Ein vernünftiges Maß an äußerer Absicherung
ist zweifellos sinnvoll. Von jeher haben die Menschen versucht, sich
vor abwendbaren Gefahren des Lebens zu schützen. Diese Schutzmaßnahmen
erfolgten ursprünglich individuell, im Bereich der Familie und der
engeren sozialen Gemeinschaft in den Dörfern - aus unmittelbarer
ethischer Verpflichtung.
In der vorindustriellen Zeit, in Kulturen, die
noch ursprünglich lebten, standen dafür neben sehr konkreten Maßnahmen
zur Existenzerhaltung auch sicherheitsgebende religiöse und magische
Ordnungen. Während unseres Urlaubs in einem noch bäuerlich geprägten
Allgäu-Dorf, das wertvolle Impulse von einem nahen Kloster erhalten
hatte, konnten wir dies sehr eindrucksvoll erfahren. Die Menschen in
diesem Dorf wirken - gerade so, als ob die Zeit dort noch ein wenig
stehengeblieben sei, trotz aller destruktiven Einflüsse aus großer
Politik und Gesellschaft - freundlicher, geduldiger und gelassener,
anscheinend auch ungezwungener, aggressionsloser und angstärmer, als
wir dies von der Bevölkerung an unserem Wohnort und von Erfahrungen
mit Patienten kennen.
Dabei müssen die Menschen in diesem Allgäudorf
in ihrer Landwirtschaft länger und schwerer arbeiten als die meisten
Menschen bei uns Zuhause. In den regenreichen Juliwochen wirkten die
Bauern vom frühen Morgen bis zum späten Abend intensiv, um in den
trockenen Intervallen ihr Heu einzubringen, eine wichtige Grundlage
ihrer Milchviehwirtschaft für den Winter. Und in der Klosterkirche
befinden sich zwei Seitenaltäre, deren einer dem Schutzpatron gegen
übermäßige Trockenheit, der andere dem Schutzheiligen gegen übermäßige
Nässe gewidmet ist.
Die alte Sufi - Weisheit: Vertraue auf Gott und
binde dein Kamel fest - (aus einem ganz anderen Kulturkreis stammend)
wird von den Menschen hier noch gelebt: weise und wirksam.
In den meisten Bereichen unserer Gesellschaft,
vor allem in der Politik, scheint jedoch von dieser Weisheit nur die Hälfte,
damit auch nur die halbe Wahrheit übrig geblieben zu sein, nämlich:
Binde dein Kamel fest. Halbwahrheiten sind arithmetisch betrachtet
immerhin noch 50 prozentige Wahrheiten. Doch in der Lebenswirklichkeit
stehen Halbwahrheiten schon sehr nahe an Lebenslügen. In der
Publizistik und der Politik wird heutzutage gerne mit Halbwahrheiten
gearbeitet (deutlicher gesagt: manipuliert). Mit Halbwahrheiten läßt
sich nämlich alles beweisen, widerlegen oder zerreden - je nach persönlichen
Bedarf oder Motiv. Beliebte Magazine in unserer Republik manipulieren
ihre Leser gerne mit Halbwahrheiten. Doch ist diese Methode auch
Politikern und Wissenschaftlern nicht ganz fremd. Das Zusammenwirken
all dieser Profis führt schließlich zur Lähmung der lebensfördernden
Kräfte in der Bevölkerung.
Möglich wird die Manipulation jedoch erst durch
die Schwäche der von ihnen betreuten Menschen, durch deren
Bereitschaft zum Festhalten. Versucht nicht fast jeder von ihnen, das
eigene Kamel festzubinden, so fest, daß es sich nicht mehr bewegen
kann, daß es schließlich an seinem Strick ersticken muß?
Vertraue auf Gott und binde dein Kamel fest: Im
Rahmen des Vertrauens und der Erhaltung einer göttlichen Weltordnung
ist es legitim und sinnvoll, für die persönliche Existenzsicherung
zu sorgen. Wenn aber dieser Rahmen entfernt wird, dann wird das
Festbinden, die Existenzsicherung, zur Fessel, die zur Erstickung führt.
Binde nur dein Kamel fest: Die Kehrseite einer
Gesellschaft, die auf Halbwahrheiten und einseitiges Festhalten gegründet
ist, ist die Sucht. Die alarmierend wachsende Zahl der von harten
Drogen Abhängigen ist ein Symptom unter anderen, noch breiter
reichenden.
Süchtig ist unsere gesamte Gesellschaft, weil
sie nicht bereit ist, nicht fähig ist, auch nur einen winzigen Teil
des ihr Zugefallenen loszulassen.
Dieser Zwang zum Festhalten bewirkt eigene Lähmung
- und ruiniert die Ökosysteme.
Charakteristisch für süchtiges Verhalten ist
das zwanghaft übersteigerte Festhalten an äußeren
Sicherungssystemen und Mitteln. Sicherung in vernünftigem, persönlich
leistbarem Maß ist sinnvoll: Vor allem müssen aggressive Techniken
wie Atomkraftwerke, Automobile, Genmanipulation und Strahlungsquellen,
sowie alle Waffen (wenn man all das schon nicht abschaffen kann)
mehrfach gesichert werden - auch vor menschlicher Ignoranz und
Unvernunft. Doch muß uns bewußt bleiben, daß diese Sicherungsmaßnahmen
selber zusätzlich umwelt- und lebensschädigend wirken, ein Kreis
ohne Ende. Sie beeinflussen wiederum unser Bewußtsein - und lenken
von lebenswichtigen Maßnahmen ab.
Die latente Bewußtseinsstörung ist
wahrscheinlich die schlimmste Folge dieser Veränderung. Zweifellos
haben wir trotz der technischen und zivilisatorischen Fortschritte
samt ihrer bisher ungekannten Gefahren vorläufig ein einzigartiges Maß
an individueller Sicherheit erreicht. Vorläufig. Denn diese
Entwicklung hat sich längst umgekehrt, indem sie - als Preis für die
momentane Sicherung - zukünftige Generationen, wie das Leben überhaupt,
unverantwortlich und kaum abschätzbar belastet.
Unser momentanes Sicherheits- (und Anspruchs-
und Bequemlichkeits-) Denken ist eine Hypothek, die von der nächsten
Generation nicht mehr getragen, geschweige denn abgelöst werden kann.
Schon gar nicht mehr von uns selber. Hier sehe ich das eigentliche
Versagen unserer Politiker, die keine Lösung der aktuellen Probleme
hier und heute anstreben, sondern nur ihr Heil (und ihre Wiederwahl)
in der Verschiebung der heutigen Probleme auf morgen suchen, in der
Belastung künftiger Generationen (wenn überhaupt noch möglich).
Nehmen Sie als Beispiel nur das Rentenproblem. Wie sollen Belastungen,
die heute mit aller bedenkenlosen Überforderung der Umweltresourcen
schon nicht mehr tragbar sind, von der nächsten Generation noch
abbezahlt werden können?
Einer Generation, die schon viel belasteter
aufgewachsen ist, die vermutlich schon für reines Trinkwasser und
noch halbwegs fruchtbare Böden ihre ganze verbliebene Kraft wird
aufwenden müssen? Ist derartige Politik der Schuldenverschiebung aus
materiell und - noch - ökologisch reichen Zeiten in künftig viel ärmere
Zeiten (wiederum eine Folge unseres Anspruchs und unserer Politik)
nicht verantwortungslos und verabscheuungswürdig?
Hinter diesem Versagen steht das
gesellschaftlich und politisch scheinbar unantastbare Tabu unserer
Ansprüche einschließlich unserer - übersteigerten - Sicherheitswünsche.
Kein Zweifel: Wir müssen unsere übersteigerten
Ansprüche loslassen - um der Zukunft unserer Kinder und um unserer
selbst willen. Denn die Ansprüche und Sicherheitswälle zerstören längst
schon die Gegenwart: Wir leiden schwer an unseren Schuldgefühlen.
Doch fällt das Loslassen sehr schwer - mit fortgeschrittener Süchtigkeit
immer schwerer. Voraussetzung des Loslassens ist die Umwandlung
unserer destruktiven Angst in schöpferische Energien. Ansatzpunkte für
die Umwandlung habe ich in dem Buch "Auflösung der Angst"
(Bircher-Benner-Verlag) dargestellt. Mit dem Loslassen können wir uns
von unserer Angst und unseren Schuldgefühlen befreien.
Ein interessantes Buch zu diesem Thema ist:
Loslassen. Der innere Hunger: Wege aus Sucht und Abhängigkeit von Cia
Criss (Oesch Verlag, 212 Seiten, DM 39,80). Frau Criss beschreibt nach
einer intensiven Analyse der inneren Ursachen von Abhängigkeit sanfte
Lösungs- und Heilungswege von destruktiven Gewohnheiten, vorwiegend
im emotionalen (ausschlaggebenden) Bereich. Heilsame Veränderung wird
damit möglich.
Notwendig ist es, die Tabus, die Blockierungen
und die uneingestandenen Abhängigkeiten in unserer Gesellschaft bewußt
zu erkennen und anzusprechen, so wie all die Ängste, Eitelkeiten und
destruktiven Spiele. Damit ist schon ein Großteil der Ursachen
unserer Probleme und Fehler erkannt.
Die Entscheidung für das Loslassen (für die
Befreiung), gegen die Abhängigkeit fällt dann leichter. Wir sind
(noch) stark genug, um dies leisten zu können: bescheiden
loszulassen. Oder etwa nicht?