Konkretes vom Vitamin E

Dr. med. Klaus Mohr


Es war einmal eine Zeit, da wurde das Vitamin E von der etablierten Medizin und Ernährungslehre als ziemlich unwichtig abgetan.

Da stand das Reformhaus mit seinem Angebot von natürlichem Vitamin E in hochwertigen Ölen (u. a. im Weizenkeimöl), Margarinen und Ölkapseln noch ziemlich einsam da.

Inzwischen hat die biochemische Forschung das Vitamin E "neuentdeckt" und die gesundheitserhaltenden Wirkungen dieses Vitamins detalliert erkannt. Damit wurden die Erfahrungen aus dem Reformhaus bestätigt. Die bekannte Monica-Studie (Monitoring cardiocascular disease) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) kam zu dem überraschenden Ergebnis, daß optimale Vitamin-E-Zufuhr für die Verhütung von arteriosklerotischen Herz-Kreislauf-Komplikationen noch wichtiger ist, als die Senkung der Cholesterin-Spiegel im Blut.

Daraufhin wurde das Vitamin E auch in populären Medien - manchmal ziemlich oberflächlich - hochgelobt. Vitamin-E-Präparate, z. T. synthetischer Herkunft, wurden plötzlich überall angeboten.

Da scheint es an der Zeit, in der Reform-Rundschau die grundlegenden Kenntnisse zum Vitamin E und seiner Anwendung darzustellen.

Über die Radikalen-Theorie als Grundlage der Vitamin-E-Anwendung wurde bereits in den Ausgaben 6, 7 + 8/94 der Reform-Rundschau berichtet: Freie Radikale sind nach aktueller Erkenntnis die entscheidenden Auslöser erworbener Krankheiten. Sie sind gewissermaßen die Vollstrecker von Umweltnoxen im Organismus. Gegen den Radikalenhagel hat die gütige Natur dem Organismus radikalenfangende bzw. antioxidative Wirkstoffe zur Verfügung gestellt.

Zu diesem Wirkstoffen gehört das Vitamin E. Wir sollten es klug nutzen. Dazu diese Informationen:

Freie Radikale entstehen ständig bei allen atmenden Lebewesen, verstärkt durch zivilisatorische Umweltbelastungen. Diese Radikale greifen die Zellmembranen, Moleküle und Erbsubstanzen an und lösen so Alterungsvorgänge sowie häufige Krankheiten aus.

Deshalb sollten freie Radikale möglichst sofort nach ihrer Entstehung unschädlich gemacht werden.

Von der materiellen Polarität her besteht der Organismus aus hydrophilen (wasserlöslich) und lipophilen (fettlöslich) reagierenden Bereichen. Das Vitamin E schützt die lipophilen Strukturen vor den freien Radikalen:

die Zellmembranen,

die Basalmembranen der Arterienwände sowie der inneren Gelenkstrukturen, die Nervenzellen

und vor allem die LDL-Cholesterin-Partikel im Blut.

Das Vitamin E ist keine einheitliche Substanz, sondern die Gruppenbezeichnung für Tocopherole. Tocopherole sind Verbindungen aus einem Chromanring mit einer Seitenkette aus drei Isopren-Molekülen. Durch Variationen der Zahl und Anordnung von Methylgruppen am Chromanring entstehen strukturell sehr ähnliche Tocopherole, die sich aber in ihrer Vitamin-Aktivität erheblich unterscheiden.

Das natürliche Vitamin E (mit der höchsten biologischen Aktivität) ist das D-Tocopherol, welches erstmals aus Weizenkeimöl rein extrahiert wurde. Dieses Tocopherol wird auch als RRR-Tocopherol bezeichnet. Synthetisches - Tocopherol ist dagegen ein Gemisch aus 8 verschiedenen Stereoisomeren mit geringer biologischer Wirksamkeit (Faktor 0,75, bzw. für das Acetat 0,67). Übrigens entspricht 1 mg des natürlichen D-Tocopherols 1,49 USP-Einheiten.

Die Bioverfügbarkeit von oral zugeführtem Vitamin E liegt bei 25 bis maximal 45 Prozent, abhängig von der Gallensekretion und der begleitenden Nahrung. Mittelkettige Fettsäuren verbessern die Aufnahme von Vitamin E. Deshalb sollen Vitamin-E-Präparate mit der Hauptmahlzeit aufgenommen werden. Die Gewebsspiegel nach Gabe von natürlichem D-Tocopherol sind 2-3 mal höher als von der Gabe gleicher Menge synthetischen Tocopherols. Die Vitamin-E-Spiegel im Plasma sollten idealerweise bei 1,0 -1,5 mg/dl liegen. Wichtiger noch sind die Vitamin-E-Spiegel in den Geweben.

Sättigungswerte in den roten und weißen Blutkörperchen werden bei Einnahme von 900 USP-Einheiten von D-Tocopherol pro Tag erst nach 4 Wochen erreicht, in den Blutplättchen bzw. Schleimhäuten erst nach rund 12 Wochen . Der Gesamtbestand an Vitamin E im Körper eines Erwachsenen beträgt 3-8g. Besonders hohe Vitamin E-Spiegel finden sich im Fettgewebe (Vitamin-E-Speicher), in den Nebennieren, Hypophyse, Blutplättchen, in Herzmuskel und Leber.

Vitamin E wird in die Zell- und Basalmembranen sowie - außerhalb von Körperzellen - in die LDL-Cholesterin-Partikel des Blutes eingelagert.

In den Membranen kommt ein Vitamin-E-Molekül auf 1000-2000 Phospholipidmoleküle. Für den oxidativen Schutz dieser wichtigen Membranbausteine wird ständig Vitamin E verbraucht. Mit dem Einfang von Radikalen wird das Vitamin E selber zum inaktiven Chromanoxyl. Durch Vitamin C oder Glutathion wird das Chromanoxyl wieder zum schützenden Vitamin E regeneriert. Wenn diese Regeneration ausbleibt, wird das Chromanoxyl aus dem Körper ausgeschieden. Deshalb kann die Vitamin-E-Aktivität nur bei guter Vitamin-C-Versorgung und funktionierendem Gluthation-System (Selenabhängig) optimal sein.

  • Andererseits kann bei gesteigerter oxidativer Balastung:
  • in Regionen mit (arteriosklerotisch) gestörter Durchblutung mit Wechsel zwischen Ischämie und Reperfusion
  • in den Thrombozyten (Blutplättchen) von Diabetikern
  • in den Lipoproteinen, roten Blutkörperchen und Lungenbläschen von Rauchern
  • in der Gelenkflüssigkeit bei degenerativen und entzündlichen Gelenkerkrankungen (Arthrosen und Arthritiden)
  • mit Umweltgiften
  • aus Ernährungsfehlern
  • durch Alterungsvorgänge
  • bei Tumorkrankheiten

ein örtlicher Vitamin E-Mangel, auch bei "normalen" Serum-Spiegeln entstehen. Dann ist zusätzliche Vitamin E-Versorgung jedenfalls hilfreich.

Jedes LDL-Tröpfchen im Serum enthält durchschnittlich 6 Moleküle Vitamin E als Oxidationsschutz. Damit wird die Oxidation des LDl-Cholesterins so gut wie möglich verhindert - unter Verbrauch (Oxidation) des Vitamin E. Vom Vitamin C aus dem Serum wird es wieder regeneriert. Dies zeigt den Synergismus dieser beiden Vitamine: Vitamin C kann wasserlösliche Radikale auffangen, jedoch nicht die lipidlöslichen. Letzteres gelingt nur dem Vitamin E und - etwas problematischer - dem Betacarotin.

Der Oxidationsschutz des LDL-Cholesterins ist von außerordentlicher Bedeutung, weil die Cholesterinaufnahme in die Makrophagen und damit in die Blutgefäßwände so entscheidend gehemmt wird.

Etwas vereinfacht gesagt, wirkt nämlich nur oxidiertes Cholesterin arteriosklerosebildend, da es auf die Makrophagen als Fremdkörper wirkt und deshalb aufgefressen - und in die Gefäßwände der Arterien transportiert wird.

Mit einer Verdoppelung des Vitamin-E-Gehaltes durch Supplementation nimmt die Oxidationsresistenz der LDL-Partikel um den Faktor 1,5 zu! So konnte die Oxidation der LDL-Partikel mit einer täglichen Zufuhr von 800 IE Vitamin E in 3 Monaten um 40 % gesenkt werden.

Die Wirkungen des Vitamin E gehen aber noch weiter:

Die Bildung des körpereigenen Prostazyklin (PG I2) wird vermehrt.

Dieses Prostazyklin wirkt gefäßschützend und entzündungshemmend.

Dagegen wird die Synthese des blutgerinnungs- und arteriosklerosefördernden Thromboxans (T x A2) durch Vitamin E vermindert. Die Thromboxansynthese ist vor allem bei Diabetikern und beim metabolischen Syndrom erhöht - und da mit verantwortlich für Gefäßkomplikationen. Mit 400 mg Vitamin E pro Tag konnte die gesteigerte Thromboxansynthese bei Diabetikern gesenkt werden.

Aufgrund aller hier beschriebenen Befunde kann am Nutzen ergänzender höherer Vitamin E-Gaben vernünftigerweise kaum noch gezweifelt werden - vor allem in Verbindung optimaler Versorgung mit Vitamin C, Provitamin A und Bioflavonoiden.

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