Hefepilze im Darm

Dr. med. Klaus Mohr


Ein Befall der Darmschleimhaut mit bestimmten Hefepilzen (Candida albicans) wird schon seit Jahrzehnten als möglicher Auslöser anderer Erkrankungen - in anderen Organen - angesehen.

Bereits 1929 untersuchten M. Wachowiak und Mitarbeiter (Arch. Derm. Syphil. 19, 1929, 731) den Zusammenhang von Candidabefunden im Stuhl mit der Schuppenflechte (Psoriasis).

Mögliche Beziehungen zwischen Candida-Infektionen und systemischen Krankheiten, insbesondere Immunstörungen, Allergien, Neurodermitis, Morbus Crohn und anderen (bis zur Muitiplen Sklerose), von Verdauungs- bis zu Verhaltensstörungen bei Kindern, werden seit den siebziger Jahren diskutiert, vor allem innerhalb der klinischen Ökologie, der unorthodoxen Lehre von den Umweltkrankheiten. Kollegen aus dieser. Therapierichtung hatten unter anderem festgestellt, daß Überempfindlichkeiten gegen Chemikalien nach Behandlung von Candida-Infektionen gemindert wurden. Erst in den letzten Jahren erfuhr die Candida-Hypothese (der Entstehung von Immunkrankheiten aus Darmbefall) einen ausgesprochenen Boom in der alternativen Medizin. Routinemäßig und massenhaft wurden Stuhlproben von chronisch Erkrankten zur Untersuchung auf Candida albicans eingesandt. Wenn dabei dieser Hefepilz nachgewiesen worden war, wurde er oft im Schnellverfahren verurteilt, d.h. zum Verursacher des jeweiligen Problems erklärt. Ein derart eindimensionales Vorgehen ist jedoch in einem seriösen ganzheitlichen Konzept unzureichend.

Denn einmal finden sich Candida-Zellen gelegentlich auch bei Gesunden. Allerdings sind sie kein "normaler" Bestandteil der gesunden Darmflora.

Außerdem können bei ausschließlich mikroskopischer Untersuchung die Zellen und die Pseudomycelien von Candida albicans mit anderen, harmlosen Bäcker- oder Bierhefen verwechselt werden. Vermutlich stammt daher die unsachgemäße, unberechtigte Empfehlung, Hefeprodukte strikt zu vermeiden.

Candida albicans kann morphologisch, kulturell und mittels ihrer Fähigkeit, bestimmte Zucker (Maltose, Saccharose, Glucose, nicht aber Lactose) zu vergären, sehr wohl von anderen Hefepilzen unterschieden werden. Darüber hinaus lassen sich die Candida albicans-Stämme serologisch noch einmal in 2 Gruppen aufteilen.

Ein weiterer Zugang zur Candida-Diagnostik bei Immunkrankheiten besteht in der Suche nach spezifischen Antikörpern vom IgE-Typ im Blut. Ein Nachweis von Candida albicans-Kolonien im Stuhl und von spezifischen Antikörpern im Blutserum erhärtet den Verdacht auf eine Beteiligung dieses Pilzes an der Immunstörung.

So fanden sich in einer Untersuchung von 208 Neurodermitis-Patient/innen Antikörper vom IgE-Typ bei 36 % dieser Gruppe. Eine Kontrollgruppe mit verschiedenen anderen Hauterkrankungen wies derartige Antikörper nicht auf. Damit ist allerdings noch keine Aussage darüber möglich, ob die immunologische Reaktion auf Candida albicans Ursache oder "nur" Folge der Erkrankung ist. Wie Sie sehen können, sind die Verhältnisse weitaus komplizierter, als eine einfache Stuhluntersuchung vermuten läßt. Nach der hier zitierten Untersuchung spricht ein über vierfach häufiger Antikörperbefund bei über 20jährigen Neurodermitispatienten im Vergleich zu unter 20jährigen (bei 64 bzw. 15 %) eher für Folge als für Ursache. Derartige Befunde sollten einfach ernstgenommen werden - vor diagnostischen Schnellschüssen.

In jedem Fall zeigen wiederholte Candidafunde eine gestörte Ökologie des Organismus an. Bei Schwächungen des Organismus durch Vorerkrankungen wie Diabetes mellitus, Immunstörungen, Tumorkrankheiten oder durch bestimmte Medikamente (Cortison, Immunsuppressiva, nach Antibiotikaverabreichung) können Candida-Zellen Nester in den Krypten der Darmschleimhaut bilden und über die Blutbahn eventuell in die Lungen oder in die Nieren eindringen. Die Behandlung derartiger systemischer Infektionen ist noch immer problematisch. Daher sollte schon die Bildung von Candida-Kolonien auf den Schleimhäuten möglichst verhindert werden. In der Regel genügt dazu - bei intaktem Immunsystem - eine ballaststoffreiche Kost und daneben die konsequente Meidung von Zucker in der Nahrung. Der Rat zur Meidung von Hefeprodukten oder Hefepräparaten, die Bäcker- bzw. Bierhefe enthalten, ist allerdings grundverkehrt, denn lebende (nicht aus Backprodukten) Hefezellen konkurrieren mit Candidakeimen und verdrängen sie. Offensichtlich wirken diese Hefezellen sogar immunstimulierend gegen Candida albicans: nach Hefegaben fand sich das Angehen von Candida-Zellen um 97 % verringert! Diese Hefen wirken übrigens selber nicht krankheitserregend.

Bei intaktem Immunsystem, Stoffwechsel und intakter Darmflora treten relevante Candidainfektionen kaum jemals auf. Grobe Ernährungsfehler (zu wenig Ballaststoffe, zuviel Zucker) oder Medikamente können jedoch Candida-Kolonien, zunächst auf der Darm- evtl. auch der Mundschleimhaut angehen lassen. Von den Medikamenten sind aufgrund der Häufigkeit ihrer Anwendung die Antibiotika besonders zu nennen. Hier entstehen leicht langwierige verhängnisvolle Teufelskreise dieser Art: Das Antibiotikum verändert ("schwächt") die Darmflora,

Candidakeime wachsen an und bilden Nester.

Die Ökologie der Darmschleimhaut wird noch weiter gestört.

Der lymphatische Anteil des Immunsystems wird beeinträchtigt.

Die Infektresistenz wird gemindert Infekte werden häufiger

In kürzeren Abständen werden Antibiotika gegeben

Die Darmflora wird weiter beeinträchtigt

Der Krankheitskreis dreht sich immer schneller, mit immer weiter beeinträchtigtem Immunsystern samt der daraus resultierenden Gefahr schlimmer Folgeerkrankungen.

Daher dürfen - selbstverständlich - Antibiotika nur bei streng korrekter Indikation gegeben werden (niemals als "Grippemittel" oder "vorbeugend"). Und: Nach jeder Anwendung von Antibiotika sollte unbedingt die Darmflora regeneriert werden. Ausführliche Hinweise dazu können sie dem gerade erschienenen Ratgeber: - Naturheilkunde für den Alltag - entnehmen (in Ihrem Reformhaus erhältlich). Die Sorge für eine intakte Darmflora samt der Verhinderung von Candida-Kolonien ist ganz besonders wichtig für Menschen mit gestörten Immunfunktionen: von den Allergien, den Autoimmunkrankheiten bis zu gesteigerter Infektneigung oder Tumorleiden. Wenn auch Candidainfektionen sicher nicht die entscheidende Ursache aller dieser Krankheiten sind, können sie doch immer wieder Provokations-, Komplikations- oder Verschlimmerungsfaktor bei allen immunassoziierten Erkrankungen sein..

Oft ist der allgegenwärtige Candida-Keim, der für (unbehandelte, richtig ernährte) Gesunde harmlos ist, der erste Indikator für eine Gesundheitsstörung. So habe ich oft Diabetes-Erkrankungen erstmals festgestellt bei Patient/innen, die wegen Haut- oder Schleimhautentzündungen in die Praxis kamen. Gelegentlich ist diese Symptomatik auch Hinweis für einen Zinkmangel oder eine Systemerkrankung. Aus diesen Gründen gehört die ganzheitlich-umfassende Diagnostik und Therapie von Pilzinfektionen in ärztliche Hand. Mit der Verordnung einer pilzhemmenden Salbe oder von Nystatin-Tabletten ist die Aufgabe nicht vollständig gelöst.

Allerdings bleibt die Verantwortung für eine optimale Darmflora sowie die Vorsorge für die korrekte Spurenelementzufuhr weitgehend der privaten Initiative überlassen. Denn die Mittel zur sogenannten Symbioselenkung vor dem Auftreten diesbezüglicher Krankheitssymptome gehören ebensowenig wie die vorbeugende Versorgung mit Spurenelementen zum gesetzlichen Leistungsumfang der Krankenkassen.

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