Lebensmut

Dr. med. Klaus Mohr


Geh nicht sanft in jene gute Nacht, wüte, wüte gegen das Sterben des Lichts.

Dylan Thomas

 

Ein neues Jahr beginnt. Mit Rückblick auf das Gewesene, Vergangene, nicht nur das eine letzte Jahr - hoffentlich zufrieden und dankbar. Und mit guten Wünschen für die Zukunft, mit guten Vorsätzen. Mit Hoffnung. Aber auch mit Sorgen, mit Zukunftsängsten.

Die Stimmung in den Ländern und Staaten ist düster. Die Finanzen sind zerrüttet, die Schulden wachsen ständig. Der jahrzehntelang mit Pump und Ausbeutung ("Umverteilung") vorgetäuschte Wohlstand wird brüchig. Die Fassaden wanken. Die Arbeitslosigkeit ist verheerend. Die Arbeitenden sind bis an die Grenze des Erträglichen belastet. Alle Zukunftsperspektiven sind unsicher und dabei überwiegend bedrohlich. Die Geborgenheit ist verloren. Der Graben zwischen den Generationen wird tiefer und breiter. Das Vertrauen in die Politiker, in deren Verläßlichkeit und Ehrlichkeit, schwindet. Auseinandersetzungen werden immer härter, rücksichtsloser und verletzender. Alte Tugenden und Selbstverständlichkeiten gehen unter. Aus Miteinander wird Gegeneinander.

Die Perspektive für die Zukunft ist daher düster.

In bizarrem, grellem Gegensatz dazu stehen die 35 Millionen Urlaubsflüge der Deutschen im vergangenen Jahr: auf die Kanarischen Inseln, in die Karibik und die entlegensten Winkel der Erde. Gleichzeitig ruft ein angeregtes Notopfer von 20 DM für demnächst baufällige Krankenhäuser ein scheinheiliges Aufheulen der Empörung in allen Bevölkerungskreisen hervor: Ein trauriges Statement bürgerlichen Gemeinsinns, allenfalls verständlich aus dem ohnehin schon erfahrenen würgenden Zugriff der Politiker auf die Ersparnisse der Bürger.

Kathedralen wird diese Generation nicht mehr bauen, sondern Profitcenter und Abschreibungsmodelle. Sie wird immer noch stärker auf ihren Eigennutz und vermeintlichen Wohlstand schielen und dafür zu allen möglichen Manipulationen bereit sein. Bis nichts mehr geht. Die Krise wird nicht so sehr im Finanz- und Sozialsystem zum Ausbruch kommen (dort wird immer noch weiter jongliert und verschoben), sondern im Menschen selber. Schon werden viele von uns mehr gelebt, als selber zu leben. Wie Marionetten zappeln sie, hin- und hergesteuert von der Werbung, von Medienberichten und den repressiven Gaben des Wohlfahrtsstaates. Je angepaßter sie an diesem System teilnehmen - um es auszunehmen und für sich zu sichern - um so klüger und besser dünken sie sich. Nur glücklicher, zufriedener und gesünder fühlen sie sich nicht, sondern unzufrieden, fordernd und krankhaft. Und so verhalten sie sich auch. Längst wirkt dieses Verhalten auf den, eigenen Organismus zurück, z. B. auf die Überträgerstoffe im Zentralnervensystem und deren Rezeptoren. Inzwischen ist die Dominanz der Unzufriedenen, Ausbeutenden und Rücksichtslosen so penetrant geworden, daß das ganze System in ihren Strudel geraten könnte.

Wie es auch kommen wird: Wirkliche Verbesserungen dieses Systems sind nicht mehr zu erwarten. Die Verstrickungen, Verschuldungen und Belastungen sind allzusehr angewachsen. In dieser Situation erfordert das Weiterleben viel eigenständigen Mut und Kraft. In schwierigen Zeiten und Verhältnissen ist immer Mut erforderlich: Mut zur Bewältigung und Mut zur Veränderung. Mut erzeugt immer Respekt. Zur Tugend wird der Mut jedoch erst, wenn er uneigennützig dem Nächsten und dem Gemeinwohl dient. Dieser Mut, entstanden aus der Oberwindung des Selbst und der Angst, fasziniert die Mitmenschen, die Schwachen und die Starken. Dieser Mut kann die Gesellschaft ändern. In unserer Gesellschaft mit ihrem Übermaß an Wissen, Meinen und Kommentieren ist der.

Mut klein geworden. Denn, wie der Philosoph Jankélévitch gesagt hat: ist Mut nicht Wissen, sondern Entscheiden, nicht Meinen, sondern Handeln.

"Alle Vernunft ist anonym, aller Mut ist persönlich. Darum braucht man bisweilen auch Mut für das Denken, so wie es Mut für das Leiden und das Kämpfen braucht. Weil niemand an unserer Stelle denken kann – genausowenig wie leiden oder kämpfen - und weil die Vernunft dazu nicht genügt, weil die Wahrheit, dazu nicht genügt, weil man zusätzlich all das in uns zittert oder sich sträubt, was lieber eine gemütliche Illusion oder eine bequeme Lüge hätte. Man spricht deshalb vom geistigen Mut, der die Weigerung Ist beim Denken der Angst nachzugeben: Die Weigerung, sich etwas anderem zu beugen als der Wahrheit, die nichts erschreckt und sei sie noch so schrecklich." (André Comte-Sponville, Ermutigung zum unzeitgemäßen Leben): "Der Mut siegt, zumindest versucht er zu siegen, und es ist mutig, es zu versuchen. Anders keine Tugend. Anders kein Leben. Anders kein Glück."

Der VerIust des Mutes in unserer Gesellschaft ist angesichts deren Strukturen nicht erstaunlich. Weigern wir uns, der Angst nachzugeben. Besinnen wir uns auf unseren lebensfördernden Mut. Wir haben keine bessere Alternative. Wählen wir das verantwortliche, mutige Leben.

Zur feinstofflich-biochemischen Ebene der Forderung von Lebensaktivität und Mut finden Sie einige Hinweise in dem Beitrag: Dopamin - der Schlüssel zum Leben.

Dies ist aber nur eine Ebene der Entstehung von Mut, die von unseren anderen Ebenen nicht getrennt gesehen werden darf.

Im geistig seelischen Bereich entsteht der lebensfördernde Mut aus der Demut: der Verbindung mit der Erde und dem Streben zu Wahrheit, Licht und Liebe, zu Gott. In der Praxis sehen wir oft, daß Neurotiker und andere Kranke, die ihre Krankheit nicht bewältigen können, ihre Demut verloren haben - sei es aus vorangegangenen schweren Kränkungen oder aus Hochmut. Hochmut ist Unmut oder lebenswidriger Übermut. Jedenfalls das Gegenteil von Demut und Lebensmut.

Entwickeln wir ganz einfach unseren Lebensmut aus Demut. Moses Maimonides sagt uns: "Wir haben bereits erklärt, daß die göttliche Vorsehung über jedes verantwortliche Wesen gemäß dem Bewußtsein, das dieses Wesen besitzt, wacht. Diejenigen, die in ihrer Wahrnehmung von Gott vollkommen sind, deren Geist niemals von ihm getrennt ist, können sich immer der Vorsehung erfreuen": die Anleitung zum Mut aus Demut.

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