Nach der geläufigen Vorstellung
entsteht der Herzinfarkt durch den Verschluß eines Herzkranzgefäßes,
entweder durch ein Blutgerinnsel (Thrombus) oder durch
arteriosklerotische Ablagerung (Plaque, Stenose). Demnach müßte das
Risiko eines Infarktes umso größer sein, je mehr Raum die Stenosen
innerhalb des Gefäßlumens einnehmen, d.h. je höhergradiger die
Ablagerungen sind.
Diese mechanistische Sichtweise ist an sich überzeugend.
Diagnostische Eingriffe (Koronardilatation, Bypassoperationen) beruhen
auf dieser Ansicht. Tatsächlich vermindern die genannten Therapien
bei Patienten mit arteriosklerotischen Ablagerungen der Herzkranzgefäße
deren Symptomatik (Angina pectoris in Ruhe und besonders in Bewegung).
Sicherlich haben etliche Patienten durch diese Therapien auch eine längere
Lebenserwartung gewonnen. Leider zeigte sich aber bei der
statistischen Auswertung z.B. der Bypass-Operationen, daß die
Lebenserwartung der operierten Patienten insgesamt nicht höher war,
als bei Patienten ohne Operation. Innerhalb des etablierten Konzeptes
ist das ein bestürzendes und jedenfalls ein bedauerliches Phänomen.
Es zeigt auch die Grenzen der modernen maximalen Medizin auf. Und
nicht zuletzt: Die absolute Gültigkeit des verbreiteten
Modells der koronaren Herzkrankheit wird dadurch in Frage gestellt.
Nach dieser Modellvorstellung müßten Herzinfarkte um so häufiger
und schwerwiegender sein, je größer eine Ablagerung in der
Herzkranzarterie (Stenose) ist. Nach einer neueren Studie scheint
dieser Zusammenhang eher umgekehrt zu sein.
In einer kardiologischen Fachzeitschrift (J. Am. Coll. Cardiol, 12,
1988, S. 56-62) veröffentlichten Dr. med. Ambrose und Mitarbeiter die
Ergebnisse ihrer Untersuchungen über den Zusammenhang von
Herzkranzgefäßverengungen (Koronarstenosen) und Herzinfarkten. Die
Ärzte gingen den Schicksalen ihrer Patienten nach, bei denen (am
Mount Sinai Medical Center, New York) wiederholte Koronarangiographien
(s. Fachworterläuterung) durchgeführt worden waren. Von den 38
Patienten, die doppelt untersucht worden waren, hatten 23 Patienten
nach der ersten und vor der zweiten Koronarangiographie einen
Herzinfarkt erlitten. Bei den weiteren 15 Patienten war kein Infarkt
festzustellen gewesen, obwohl "ihre" zweite
Koronarangiographie den vollständigen Verschluß mindestens einer
Herzarterie zeigte.
Die Ergebnisse dieser Studie stellen eine medizinische Sensation
dar!
Denn der durchschnittliche Gefäßverschluß (Stenosefläche) der
23 Patienten nach zwischenzeitlich eingetretenem Infarkt betrug 48%.
Dagegen wiegen die 15 Patienten ohne Infarkt eine mittlere Gefäßverschlußrate
von 73,5% auf!
Die Infarktpatienten wurden nach dem Ausmaß (Eindringtiefe) ihres
Infarktes unterschieden: Bei höheren Stenosegraden fanden sich
weniger tief in den Herzmuskel eindringende Infarkte.
Bei den Patienten mit hoher Stenosefläche (über 90%) fand sich kein
einziger die gesamte Herzwand durchdringender Infarkt.
Aus dem Gesamtergebnis dieser Studie kann abgeleitet werden:
- Tief in die Herzwand eindringende Infarkte treten schon bei
relativ geringen Stenoseflächen (also noch geringgrädiger
Arteriosklerose) auf,
Fachworterläuterung:
Koronarangiographie: Röntgenologische Darstellung der
Herzkranzgefäße nach arterieller Kontrastmitteleinbringung zum
Nachweis von Herzkranzgefäßverengungen.
Koronardilatation: Aufweitung verengter Herzkranzgefäße
Stenose: Verengung der Herzkranzgefäße durch Ablagerungen
(Cholesterin, Bindegewebe, Calcium).
- Höhergradige Stenosen schützen - paradoxerweise - anscheinend
eher vor tiefreichenden Infarkten.
- In konventioneller Interpretation ist die
Koronarangiographie kein sicheres Instrument zur "lnfarktvoraussage".
Unabhängig von der referierten Untersuchung besteht der
Idealzustand sicherlich in glatten Herzkranzgefäßen ohne
arteriosklerotische Ablagerung, also ohne Stenose. Dieser Idealzustand
wird von Erwachsenen unter den heutigen Lebens- und Ernährungsgewohnheiten
ziemlich selten erreicht.
Soll man da aus der hier berichteten Studie schließen: Wenn schon
Stenose, dann reichlich?
So einfach sind die Zusammenhänge dann doch nicht. Offensichtlich
ist die Wachstumsgeschwindigkeit der Ablagerungen von Bedeutung. Bei
allmählicher Stenosenentstehung können Ausgleichsreaktionen der
Organismen wirksam werden.
Immerhin ist aber die - tröstliche - Feststellung erlaubt, daß
eine höhergradige Stenose (festgestellt in der Koronarangiographie)
nicht automatisch ein vernichtendes Urteil bedeutet. Diese
Feststellung ist im mechanistischen Modell paradox. Sie wird nur dann
verständlich und nutzbar, wenn wir das mechanistische Modell
erweitern - oder ersetzen - um das biologische Modell. Das biologische
Modell bezieht die Lebenskraft, darunter die Selbstheilungskraft, mit
ein. Lebenskraft oder Selbstheilungskraft sind keine pysikalischen
oder mechanischen Erscheinungen, sondern sie sind Leistungen des
Lebendigen.
Die gesamte Theorie und Praxis der Naturheilkunde beruht von ihren
Grundlagen her auf dem Wesen der Selbstheilungskräfte. Von der
analytischen Medizin werden die Selbstheilungskräfte geringgeschätzt.
In dieser gegensätzlichen Auffassung liegt unausgesprochen der
Hauptkonflikt zwischen den beiden Therapierichtunqen.
Die aufrüttelnden Ergebnisse der referierten Studie von Dr.
Ambrose und Mitarbeitern - durchgeführt mit dem Instrumentarium der
etablierten analytischen Medizin - sind eigentlich nur mit dem
naturheilkundlichen Konzept der Selbstheilungskräfte erklärbar.
Zumindest widersprechen sie dem einfachen mechanischen Modell.
Es ist deshalb empfehlenswert, die Selbstheilungskräfte so gut wie
möglich zu fördern. Dazu bietet die Naturheilkunde konkrete und bewährte
Heilmittel an: aus Lebensweise, Ernährung, Funktionsanregung in
naturgemäßer Dosierung, Heilpflanzen, Substitution von
Mineralstoffen und Spurenelementen. Hierfür fanden sich in der
reform-rundschau ständig Hinweise und konkrete Empfehlungen. Auch in
Zukunft sollen die Leser der RR ständig mit aktuellen und fundierten
Erkenntnissen unter Einbeziehung internationaler Literatur versorgt
werden.
Hier sei besonders auf die Wichtigkeit ausreichender
Magnesiumversorgung hingewiesen, die vor Koronarspasmen
(Verkrampfungen der herzversorgenden Arterien) schützt.
Koronarspasmen treten bei seelischem Streß schon bei gesunden
Herzkranzarterien auf, besonders aber im Bereich von Stenosen.