Als ich zu hungern anfing (im Frühjahr
1982), hatte ich nur ein Ziel vor Augen: eine tolle Figur! Später war
es nicht mehr meine Traumfigur, die ich im Auge hatte - die war längst
erreicht - sondern nur noch die Waage und mein immer geringer
werdendes Gewicht. Das allein zählte und vermittelte mir eine immense
psychische Stärke. Ich hatte meine Schwächen besiegt. Ich war zu
etwas Besonderem geworden. Abnehmen hieß Leistung, Erfolg, Kraft, Stärke.
Gleichbleiben oder Zunehmen aber bedeutete Mißerfolg,
Unzufriedenheit und Schuldgefühle. Alles drehte sich um den Zeiger
der Waage. Dieser Zeiger beherrschte mich tagein, tagaus.
Auch als ich mich schon knochig fand, hungerte ich weiter, auch
dann noch, als mir mein Dürrsein erhebliche Beschwerden machte. Ich
fror entsetzlich, bei jeder kleinen Anstrengung war ich erschöpft,
ich fiel häufig hin, weil mir die Beine wegsackten, Sitzen auf harten
Stühlen war eine Tortur. Trotzdem und dennoch: ich nahm alles in
Kauf. Abnehmen war wichtig, Abnehmen war das Wichtigste, es war mein
Leben.
Mein Verstand, der mir zuweilen etwas anderes sagte, zählte nicht
mehr. Wollte jemand mir raten, zuzunehmen, wehrte ich mich mit Händen
und Füßen, wurde aggressiv und zog mich zurück. Abnehmen allein
machte mein Selbstwertgefühl aus, gab mir Bestätigung, Stärke,
Geborgenheit, Hilfe bei der Bewältigung meiner Probleme.
Immer schon wollte ich etwas anderes sein. Wollte Außergewöhnliches
leisten, mehr wissen, mehr können als andere. Ich wünschte mir,
perfekt zu sein. Aber im Vergleich zu anderen fühlte ich mich
minderwertig.
Die Magersucht gab mir die Möglichkeit, etwas Besonderes zu
werden. Ich spürte auf einmal meine Persönlichkeit.
Im nachhinein betrachtet, war das alles natürlich eine Selbsttäuschung,
ein leerer Wahn. Ich hatte ja auch betrogen: mich selbst, mein Ich,
meine Persönlichkeit.
Im Frühjahr 1985 entschloß ich mich zu einem Klinikaufenthalt und
einer Therapie.
Nach der Zeit der Isolation und dem Wissen, nicht dazuzugehören,
immer abseits zu stehen, spürte ich in der Klinik Geborgenheit und
Schutz. Ich konnte mit Menschen über die Magersucht sprechen und
wurde verstanden. Da war zum Beispiel Carola. Sie hatte die gleichen
Gefühle und Gedanken wie ich, hatte ähnliches erlebt und ähnlich
gehandelt. Es waren die vielen Gemeinsamkeiten, die mir besonders in
den ersten Wochen in der Klinik halfen, aus meiner Isolation
herauszukommen und anzufangen, an ein anderes Leben für mich zu
glauben.
In den Gesprächen erschrak ich oft darüber, mit meinem eigenen
verlorenen Leben sowie den unzähligen Selbsttäuschungen konfrontiert
zu werden. Aber gleichzeitig gab mir Carola (und auch andere Magersüchtige)
das Gefühl, mit meinen Ängsten, Problemen und Schwierigkeiten nicht
allein zu sein. Man half mir, zu mir und meiner Vergangenheit zu
stehen.
Wie vieles hatte ich verdrängt und auch vor mir selbst nicht
aussprechen und zugeben dürfen.
Die Gespräche gingen tiefer, sie berührten die Ursprünge meiner
Magersucht, und ich bekam Angst. Aber so, wie ich nie Gefühle hatte
zeigen können und wollen, weil das in meinen Augen Schwäche gewesen
war, konnte ich meine Angst niemandem zeigen. Statt dessen wurde ich
aggressiv und verschlossen. Ich zog mich zurück.
An solchen Tagen bin ich fast verzweifelt und habe mich immer
wieder gefragt, wofür ich eigentlich kämpfen soll, wofür?
Nach einigen Wochen in der Klinik war mir klar geworden, daß ich
endgültig meine Fassade aufgeben muß, wenn ich wirklich ein anderes
Leben will. Und das wollte ich! Ich wollte auch nicht mehr fliehen,
wie ich es sonst immer getan hatte. Mein Klinikaufenthalt währte drei
Monate. Eine ambulante Therapie folgte.
Ein Rückfall machte noch einmal einen sechswöchigen
Klinikaufenthalt notwendig.
Von dort entlassen, ging es langsam, aber kontinuierlich aufwärts.
Ich hab's geschafft!
Krisensituationen treten gelegentlich auf, aber ich habe gelernt,
mit ihnen umzugehen.
Friedrich Nietzsche hat einmal gesagt: "Es gibt einen Weg, den
niemand gehen kann außer Dir. Frage nicht, wohin er führt, sondern
gehe ihn!"
- Ein Satz, der für mich so etwas wie ein Leitfaden geworden ist.
Mein weiterer Weg, er wird sicher nicht immer eben sein. Daß er ein
lohnenswerter bleibt, darum will ich bemüht sein. Ich hab's
geschafft! - Nicht zuletzt dank der wertvollen Hilfestellung anderer
Menschen. Um mein Nehmen mit Geben etwas auszugleichen, war für mich
der Grund, in meiner Freizeit eine Tätigkeit im Bereich der Hilfe für
Suchtgefährdete anzunehmen. Dabei halten sich Geben und Nehmen
angenehm die Waage. Eine schöne Erfahrung, eine große Bereicherung.
Ich möchte sie nicht mehr missen.