Neue Aspekte zur Wirksamkeit von Johanniskraut

Dr. med. Klaus Mohr


Die antidepressive Wirkung des Johanniskrautes, seit Jahrhunderten bekannt, wird auch nach den Kriterien der aktuellen Medizin bestätigt. Unterschiedliche Auffassungen bestehen noch immer zu dem eigentlichen Wirkungsmechanismus. Bezeichnenderweise wirken viele Heilpflanzen gleichzeitig auf mehreren Ebenen im Organismus.

Die älteste Hypothese zur Wirkung des Johanniskrautes bezieht sich auf dessen bekannte Eigenschaft, den Organismus empfänglicher (sensibler) für das Sonnenlicht zu machen. Vor allem die jahreszeitlich bedingten Arten der Depression schwinden im hellen Licht des Sommers. Zudem gilt die Depression als Leiden, das in den dunkleren, nördlichen Ländern häufiger ist. Damit ist die Begründung der antidepressiven Wirkung des Johanniskrautes mittels gesteigerter Lichtempfänglichkeit plausibel. Verbunden mit dieser Wirkung ist die Besorgnis gegenüber einer Therapie mit Johanniskrautpräparaten im Sommer. Jedoch sind aufgrund der Ergebnisse sorgfältiger Untersuchungen vermehrte Sonnenlichtschäden durch Johanniskraut nicht zu erwarten. Übrigens verordne ich selber seit vielen Jahren besonders sonnenlichtempfindlichen Patienten - im Jahresrhythmus Ende Februar beginnend - den Johanniskrautsaft. Damit kann sich die Haut offensichtlich besser auf das zunehmende Licht einstellen – und sich so selber besser aktiv schützen. Meine Erfahrungen mit dieser aktivierenden Therapie sind gut: die heftigen, folgenschweren Sonnenlichtreaktionen blieben weitestgehend aus. Desungeachtet rate ich von jedem passiven Sonnenbad unbedingt ab - unabhängig von aller Johanniskrautanwendung.

Eine weitere Hypothese zur Johanniskrautwirkung bezieht sich auf dessen nachgewiesene Eigenschaft, transmitterabbauende Enzyme im Zentralnervensystem zu hemmen. Das klingt für Laien möglicherweise kompliziert: die Aktivität abbauender Enzyme im Körper wird gehemmt. Doch die Konsequenz ist einfach und gut: Die Konzentrationen der Transmitter (= der Überträgerstoffe im - Gehirn) steigen an, weil sie weniger heftig abgebaut werden. Der Vorgang, den wir Altern nennen, wird wesentlich von allmählich abfallenden Transmittern mitbestimmt. Besonders akzentuiert findet sich dieses Problern fehlender Transmitter bei der Parkinson- und der Alzheimer-Erkrankung. Allgemein nehmen bekanntlich chronische Depressionen und Angstzustände im Alter zu. Daher ist die Erhaltung "jugendlicher" Transmitterspiegel im natürlichen Ausmaß jedenfalls wünschenswert. Allerdings werden die Johanniskrautkonzentrationen, die in den pharmakologischen Experimenten zur schnellen und deutlichen Hemmung der abbauenden Enzyme (Monaminoxydase und Catechol-O-Methyltransferase) führten, bei üblicher Dosierung nicht erreicht. Doch könnte diese zweifelsfrei vorhandene Johanniskrautwirkung bei geduldiger, langfristiger Gabe wohl doch segensreich zum Tragen kommen.

Derzeit sind die Untersuchungen einiger pharmazeutischer Biologen und Pharmakologen besonders auf einen weiteren, interessanten Aspekt der Johanniskrautwirkung gerichtet: die Freisetzung von Interleukin 6 (II6) wird durch Johanniskraut vermindert. Die Interleukine sind Botenstoffe, die von immunkompetenten Zellen abgegeben werden, um die Immunfunktionen zu regulieren. Über die Verknüpfung des Zentralnervensystems mit dem Immunsystem und die daraus abzuleitenden Konsequenzen hat die Reform-Rundschau schon wiederholt berichtet. Die Interleukine (Oberbegriff: Zytokine) sind Botenstoffe des Immunsystems, deren Botschaft auch im Nervensystem verstanden und befolgt wird. Umgekehrt versteht und befolgt auch das Immunsystem die Sprache des Gehirns aus dessen Neurotransmittern, auf deren Bestand das Johanniskraut - wie oben erwähnt - prinzipiell ebenfalls wirkt.

Von den Interleukinen wirkt das Interleukin 2 (II2) als Aufforderung an die immunkompetenten Zellen, ihre Aktivität zu steigern. Diese Aktivität ist gegen eindringende Krankheitserreger, Viren oder Bakterien, aber auch gegen tumorbildend entartete Zellen des Organismus gesichert.

Dagegen stimuliert das Interleukin 6 vorwiegend die Freisetzung des Corticotropin-Releasing-Hormons (CRF), das wiederum die Nebennierenrinde zu vermehrter Kortisonbildung und -ausschüttung auffordert. Dadurch werden - eventuell überschießende - Immunreaktionen gehemmt. Damit wirkt das Interleukin 6 letztlich eher immundämpfend.

Bei Patienten mit Depressionen und/oder chronischen Angstzuständen finden sich bezeichnenderweise erhöhte CRH-Spiegel (z. B. schon im Speichel nachweisbar). Der Nachweis erhöhter CRH-Spiegel kann inzwischen als Gradmesser für eine Anfälligkeit gegen Depression oder Angst dienen.

Das Johanniskraut dämpft die übersteigerte Freisetzung von Interleukin 6 und CRH im Organismus. Während einer längeren Gabe von hochwertigen Johanniskrautpräparaten sinken die vorher erhöhten CRH-Spiegel deutlich.

So findet die altbewährte Anwendung des Johanniskrautes (im Reformhaus schon lange in Form des integralen wirkstoffreichen Pflanzensaftes oder von Extrakten in Pflanzentabletten oder Kapseln) eine weitere interessante Bestätigung. Darüber hinaus eröffnen sich erfreuliche Einsichten in möglicherweise noch weiterreichende günstige Wirkungen dieser alten Heilpflanze auf das Immunsystem, für den ganzen Organismus.

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