Loslassen

Dr. med. Klaus Mohr


Unser Denken ist von einem starken Sicherheitsbedürfnis beherrscht. Normen, Kontrollen und Versicherungen werden gemacht, um dieses Bedürfnis zu befriedigen. Von der Geburt bis zum Pflegelager, selbst bis zur Bestattungsordnung, bestehen Normen, Vorschriften und Versicherungen, die alle Lebensumstände regulieren und sichern sollen.

Ein vernünftiges Maß an äußerer Absicherung ist zweifellos sinnvoll. Von jeher haben die Menschen versucht, sich vor abwendbaren Gefahren des Lebens zu schützen. Diese Schutzmaßnahmen erfolgten ursprünglich individuell, im Bereich der Familie und der engeren sozialen Gemeinschaft in den Dörfern - aus unmittelbarer ethischer Verpflichtung.

In der vorindustriellen Zeit, in Kulturen, die noch ursprünglich lebten, standen dafür neben sehr konkreten Maßnahmen zur Existenzerhaltung auch sicherheitsgebende religiöse und magische Ordnungen. Während unseres Urlaubs in einem noch bäuerlich geprägten Allgäu-Dorf, das wertvolle Impulse von einem nahen Kloster erhalten hatte, konnten wir dies sehr eindrucksvoll erfahren. Die Menschen in diesem Dorf wirken - gerade so, als ob die Zeit dort noch ein wenig stehengeblieben sei, trotz aller destruktiven Einflüsse aus großer Politik und Gesellschaft - freundlicher, geduldiger und gelassener, anscheinend auch ungezwungener, aggressionsloser und angstärmer, als wir dies von der Bevölkerung an unserem Wohnort und von Erfahrungen mit Patienten kennen.

Dabei müssen die Menschen in diesem Allgäudorf in ihrer Landwirtschaft länger und schwerer arbeiten als die meisten Menschen bei uns Zuhause. In den regenreichen Juliwochen wirkten die Bauern vom frühen Morgen bis zum späten Abend intensiv, um in den trockenen Intervallen ihr Heu einzubringen, eine wichtige Grundlage ihrer Milchviehwirtschaft für den Winter. Und in der Klosterkirche befinden sich zwei Seitenaltäre, deren einer dem Schutzpatron gegen übermäßige Trockenheit, der andere dem Schutzheiligen gegen übermäßige Nässe gewidmet ist.

Die alte Sufi - Weisheit: Vertraue auf Gott und binde dein Kamel fest - (aus einem ganz anderen Kulturkreis stammend) wird von den Menschen hier noch gelebt: weise und wirksam.

In den meisten Bereichen unserer Gesellschaft, vor allem in der Politik, scheint jedoch von dieser Weisheit nur die Hälfte, damit auch nur die halbe Wahrheit übrig geblieben zu sein, nämlich: Binde dein Kamel fest. Halbwahrheiten sind arithmetisch betrachtet immerhin noch 50 prozentige Wahrheiten. Doch in der Lebenswirklichkeit stehen Halbwahrheiten schon sehr nahe an Lebenslügen. In der Publizistik und der Politik wird heutzutage gerne mit Halbwahrheiten gearbeitet (deutlicher gesagt: manipuliert). Mit Halbwahrheiten läßt sich nämlich alles beweisen, widerlegen oder zerreden - je nach persönlichen Bedarf oder Motiv. Beliebte Magazine in unserer Republik manipulieren ihre Leser gerne mit Halbwahrheiten. Doch ist diese Methode auch Politikern und Wissenschaftlern nicht ganz fremd. Das Zusammenwirken all dieser Profis führt schließlich zur Lähmung der lebensfördernden Kräfte in der Bevölkerung.

Möglich wird die Manipulation jedoch erst durch die Schwäche der von ihnen betreuten Menschen, durch deren Bereitschaft zum Festhalten. Versucht nicht fast jeder von ihnen, das eigene Kamel festzubinden, so fest, daß es sich nicht mehr bewegen kann, daß es schließlich an seinem Strick ersticken muß?

Vertraue auf Gott und binde dein Kamel fest: Im Rahmen des Vertrauens und der Erhaltung einer göttlichen Weltordnung ist es legitim und sinnvoll, für die persönliche Existenzsicherung zu sorgen. Wenn aber dieser Rahmen entfernt wird, dann wird das Festbinden, die Existenzsicherung, zur Fessel, die zur Erstickung führt.

Binde nur dein Kamel fest: Die Kehrseite einer Gesellschaft, die auf Halbwahrheiten und einseitiges Festhalten gegründet ist, ist die Sucht. Die alarmierend wachsende Zahl der von harten Drogen Abhängigen ist ein Symptom unter anderen, noch breiter reichenden.

Süchtig ist unsere gesamte Gesellschaft, weil sie nicht bereit ist, nicht fähig ist, auch nur einen winzigen Teil des ihr Zugefallenen loszulassen.

Dieser Zwang zum Festhalten bewirkt eigene Lähmung - und ruiniert die Ökosysteme.

 

Charakteristisch für süchtiges Verhalten ist das zwanghaft übersteigerte Festhalten an äußeren Sicherungssystemen und Mitteln. Sicherung in vernünftigem, persönlich leistbarem Maß ist sinnvoll: Vor allem müssen aggressive Techniken wie Atomkraftwerke, Automobile, Genmanipulation und Strahlungsquellen, sowie alle Waffen (wenn man all das schon nicht abschaffen kann) mehrfach gesichert werden - auch vor menschlicher Ignoranz und Unvernunft. Doch muß uns bewußt bleiben, daß diese Sicherungsmaßnahmen selber zusätzlich umwelt- und lebensschädigend wirken, ein Kreis ohne Ende. Sie beeinflussen wiederum unser Bewußtsein - und lenken von lebenswichtigen Maßnahmen ab.

Die latente Bewußtseinsstörung ist wahrscheinlich die schlimmste Folge dieser Veränderung. Zweifellos haben wir trotz der technischen und zivilisatorischen Fortschritte samt ihrer bisher ungekannten Gefahren vorläufig ein einzigartiges Maß an individueller Sicherheit erreicht. Vorläufig. Denn diese Entwicklung hat sich längst umgekehrt, indem sie - als Preis für die momentane Sicherung - zukünftige Generationen, wie das Leben überhaupt, unverantwortlich und kaum abschätzbar belastet.

Unser momentanes Sicherheits- (und Anspruchs- und Bequemlichkeits-) Denken ist eine Hypothek, die von der nächsten Generation nicht mehr getragen, geschweige denn abgelöst werden kann. Schon gar nicht mehr von uns selber. Hier sehe ich das eigentliche Versagen unserer Politiker, die keine Lösung der aktuellen Probleme hier und heute anstreben, sondern nur ihr Heil (und ihre Wiederwahl) in der Verschiebung der heutigen Probleme auf morgen suchen, in der Belastung künftiger Generationen (wenn überhaupt noch möglich). Nehmen Sie als Beispiel nur das Rentenproblem. Wie sollen Belastungen, die heute mit aller bedenkenlosen Überforderung der Umweltresourcen schon nicht mehr tragbar sind, von der nächsten Generation noch abbezahlt werden können?

Einer Generation, die schon viel belasteter aufgewachsen ist, die vermutlich schon für reines Trinkwasser und noch halbwegs fruchtbare Böden ihre ganze verbliebene Kraft wird aufwenden müssen? Ist derartige Politik der Schuldenverschiebung aus materiell und - noch - ökologisch reichen Zeiten in künftig viel ärmere Zeiten (wiederum eine Folge unseres Anspruchs und unserer Politik) nicht verantwortungslos und verabscheuungswürdig?

Hinter diesem Versagen steht das gesellschaftlich und politisch scheinbar unantastbare Tabu unserer Ansprüche einschließlich unserer - übersteigerten - Sicherheitswünsche.

Kein Zweifel: Wir müssen unsere übersteigerten Ansprüche loslassen - um der Zukunft unserer Kinder und um unserer selbst willen. Denn die Ansprüche und Sicherheitswälle zerstören längst schon die Gegenwart: Wir leiden schwer an unseren Schuldgefühlen. Doch fällt das Loslassen sehr schwer - mit fortgeschrittener Süchtigkeit immer schwerer. Voraussetzung des Loslassens ist die Umwandlung unserer destruktiven Angst in schöpferische Energien. Ansatzpunkte für die Umwandlung habe ich in dem Buch "Auflösung der Angst" (Bircher-Benner-Verlag) dargestellt. Mit dem Loslassen können wir uns von unserer Angst und unseren Schuldgefühlen befreien.

Ein interessantes Buch zu diesem Thema ist: Loslassen. Der innere Hunger: Wege aus Sucht und Abhängigkeit von Cia Criss (Oesch Verlag, 212 Seiten, DM 39,80). Frau Criss beschreibt nach einer intensiven Analyse der inneren Ursachen von Abhängigkeit sanfte Lösungs- und Heilungswege von destruktiven Gewohnheiten, vorwiegend im emotionalen (ausschlaggebenden) Bereich. Heilsame Veränderung wird damit möglich.

Notwendig ist es, die Tabus, die Blockierungen und die uneingestandenen Abhängigkeiten in unserer Gesellschaft bewußt zu erkennen und anzusprechen, so wie all die Ängste, Eitelkeiten und destruktiven Spiele. Damit ist schon ein Großteil der Ursachen unserer Probleme und Fehler erkannt.

Die Entscheidung für das Loslassen (für die Befreiung), gegen die Abhängigkeit fällt dann leichter. Wir sind (noch) stark genug, um dies leisten zu können: bescheiden loszulassen. Oder etwa nicht?

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