Die antidepressive Wirkung des Johanniskrautes, seit
Jahrhunderten bekannt, wird auch nach den Kriterien der aktuellen Medizin bestätigt.
Unterschiedliche Auffassungen bestehen noch immer zu dem eigentlichen Wirkungsmechanismus.
Bezeichnenderweise wirken viele Heilpflanzen gleichzeitig auf mehreren Ebenen im
Organismus.
Die älteste Hypothese zur Wirkung des Johanniskrautes bezieht sich auf dessen bekannte
Eigenschaft, den Organismus empfänglicher (sensibler) für das Sonnenlicht zu machen. Vor
allem die jahreszeitlich bedingten Arten der Depression schwinden im hellen Licht des
Sommers. Zudem gilt die Depression als Leiden, das in den dunkleren, nördlichen Ländern
häufiger ist. Damit ist die Begründung der antidepressiven Wirkung des Johanniskrautes
mittels gesteigerter Lichtempfänglichkeit plausibel. Verbunden mit dieser Wirkung ist die
Besorgnis gegenüber einer Therapie mit Johanniskrautpräparaten im Sommer. Jedoch sind
aufgrund der Ergebnisse sorgfältiger Untersuchungen vermehrte Sonnenlichtschäden durch
Johanniskraut nicht zu erwarten. Übrigens verordne ich selber seit vielen Jahren
besonders sonnenlichtempfindlichen Patienten - im Jahresrhythmus Ende Februar beginnend -
den Johanniskrautsaft. Damit kann sich die Haut offensichtlich besser auf das zunehmende
Licht einstellen und sich so selber besser aktiv schützen. Meine Erfahrungen mit
dieser aktivierenden Therapie sind gut: die heftigen, folgenschweren Sonnenlichtreaktionen
blieben weitestgehend aus. Desungeachtet rate ich von jedem passiven Sonnenbad unbedingt
ab - unabhängig von aller Johanniskrautanwendung.
Eine weitere Hypothese zur Johanniskrautwirkung bezieht sich auf dessen nachgewiesene
Eigenschaft, transmitterabbauende Enzyme im Zentralnervensystem zu hemmen. Das klingt für
Laien möglicherweise kompliziert: die Aktivität abbauender Enzyme im Körper wird
gehemmt. Doch die Konsequenz ist einfach und gut: Die Konzentrationen der Transmitter (=
der Überträgerstoffe im - Gehirn) steigen an, weil sie weniger heftig abgebaut werden.
Der Vorgang, den wir Altern nennen, wird wesentlich von allmählich abfallenden
Transmittern mitbestimmt. Besonders akzentuiert findet sich dieses Problern fehlender
Transmitter bei der Parkinson- und der Alzheimer-Erkrankung. Allgemein nehmen bekanntlich
chronische Depressionen und Angstzustände im Alter zu. Daher ist die Erhaltung
"jugendlicher" Transmitterspiegel im natürlichen Ausmaß jedenfalls
wünschenswert. Allerdings werden die Johanniskrautkonzentrationen, die in den
pharmakologischen Experimenten zur schnellen und deutlichen Hemmung der abbauenden Enzyme
(Monaminoxydase und Catechol-O-Methyltransferase) führten, bei üblicher Dosierung nicht
erreicht. Doch könnte diese zweifelsfrei vorhandene Johanniskrautwirkung bei geduldiger,
langfristiger Gabe wohl doch segensreich zum Tragen kommen.
Derzeit sind die Untersuchungen einiger pharmazeutischer Biologen und Pharmakologen
besonders auf einen weiteren, interessanten Aspekt der Johanniskrautwirkung gerichtet: die
Freisetzung von Interleukin 6 (II6) wird durch Johanniskraut vermindert. Die Interleukine
sind Botenstoffe, die von immunkompetenten Zellen abgegeben werden, um die Immunfunktionen
zu regulieren. Über die Verknüpfung des Zentralnervensystems mit dem Immunsystem und die
daraus abzuleitenden Konsequenzen hat die Reform-Rundschau schon wiederholt berichtet. Die
Interleukine (Oberbegriff: Zytokine) sind Botenstoffe des Immunsystems, deren Botschaft
auch im Nervensystem verstanden und befolgt wird. Umgekehrt versteht und befolgt auch das
Immunsystem die Sprache des Gehirns aus dessen Neurotransmittern, auf deren Bestand das
Johanniskraut - wie oben erwähnt - prinzipiell ebenfalls wirkt.
Von den Interleukinen wirkt das Interleukin 2 (II2) als Aufforderung an die
immunkompetenten Zellen, ihre Aktivität zu steigern. Diese Aktivität ist gegen
eindringende Krankheitserreger, Viren oder Bakterien, aber auch gegen tumorbildend
entartete Zellen des Organismus gesichert.
Dagegen stimuliert das Interleukin 6 vorwiegend die Freisetzung des
Corticotropin-Releasing-Hormons (CRF), das wiederum die Nebennierenrinde zu vermehrter
Kortisonbildung und -ausschüttung auffordert. Dadurch werden - eventuell überschießende
- Immunreaktionen gehemmt. Damit wirkt das Interleukin 6 letztlich eher immundämpfend.
Bei Patienten mit Depressionen und/oder chronischen Angstzuständen finden sich
bezeichnenderweise erhöhte CRH-Spiegel (z. B. schon im Speichel nachweisbar). Der
Nachweis erhöhter CRH-Spiegel kann inzwischen als Gradmesser für eine Anfälligkeit
gegen Depression oder Angst dienen.
Das Johanniskraut dämpft die übersteigerte Freisetzung von Interleukin 6 und CRH im
Organismus. Während einer längeren Gabe von hochwertigen Johanniskrautpräparaten sinken
die vorher erhöhten CRH-Spiegel deutlich.
So findet die altbewährte Anwendung des Johanniskrautes (im Reformhaus schon lange in
Form des integralen wirkstoffreichen Pflanzensaftes oder von Extrakten in
Pflanzentabletten oder Kapseln) eine weitere interessante Bestätigung. Darüber hinaus
eröffnen sich erfreuliche Einsichten in möglicherweise noch weiterreichende günstige
Wirkungen dieser alten Heilpflanze auf das Immunsystem, für den ganzen Organismus.