Mineralstoffmangel durch erhöhte Eiweißzufuhr
Dr. med. Klaus Mohr
Lange Zeit wurde eine hohe Eiweißzufuhr,
wie sie praktisch nur mit Fleisch bzw. Milchkonzentraten (Quark) möglich
ist, als akzeptabel oder sogar wünschenswert angesehen. Vegetarier
wurden wegen ihrer geringen Eiweißzufuhr gewarnt.
Inzwischen wurden aber einige Schattenseiten der zu hohen Eiweißzufuhr
erkannt. Dazu gehören Beeinträchtigungen des Mineralstoffwechsels.
Einige Aminosäuren (Eiweißbausteine) enthalten Schwefel, wie das
essentielle Methionin (Bedarf ca. 1,2 g/24 h) und das nicht
essentielle Cystin. Aus dem Schwefel der Aminosäuren entsteht bei
deren Abbau im Stoffwechsel nierenpflichtiges Sulfat. Das Sulfat (Salz
der Schwefelsäure) wird in gepufferter Form im Harn ausgeschieden.
Mit dem Sulfat gehen Kalzium und Magnesium in den Harn über und damit
dem Organismus verloren. Möglicherweise entzieht das Sulfat dem
Organismus auch noch weitere Mineralstoffe und Spurenelemente.
Besonders bei älteren Menschen mit verminderter Aufnahmekapazität
für Mineralstoffe, insbesondere Kalzium und Magnesium, kann es leicht
zu Defiziten kommen. Damit entsteht die Gefahr von Osteoporose (durch
Kalziummangel) und von Kreislauferkrankungen (durch Magnesiummangel).
Über dadurch ebenfalls mögliche Zinkmangelzustände - und andere -
finden sich in der verfügbaren Literatur keine Untersuchungsberichte.
Die erwähnten Mangelzustände bleiben wegen ihrer schleichenden
Entstehung und vieldeutigen Symptomatik lange unerkannt.
Besonders groß ist die Gefahr dieser Mineralstoffverluste dann,
wenn Eiweiß dem Körper als Brennstoff (statt als notwendiger
Strukturstoff) angeboten wird, also in überhöhter Relation zu den
Kohlenhydraten. Fleisch (produkte), Eier und größere Mengen an
Milchprodukten schaffen dieses Verhältnis. Noch extremer sind diese
Relationen bei einseitigen Reduktionsdiäten, insbesondere mit Eiweißkonzentraten.
Zusätze von Mineralstoffen in Formeldiäten wirken zwar optisch
beschwichtigend, können aber wegen der begrenzten Resorptionskapazität
des Körpers die erhöhten Verluste nicht mit Sicherheit ausgleichen.
In unserer Zeit wird vielfältigen und vielversprechenden Angeboten
besondere Aufmerksamkeit entgegengebracht. Aus dem hier dargestellten
Problem der Eiweißzufuhr und Mineralstoffversorgung ist zu lernen:
Nicht nur die Angebote (Zufuhr) sondern auch die Verluste sind zu
beachten. Über Verluste spricht man heute in dieser Leistungs- und
gewinnorientierten Gesellschaft nicht so gerne.
Ob das klug ist?
Wir müssen lernen: Überfluß in einem Bereich schafft Mangel im
anderen. Optimal ist eine geordnete, bescheidene Lebens. und Ernährungsweise
- ausgewogen in allen Bereichen.
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