung mit Patienten, erfahre ich immer wieder, daß gerade die scheinbar erfolgreichen dieser Gesellschaft, die materiell Begünstigten, die größten inneren Defizite "besitzen" - und die meisten Forderungen stellen. Sie stehen sich selbst am stärksten im Wege.

 

Was machen sie verkehrt?

Aus langer Erfahrung mit kranken Menschen sehe ich inzwischen das Fordern als eines der schlimmsten Grundübel der Menschheit in unserer Zeit.

Alles Fordern steht (nach meiner Auffassung) jeder lebensfördernden Veränderung entgegen. Fordern verhindert innere Veränderung. Ohne innere Veränderung wird unsere Gesellschaft zugrundegehen! Trotz ihrer Forderungen. An ihren Forderungen!

Was wird nicht alles gefordert:

Ampeln, Gewinne, Zinsen, Straßen, Gesundheit, Kindergartenplätze, Sicherheit, Steuern, Wachstum, Wohlfahrt, Parkplätze, Vorfahrt, Subventionen, Rabatte, Anerkennung, Recht, Privilegien, Ausnahmen, Sauberkeit, Freiheit, Rente, Sonderangebote, ewiges Leben, Energiesparmaßnahmen, Mülldeponien, saubere Luft, mehr Lohn, weniqer Arzneimittel, mehr Psychologen, weniger Krankenkassenbeiträge, mehr Betreuung, mehr Sprechstunden, Rücksicht, Freiheit, Freizeit und, und, und... Vor allem immer mehr.

Forderungen über Forderungen.

Bezeichnenderweise werden Forderungen immer an die anderen gerichtet, seltener auch an den eigenen Körper, kaum einmal an die eigene Person.

Fordern stört persönliche Entwicklung und Entfaltung: Im Selbst und im anderen.

Forderungen nach den Normen Industriegesellschaft zerstören Lebensgrundlagen.

 

Forderungen lenken ab vom notwendigen eigenen Beitrag zum Leben, der eigenen Verantwortung.

In meiner Arbeit erfahre ich immer wieder: Patienten, die besonders fordern, finden kaum zu ihrer Heilung.

Der moderne, aufgeklärte Patient wird von Journalisten, Psychologen, Funktionären, Krankenkassen und nicht zuletzt Juristen und Politikern aufgefordert, seine Rechte als Patient, seine Heilung einzufordern. Bleibt die Frage, ob Mißerfolge der modernen Medizin auch auf derartige natur- und medizinferne Forderungen zurückzuführen sind.

Die Zeit scheint reif, die Forderer in Verantwortung für ihre Forderungen zu nehmen.

Die Lösung dürfte in diesem Beispiel so einfach sein:

Sollten künftig die Kranken nicht besser von den Journalisten Psychologen, Kassenfunktionären, Politikern und Juristen behandelt werden?

Die Ärzte/innen könnten dann verwalten, Formulare ausfüllen (noch mehr), Urteile fällen, Entscheidungen treffen, von Ihren angeblich überzogenen Einkommen Villen im Tessin

kaufen (anstatt Praxisinventar) - oder einfach ihrerseits Forderungen an Krankenkassen, Politiker und Juristen stellen.

Ein derartiger Arbeits- und Verantwortungstausch wäre kaum im Interesse der Betroffenen, nämlich der Patienten.

Dieses Beispiel (aus meinem persönlichen Arbeitsbereich) zeigt die Absurdität von lebensfremden Forderungen. Doch sind die meisten Forderungen derartig absurd und lebensfremd.

Je entfremdeter eine Gesellschaft vom natürlichen Leben geworden ist, umso unvernünftiger werden ihre Forderungen: An Ihren Forderungen könnt Ihr sie erkennen! Die meisten Forderungen sind Ausdruck lebenswidriger Egoitat.

Eine dringende Notwendigkeit zur konstruktiven Reform unserer Gesellschaft ist schlicht und einfach: ökologisch orientierte Verantwortung und darauf qeqründetes konstruktives Tun statt blindes Fordern.

"Bevor namm die Weit vollendet, wäre es vielleicht doch wichter, sie nicht zugrunde zu richten" (Paul Claudel).

 

Alles, was ich sage, sei Gespräch.

Nichts davon sei ein Rat

Ich spräche nicht so kühn,

wenn frian mir folgen müßte."

 

"Die Nahrung mit dem maximalen Wirkungsvermögen, dem höchsten Heilwert und überraschendem Nährwert aber ist eine richtig zusammengesetzte und zubereitete pflanzliche Rohkost. Ihre Heilwirkung im Zusammenhang mit geordnetem Leben grenzt ans Wunderbare. Sie "heilt" nicht die Krankheit, sondern den Gesamtorganismus, dem sie die Kraft gibt, alles Krankhafte zu üblerwinden, so es nicht zu spät ist.

Dr. Max Bircher-Benner

Dr. Max Bircher-Benner

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