Es war einmal eine Zeit, da wurde
das Vitamin E von der etablierten Medizin und Ernährungslehre als
ziemlich unwichtig abgetan.
Da stand das Reformhaus mit seinem Angebot von natürlichem Vitamin
E in hochwertigen Ölen (u. a. im Weizenkeimöl), Margarinen und Ölkapseln
noch ziemlich einsam da.
Inzwischen hat die biochemische Forschung das Vitamin E
"neuentdeckt" und die gesundheitserhaltenden Wirkungen
dieses Vitamins detalliert erkannt. Damit wurden die Erfahrungen aus
dem Reformhaus bestätigt. Die bekannte Monica-Studie (Monitoring
cardiocascular disease) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) kam zu
dem überraschenden Ergebnis, daß optimale Vitamin-E-Zufuhr für die
Verhütung von arteriosklerotischen Herz-Kreislauf-Komplikationen noch
wichtiger ist, als die Senkung der Cholesterin-Spiegel im Blut.
Daraufhin wurde das Vitamin E auch in populären Medien - manchmal
ziemlich oberflächlich - hochgelobt. Vitamin-E-Präparate, z. T.
synthetischer Herkunft, wurden plötzlich überall angeboten.
Da scheint es an der Zeit, in der Reform-Rundschau die
grundlegenden Kenntnisse zum Vitamin E und seiner Anwendung
darzustellen.
Über die Radikalen-Theorie als Grundlage der Vitamin-E-Anwendung
wurde bereits in den Ausgaben 6, 7 + 8/94 der Reform-Rundschau
berichtet: Freie Radikale sind nach aktueller Erkenntnis die
entscheidenden Auslöser erworbener Krankheiten. Sie sind gewissermaßen
die Vollstrecker von Umweltnoxen im Organismus. Gegen den
Radikalenhagel hat die gütige Natur dem Organismus radikalenfangende
bzw. antioxidative Wirkstoffe zur Verfügung gestellt.
Zu diesem Wirkstoffen gehört das Vitamin E. Wir sollten es klug
nutzen. Dazu diese Informationen:
Freie Radikale entstehen ständig bei allen atmenden Lebewesen,
verstärkt durch zivilisatorische Umweltbelastungen. Diese Radikale
greifen die Zellmembranen, Moleküle und Erbsubstanzen an und lösen
so Alterungsvorgänge sowie häufige Krankheiten aus.
Deshalb sollten freie Radikale möglichst sofort nach ihrer
Entstehung unschädlich gemacht werden.
Von der materiellen Polarität her besteht der Organismus aus
hydrophilen (wasserlöslich) und lipophilen (fettlöslich)
reagierenden Bereichen. Das Vitamin E schützt die lipophilen
Strukturen vor den freien Radikalen:
die Zellmembranen,
die Basalmembranen der Arterienwände sowie der inneren
Gelenkstrukturen, die Nervenzellen
und vor allem die LDL-Cholesterin-Partikel im Blut.
Das Vitamin E ist keine einheitliche Substanz, sondern die
Gruppenbezeichnung für Tocopherole. Tocopherole sind Verbindungen aus
einem Chromanring mit einer Seitenkette aus drei Isopren-Molekülen.
Durch Variationen der Zahl und Anordnung von Methylgruppen am
Chromanring entstehen strukturell sehr ähnliche Tocopherole, die sich
aber in ihrer Vitamin-Aktivität erheblich unterscheiden.
Das natürliche Vitamin E (mit der höchsten biologischen Aktivität)
ist das D-Tocopherol, welches erstmals aus Weizenkeimöl rein
extrahiert wurde. Dieses Tocopherol wird auch als RRR-Tocopherol
bezeichnet. Synthetisches - Tocopherol ist dagegen ein Gemisch aus 8
verschiedenen Stereoisomeren mit geringer biologischer Wirksamkeit
(Faktor 0,75, bzw. für das Acetat 0,67). Übrigens entspricht 1 mg
des natürlichen D-Tocopherols 1,49 USP-Einheiten.
Die Bioverfügbarkeit von oral zugeführtem Vitamin E liegt bei 25
bis maximal 45 Prozent, abhängig von der Gallensekretion und der
begleitenden Nahrung. Mittelkettige Fettsäuren verbessern die
Aufnahme von Vitamin E. Deshalb sollen Vitamin-E-Präparate mit der
Hauptmahlzeit aufgenommen werden. Die Gewebsspiegel nach Gabe von natürlichem
D-Tocopherol sind 2-3 mal höher als von der Gabe gleicher Menge
synthetischen Tocopherols. Die Vitamin-E-Spiegel im Plasma sollten
idealerweise bei 1,0 -1,5 mg/dl liegen. Wichtiger noch sind die
Vitamin-E-Spiegel in den Geweben.
Sättigungswerte in den roten und weißen Blutkörperchen werden
bei Einnahme von 900 USP-Einheiten von D-Tocopherol pro Tag erst nach
4 Wochen erreicht, in den Blutplättchen bzw. Schleimhäuten erst nach
rund 12 Wochen . Der Gesamtbestand an Vitamin E im Körper eines
Erwachsenen beträgt 3-8g. Besonders hohe Vitamin E-Spiegel finden
sich im Fettgewebe (Vitamin-E-Speicher), in den Nebennieren,
Hypophyse, Blutplättchen, in Herzmuskel und Leber.
Vitamin E wird in die Zell- und Basalmembranen sowie - außerhalb
von Körperzellen - in die LDL-Cholesterin-Partikel des Blutes
eingelagert.
In den Membranen kommt ein Vitamin-E-Molekül auf 1000-2000
Phospholipidmoleküle. Für den oxidativen Schutz dieser wichtigen
Membranbausteine wird ständig Vitamin E verbraucht. Mit dem Einfang
von Radikalen wird das Vitamin E selber zum inaktiven Chromanoxyl.
Durch Vitamin C oder Glutathion wird das Chromanoxyl wieder zum schützenden
Vitamin E regeneriert. Wenn diese Regeneration ausbleibt, wird das
Chromanoxyl aus dem Körper ausgeschieden. Deshalb kann die
Vitamin-E-Aktivität nur bei guter Vitamin-C-Versorgung und
funktionierendem Gluthation-System (Selenabhängig) optimal sein.
- Andererseits kann bei gesteigerter oxidativer Balastung:
- in Regionen mit (arteriosklerotisch) gestörter Durchblutung mit
Wechsel zwischen Ischämie und Reperfusion
- in den Thrombozyten (Blutplättchen) von Diabetikern
- in den Lipoproteinen, roten Blutkörperchen und Lungenbläschen
von Rauchern
- in der Gelenkflüssigkeit bei degenerativen und entzündlichen
Gelenkerkrankungen (Arthrosen und Arthritiden)
ein örtlicher Vitamin E-Mangel, auch bei "normalen"
Serum-Spiegeln entstehen. Dann ist zusätzliche Vitamin E-Versorgung
jedenfalls hilfreich.
Jedes LDL-Tröpfchen im Serum enthält durchschnittlich 6 Moleküle
Vitamin E als Oxidationsschutz. Damit wird die Oxidation des
LDl-Cholesterins so gut wie möglich verhindert - unter Verbrauch
(Oxidation) des Vitamin E. Vom Vitamin C aus dem Serum wird es wieder
regeneriert. Dies zeigt den Synergismus dieser beiden Vitamine:
Vitamin C kann wasserlösliche Radikale auffangen, jedoch nicht die
lipidlöslichen. Letzteres gelingt nur dem Vitamin E und - etwas
problematischer - dem Betacarotin.
Der Oxidationsschutz des LDL-Cholesterins ist von außerordentlicher
Bedeutung, weil die Cholesterinaufnahme in die Makrophagen und damit
in die Blutgefäßwände so entscheidend gehemmt wird.
Etwas vereinfacht gesagt, wirkt nämlich nur oxidiertes Cholesterin
arteriosklerosebildend, da es auf die Makrophagen als Fremdkörper
wirkt und deshalb aufgefressen - und in die Gefäßwände der Arterien
transportiert wird.
Mit einer Verdoppelung des Vitamin-E-Gehaltes durch Supplementation
nimmt die Oxidationsresistenz der LDL-Partikel um den Faktor 1,5 zu!
So konnte die Oxidation der LDL-Partikel mit einer täglichen Zufuhr
von 800 IE Vitamin E in 3 Monaten um 40 % gesenkt werden.
Die Wirkungen des Vitamin E gehen aber noch weiter:
Die Bildung des körpereigenen Prostazyklin (PG I2) wird vermehrt.
Dieses Prostazyklin wirkt gefäßschützend und entzündungshemmend.
Dagegen wird die Synthese des blutgerinnungs- und arteriosklerosefördernden
Thromboxans (T x A2) durch Vitamin E vermindert. Die
Thromboxansynthese ist vor allem bei Diabetikern und beim
metabolischen Syndrom erhöht - und da mit verantwortlich für Gefäßkomplikationen.
Mit 400 mg Vitamin E pro Tag konnte die gesteigerte Thromboxansynthese
bei Diabetikern gesenkt werden.
Aufgrund aller hier beschriebenen Befunde kann am Nutzen ergänzender
höherer Vitamin E-Gaben vernünftigerweise kaum noch gezweifelt
werden - vor allem in Verbindung optimaler Versorgung mit Vitamin C,
Provitamin A und Bioflavonoiden.