Leben unter Zwang
Dr. med. Klaus Mohr
Wer sein Leben bewahren will, wird es verlieren. Dieser schwere
Verlust trifft manche Menschen schon zu Lebzeiten. Sie verlieren ihr
Leben, indem sie versuchen, es festzuhalten. Unser materiell geprägtes
Zeitalter fördert dieses zwanghafte Festhalten, indem es die Egoität,
die Fixierung auf das materiell Körperliche zum wichtigsten Prinzip
erdenkt.
Das Leben der Menschen wird dann
folgerichtig vom Erwerben, Besitzen und Festhalten bestimmt - und
zerstört.
Nach der Definition des Brockhaus ist Zwang unabweisliche,
zwingende Notwendigkeit, bzw. gebieterische Forderung oder Hemmung,
auch durch Recht, Gewalt, Drohung oder Sanktion ausgeübt.
Angesichts dieser Definition wirkt unsere Gesellschaft zwanghaft,
zwangsläufig zwangserzeugend. Unserer derzeitigen Politiker- und
Funktionärskaste scheint diese Zwangsentwicklung unbewußt zu sein.
Jeder Zwang ist an sich lebensfremd, wesensfremd. Deshalb werden Zwänge
als äußerlich, als von außen kommend empfunden. Doch ist in der
Medizin das Auftreten innerer Zwänge bekannt. Innerer Zwang
kann krankhaft werden.
Knapp zwei Prozent der Menschen in unserer Bevölkerung leiden -
sehr! -an einer Zwangskrankheit, an unbeherrschbaren Zwangsgedanken
oder Zwangshandlungen. Die Betroffenen empfinden klar die
Sinnlosigkeit ihres zwanghaften Denkens und Tuns: als eine Art Verrücktheit
bei klarem Verstand. Sie müssen, von quälender Angst beherrscht,
gegen ihren eigentlichen Willen ständig sinnlose Handlungen ausführen
oder widersinnigen Gedankenkreisläufen folgen nur um ihre Angst zu
unterdrücken.
Parallelen zur Zwangskrankheit finden sich in unserer gesamten
Gesellschaft. Besonders die zwanghafte, widersinnige Umwelt- und
Innenweltzerstörung erscheint in ganz anderem Licht, wenn wir sie als
Krankheit betrachten. Als Krankheit ist sie behandlungsbedürftig -
und womöglich heilbar. So könnte die Medizin wieder heilsam auf die
Politik zurückwirken, wie dies in alten Kulturen geschah. Derzeit
beobachten wir allerdings das Gegenteil: Hektische Eingriffe der
Politik in die Medizin, mit ökonomischen und administrativen Zwangsmaßnahmen
- ein Symptom für den Zustand unserer Gesellschaft!
Die Heilung kann nur beim einzelnen Menschen beginnen und von da
auf die Gesellschaft und die Politik wirken.
Betroffen und behindert von der Zwangskrankheit sind, wie erwähnt,
knapp 2 % der Menschen in unserer Bevölkerung. Sie leiden an
- Zwangskrankheiten (z.B. der Vorstellung, einen Mitmenschen zu
verletzen oder gar zu töten, wenn sie ein Messer in die Hand nehmen
oder in einem Gespräch unwillentlich verrückte Sätze bzw. obszöne
Worte zu äußern).
- Zwangsgedanken (oft mit wahnhaft-magischen Inhalten, z.B. der
Angst, schlimmen Schaden anzurichten, im Extremfall etwa für den Tod
eines Nahestehenden verantwortlich zu sein, wenn sie bestimmte banale
Dinge tun oder unterlassen, wie etwa das Reinigen von Gegenständen,
den Kauf bestimmter Dinge oder nur das Ausgeben bestimmter
Geldscheine).
- Zwangsimpulsen (zu allen möglichen übertriebenen
Sicherungssystemen, die in zahllose unsinnige Aktivitäten münden: im
Kontrollieren, Ordnen, Sichern usw.) und
- Zwangshandlungen (von denen die zwanghaften Kontroll-, Ordnungs-
und Waschzwänge am geläufigsten sind).
Die Krankhaftigkeit der Zwangshandlungen besteht in dem
angstbestimmten Wiederholungszwang der eigentlich als sinnlos oder gar
schädigend Leben unter Zwang empfundenen Rituale (z.B. ständiges Türverschließen
oder Händewaschen). Die Absolvierung des Rituals "leistet"
vorübergehende Angstminderung. Jede Ablenkung oder Unterbrechung des
Rituals läßt die Ur-Angst wieder stark werden und erzwingt die quälende
Wiederholung immer deselben.
Die beschriebenen Symptome findet man nicht nur bei Zwangskranken,
sondern - in geringer Intensität - auch bei den meisten Menschen.
Aus milderen, nicht überdominierenden Zwangsstrukturen entsteht
Verantwortung, Zuverlässigkeit, Ordnung, Verläßlichkeit und Beständigkeit:
also eine Summe von Werten, die für eine konstruktive Entwicklung
sinnvoll sind. Krankhaft und schädigend wird erst der destruktive,
sinnlose Zwang.
Unser Leben ist bestimmt von den Gesetzen der Natur, von ethischen
und religiösen Regeln und auch von unserem Wollen, dem Sinn - den wir
sehen oder suchen - und von unseren Lebenszielen. Das Nachdenken über
all das kommt in der Hektik, die unsere Zeit prägt, in all dem
materiellen Konsum oft zu kurz.
Im Grunde träumen wohl alle Menschen von dem richtigen, guten und
glücklichen Leben - und suchen danach.
Es gehört zu den Paradoxien des Menschseins, daß bei dieser Suche
das eigentlich Gesuchte oft verloren geht. Diese Paradoxie prägt
unsere gesamte Zivilisation.
In der Philosophie seit Platon wird Ethik als eine Grundlage des
menschlichen Wohlbefindens verstanden. Im Denken und Verhalten von
zwangsbestimmten Menschen sind ethische Normen von großer Bedeutung.
Eigenschaften wie Ordnung, Genauigkeit, Zuverlässigkeit,
Verantwortlichkeit, Pünktlichkeit, und Sauberkeit werden dabei zu
Recht hochgehalten. Sie werden idealisiert und perfektioniert. Darin
liegt aber die Gefahr der Einseitigkeit - bis zur Lähmung bzw. der
Erzeugung des Gegenteils. Denn jede Eigenschaft des Lebens existiert
aus dem Bewußtsein ihres Gegenteils (Gegenpols). Wenn dieser Gegenpol
geleugnet (oder bekämpft) wird, dann existiert daraus eine im
Untergrund wirkende, unbewußte Macht mit destruktiver (zerstörerischer)
Wirkung. Diese Gefahr ist bei der Zwanghaftigkeit festzustellen.
Zwanghafte Menschen sind starr auf die Einseitigkeit fixiert.
Deshalb wollen sie den Gegenpol unterdrücken. Doch machen sie ihn
damit - unter der (Bewußtseins-)Oberfläche - mächtig. Daraus
entsteht Leid.
Ursächlich steht Angst hinter der Zwangsproblematik: Angst vor Veränderung.
Angst vor Vergänglichkeit. Angst vor Schuld und Versäumnis.
In all den Ängsten vor Schmutz, Bakterien, Fehlern, Versündigung,
bösen Gedanken, Krankheiten, Strafen und Schuld sowie in den magisch
anmutenden Ritualen konkretisieren sich die Zwangserscheinungen.
Für die Entwicklung der zwanghaften Persönlichkeit treffen
Konstitution und eine gewisse Veranlagung zusammen mit einem starren,
unterdrückenden Erziehungsstil (oft aus Unsicherheit der Erzieher).
Dabei erfolgt eine scharfe Polarisierung zwischen Gut und Böse, ohne
Differenzierung oder Relativierung. Die unerwünschten (als böse,
schlecht oder schlimm deklarierten) Impulse werden unterdrückt, bzw.
bekämpft (bestraft). Damit werden sie aber nicht
"eliminiert", sondern in den Untergrund getrieben. Von dort
werden sie jedoch eher mächtiger, wenn auch unsichtbarer. Hinter dem
Zwang steckt also eine ins Extrem getriebene Polarisierung (zwischen
gut und böse, bzw. richtig oder falsch), die kaum Versöhnung oder
Harmonisierung kennt. So wird auch tiefergehendes, umfassendes Verständnis
unterdrückt.
Unterdrückung spielt bei der zwanghaften Persönlichkeitsentwicklung
eine tragische Rolle:
vor allem die Willensimpulse, die Lebhaftigkeit, der spontane
Ausdruck, aber auch die vital-aggressiven Impulse werden unterdrückt.
Alle Abweichungen vom starren, erwünschten Pol erzeugen schließlich
Angst und werden gemieden. Alle Meidung erweitert die Angst.
Zweifellos sind wir alle in unserem Tun, Denken und Fühlen von äußeren
Zwängen bestimmt. Diese Zwänge sind nun einmal vorhanden. Sinnvoll
erscheint ein flexibler Umgang mit ihnen: hinterfragen, befolgen, verändern
oder verweigern. Die Entscheidung über die Art des Umganges mit äußeren
Zwängen sollte primär abhängig von deren Sinn erfolgen. Sekundär
trägt die Macht dieser Zwänge in Relation zur eigenen Stärke, zur
Lebens-Situation und momentanen Verfassung zur Entscheidung bei. So
kann aber nur eine weitgehend integrierte, sichere Persönlichkeit
reagieren. Je unsicherer, starrer bzw. weniger integriert eine Persönlichkeit
ist, um so mehr wird sie sich gefügig dem äußeren Zwang unterwerfen
- oder radikal dagegen ankämpfen. Mitunter findet sich ein Schwanken
zwischen diesen extremen Reaktionen. Immer noch bleibt aber auch bei
als übermächtig erlebten äußeren Zwängen das Gefühl, zumindest
Herr im eigenen Haus, im Inneren zu sein, wenn auch nicht
richtungsbestimmend nach außen.
Bei den Zwangskranken im eigentlichen Sinn geht auch das Gefühl
der inneren Autonomie verloren. Sie sind abhängig von äußeren
Faktoren und weitgehend hilflose Opfer ihrer inneren Impulse, die sie
oft sehr klar als unsinnig empfinden.
Menschen mit Zwangsproblemen sind oft überdurchschnittlich
intelligent. Leider wird ihre Kreativität durch den inneren Zwang
teilweise blockiert. Sehr viel intellektuelle Kraft verbrauchen sie für
die Erfindung (und Rechtfertigung) von geradezu magisch anmutenden
Ritualen, mit denen sie (vermeintliche) Bedrohungen in Schach halten.
All die Kontroll-, Sicherungs- und Waschzwänge gehören dazu. Dazu
erwerben sie ein erstaunliches Detailwissen. Doch die Weisheit des
ungesicherten Lebens (wie sie Alan Watts beschreibt) geht ihnen
verloren.
Der Umgang mit Zwängen
Der Kern des Zwangsproblems ist die Polarisierung, die
Einseitigkeit, also die Unterdrückung des Gegenpols.
Deshalb ist jeder Kampf gegen den Zwang verkehrt, da Kampf die
Polarisierung noch verstärkt.
Der erste Schritt besteht im Erkennen, im Anerkennen (Akzeptieren)
des Zwanges: In jedem zwanghaften Ritual steckt ein winziges Körnchen
Wahrheit, das allerdings von den Zwangsgedanken und -handlungen
umwuchert ist - bis zur Erstickung der eigentlichen Wahrheit. Es gilt,
diese Wahrheit, ihren Sinn, zu entdecken und zu befreien.
Die Befreiung ist durch massive Ängste behindert (aber nicht völlig
verhindert). Es gilt, diese Ängste zu erkennen und zuzulassen.
Danach kommt die befreiende, beglückende Erkenntnis, daß die Überwindung
bzw. Vernachlässigung der Angst, daß also das Unterlassen der
Rituale keine katastrophalen Folgen
hat: Das Ritual fällt - und, was für unmöglich gehalten wurde,
die Erde dreht sich weiter. Das Leben geht weiter und sogar freier,
besser, lebendiger. Wer hätte das zu denken gewagt?
Die schrittweise Befreiung von Angst, Zwängen (und Ängsten) kann
mit verhaltenstherapeutischen Methoden erleichtert werden. Als
praktische Anleitung für diese Methoden kann ich das Buch von Dr.
Nicolas Hoffmann empfehlen: N. Hoffmann: "Wenn Zwänge das Leben
einengen", PAL-Verlag.
Wertvolle Hilfe zur Lösung von Zwangsproblemen gibt die
Logotherapie von Viktor Franke. Diese Therapie arbeitet mit paradoxen
Intentionen. Kern der paradoxen Intention ist die therapeutische
Anforderung, das bisher gefürchtete und bekämpfte Symptom jetzt
aktiv herbeizuführen. Ein einfaches Beispiel dafür:
Manche Menschen erröten leicht. Das ist ihnen peinlich, deshalb fürchten
sie diese ihre Reaktion. Die Angst und der Kampf dagegen macht aber
das Problem nicht besser, sondern verstärkt es noch: Das Erröten
wird dadurch häufiger, stärker und immer unangenehmer erlebt. So
entsteht ein eskalierender Teufelskreis, der das ursprüngliche
Problem verschlimmert, anstatt es zu lösen. Die Angst treibt diesen
Teufelskreis an. Die paradoxe, scheinbar unvernünftige Lösung
besteht darin, das bisher gefürchtete Symptom aktiv anzustreben. Der
therapeutische Rat besteht darin, zu erröten, so intensiv, wie es
irgend geht. Zu erröten: "Auf Teufel komm raus", wie der
Volksmund treffend sagt. Der Teufel kommt natürlich nicht,
wenn wir ihn so offen auffordern: das Erröten bleibt aus (wenn der
Rat vertrauensvoll befolgt wurde). Damit ist das Symptom erstmals aus
eigener Kraft verschwunden oder wenigstens vermindert. Die Lösung des
Problems ist konkret greifbar geworden, möglich geworden, nicht aus
Flucht oder verzweifeltem Kampf - sondern aus bewußter Aktivität.
Also aus dem Loslassen gewohnter Verhaltensweisen, dafür aus
intelligenter Einsicht in das Wesen des Lebens und des Menschen.
Ein analoges Vorgehen ist bei, Zwangssymptomen möglich - und
wirksam: Die Verschreibung des Symtoms gibt dem Patienten die Verfügung
darüber zurück. Er (sie) wird vom passiv folgenden Opfer zum
aktiv Ausführenden. Das Symptom wird vom Herrscher zum Instrument.
Erforderlich ist die präzise, detaillierte therapeutische
Verschreibung des Symptoms und das Vertrauen auf die Verordnung.
Neuerdings hat sich die Anwendung von Serotonin - Wiederaufnahme -
Hemmstoffen für die Behandlung von Zwangserkrankungen bewährt. Die
genannten Verhaltenstherapien können damit unterstützt werden.
Die Wirksamkeit dieser Substanzen, die ursprünglich zur Therapie
von Depressionen entwickelt wurden, zeigt die stoffliche
(veranlagungsbedingte) Komponente der Zwangserkrankung. Die
Zwangskrankheit wird oft von Depressionen begleitet. Unter der
Anwendung von Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmstoffen schwinden die
Depressionen oft schon nach 14 Tagen. Dagegen tritt die Minderung von
Zwangserscheinungen erst nach Gebrauch dieser Mittel von 6-12 Monaten
ein. Die existentiell orientierte Therapie kann durch solche Mittel
unterstützt, nicht aber ersetzt werden.
Als Ziel der Therapie von Zwängen sehe ich die Bewußtseinserweiterung
an mit der Bewältigung und Integration der Zwangsprobleme. Vor allem
sollte der Kern, auch der Wert, dieser Problematik erkannt werden.
In seinem Bestreben, alle Aspekte des Lebens kontrollierbar und
vorhersehbar zu machen, hat der moderne Mensch sich selber in seinem
angstgeknüpften Netz verstrickt und gefangen. Er hat eine (scheinbar)
völlig versicherte und technisierte Welt geschaffen und sich damit
von den ursprünglichen Erfahrungen und Sinngebungen des Lebens
abgeschnitten. Mit der Lösung der Zwangserscheinungen können wir das
Wort aus dem Lukasevangelium (16,33) wieder richtig begreifen: Was hülfe
es dem Menschen, so er die ganze Welt gewönne und doch Schaden nähme
an seiner Seele.
|