Dylan Thomas
Ein neues Jahr beginnt. Mit Rückblick auf das Gewesene,
Vergangene, nicht nur das eine letzte Jahr - hoffentlich zufrieden und
dankbar. Und mit guten Wünschen für die Zukunft, mit guten Vorsätzen.
Mit Hoffnung. Aber auch mit Sorgen, mit Zukunftsängsten.
Die Stimmung in den Ländern und Staaten ist düster. Die Finanzen
sind zerrüttet, die Schulden wachsen ständig. Der jahrzehntelang mit
Pump und Ausbeutung ("Umverteilung") vorgetäuschte
Wohlstand wird brüchig. Die Fassaden wanken. Die Arbeitslosigkeit ist
verheerend. Die Arbeitenden sind bis an die Grenze des Erträglichen
belastet. Alle Zukunftsperspektiven sind unsicher und dabei überwiegend
bedrohlich. Die Geborgenheit ist verloren. Der Graben zwischen den
Generationen wird tiefer und breiter. Das Vertrauen in die Politiker,
in deren Verläßlichkeit und Ehrlichkeit, schwindet.
Auseinandersetzungen werden immer härter, rücksichtsloser und
verletzender. Alte Tugenden und Selbstverständlichkeiten gehen unter.
Aus Miteinander wird Gegeneinander.
Die Perspektive für die Zukunft ist daher düster.
In bizarrem, grellem Gegensatz dazu stehen die 35 Millionen
Urlaubsflüge der Deutschen im vergangenen Jahr: auf die Kanarischen
Inseln, in die Karibik und die entlegensten Winkel der Erde.
Gleichzeitig ruft ein angeregtes Notopfer von 20 DM für demnächst
baufällige Krankenhäuser ein scheinheiliges Aufheulen der Empörung
in allen Bevölkerungskreisen hervor: Ein trauriges Statement bürgerlichen
Gemeinsinns, allenfalls verständlich aus dem ohnehin schon erfahrenen
würgenden Zugriff der Politiker auf die Ersparnisse der Bürger.
Kathedralen wird diese Generation nicht mehr bauen, sondern
Profitcenter und Abschreibungsmodelle. Sie wird immer noch stärker
auf ihren Eigennutz und vermeintlichen Wohlstand schielen und dafür
zu allen möglichen Manipulationen bereit sein. Bis nichts mehr geht.
Die Krise wird nicht so sehr im Finanz- und Sozialsystem zum Ausbruch
kommen (dort wird immer noch weiter jongliert und verschoben), sondern
im Menschen selber. Schon werden viele von uns mehr gelebt, als selber
zu leben. Wie Marionetten zappeln sie, hin- und hergesteuert von der
Werbung, von Medienberichten und den repressiven Gaben des
Wohlfahrtsstaates. Je angepaßter sie an diesem System teilnehmen - um
es auszunehmen und für sich zu sichern - um so klüger und besser dünken
sie sich. Nur glücklicher, zufriedener und gesünder fühlen sie sich
nicht, sondern unzufrieden, fordernd und krankhaft. Und so verhalten
sie sich auch. Längst wirkt dieses Verhalten auf den, eigenen
Organismus zurück, z. B. auf die Überträgerstoffe im
Zentralnervensystem und deren Rezeptoren. Inzwischen ist die Dominanz
der Unzufriedenen, Ausbeutenden und Rücksichtslosen so penetrant
geworden, daß das ganze System in ihren Strudel geraten könnte.
Wie es auch kommen wird: Wirkliche Verbesserungen dieses Systems
sind nicht mehr zu erwarten. Die Verstrickungen, Verschuldungen und
Belastungen sind allzusehr angewachsen. In dieser Situation erfordert
das Weiterleben viel eigenständigen Mut und Kraft. In schwierigen
Zeiten und Verhältnissen ist immer Mut erforderlich: Mut zur Bewältigung
und Mut zur Veränderung. Mut erzeugt immer Respekt. Zur Tugend wird
der Mut jedoch erst, wenn er uneigennützig dem Nächsten und dem
Gemeinwohl dient. Dieser Mut, entstanden aus der Oberwindung
des Selbst und der Angst, fasziniert die Mitmenschen, die
Schwachen und die Starken. Dieser Mut kann die Gesellschaft ändern.
In unserer Gesellschaft mit ihrem Übermaß an Wissen, Meinen und
Kommentieren ist der.
Mut klein geworden. Denn, wie der Philosoph Jankélévitch gesagt
hat: ist Mut nicht Wissen, sondern Entscheiden, nicht Meinen,
sondern Handeln.
"Alle Vernunft ist anonym, aller Mut ist persönlich. Darum
braucht man bisweilen auch Mut für das Denken, so wie es Mut für das
Leiden und das Kämpfen braucht. Weil niemand an unserer Stelle denken
kann – genausowenig wie leiden oder kämpfen - und weil die Vernunft
dazu nicht genügt, weil die Wahrheit, dazu nicht genügt, weil man
zusätzlich all das in uns zittert oder sich sträubt, was lieber eine
gemütliche Illusion oder eine bequeme Lüge hätte. Man spricht
deshalb vom geistigen Mut, der die Weigerung Ist beim Denken der
Angst nachzugeben: Die Weigerung, sich etwas anderem zu beugen als
der Wahrheit, die nichts erschreckt und sei sie noch so
schrecklich." (André Comte-Sponville, Ermutigung zum unzeitgemäßen
Leben): "Der Mut siegt, zumindest versucht er zu siegen, und es
ist mutig, es zu versuchen. Anders keine Tugend. Anders kein Leben.
Anders kein Glück."
Der VerIust des Mutes in unserer Gesellschaft ist angesichts deren
Strukturen nicht erstaunlich. Weigern wir uns, der Angst nachzugeben.
Besinnen wir uns auf unseren lebensfördernden Mut. Wir haben keine
bessere Alternative. Wählen wir das verantwortliche, mutige Leben.
Zur feinstofflich-biochemischen Ebene der Forderung von
Lebensaktivität und Mut finden Sie einige Hinweise in dem Beitrag:
Dopamin - der Schlüssel zum Leben.
Dies ist aber nur eine Ebene der Entstehung von Mut, die von
unseren anderen Ebenen nicht getrennt gesehen werden darf.
Im geistig seelischen Bereich entsteht der lebensfördernde Mut aus
der Demut: der Verbindung mit der Erde und dem Streben zu Wahrheit,
Licht und Liebe, zu Gott. In der Praxis sehen wir oft, daß Neurotiker
und andere Kranke, die ihre Krankheit nicht bewältigen können, ihre
Demut verloren haben - sei es aus vorangegangenen schweren Kränkungen
oder aus Hochmut. Hochmut ist Unmut oder lebenswidriger Übermut.
Jedenfalls das Gegenteil von Demut und Lebensmut.
Entwickeln wir ganz einfach unseren Lebensmut aus Demut. Moses
Maimonides sagt uns: "Wir haben bereits erklärt, daß die göttliche
Vorsehung über jedes verantwortliche Wesen gemäß dem Bewußtsein,
das dieses Wesen besitzt, wacht. Diejenigen, die in ihrer Wahrnehmung
von Gott vollkommen sind, deren Geist niemals von ihm getrennt ist, können
sich immer der Vorsehung erfreuen": die Anleitung zum Mut aus
Demut.