Neues vom Tausendgüldenkraut

Dr. med. Klaus Mohr


In vielen Jahren naturheilkundlicher Praxis kristallisiert sich eine Gruppe von besonders hilfreichen Heilpflanzen heraus, deren Wirksamkeit immer vielschichtiger und klarer wird.

Bekannte, große Arzneipflanzen gehören dazu: so für mich besonders die Mistel, der Weißdorn, der Ginkgo, der Ginseng, dazu Eleutherokokkus - der sibirische Ginseng -, das Johanniskraut, die Echinacea-Arten und etliche andere. Diese Heilpflanzen sind zu Recht bekannt, zumal ihre Wirkungen intensiv erforscht sind.

Dazu kommen weniger bekannte und angewendete Heilpflanzen, die mit der wachsenden persönlichen Erfahrung mehr und mehr an Wert gewinnen. So hat sich das Tausendgüldenkraut (Centaurium erythrea synonym: Centaurium minus) in meiner Arbeit besonders bewährt. Diese bescheidene Pflanze mit wunderschönen kleinen Blüten, ist das einzige Enziangewächs, das auf unseren heimischen Wiesen und Wegrändern vorkommt. Die bekannteren größeren Enzianarten finden sich in alpinen Bereichen.

Das Tausendgüldenkraut war in der Volksheilkunde sehr geschätzt, außer seiner Anwendung als Magen-, Darm-, Leber- und Gallenmittel auch als Fiebermittel sowie zur äußerlichen Behandlung von Geschwüren und Wunden. Die alte Bezeichnung Chironskraut erinnert neben dem botanischen Namen Centaurium an den Centauren Chiron, der nach mythologischer Überlieferung damit seine ansonsten todbringenden Verletzungen heilen konnte.

Die hervortretenden Wirkstoffe des Tausendgüldenkrautes sind die Bitterstoffe, die den Flavonoiden bzw. Secoiridoiden nahestehen. Daneben finden sich Xanthone und andere Wirkstoffgruppen. Der Bitterwert des Tausendgüldenkrautes ist erheblich niedriger als der seiner Enziangeschwister.

Bitterstoffe - von unterschiedlicher Struktur - kommen in einigen Pflanzenfamilien vor, besonders bei den Korbblütlern und den Enziangewächsen, daneben in der Chinarinde, im Hopfen, dem Isländisch Moos, der Engelwurz und anderen. Charakteristisch ist der bittere Geschmack, der aber bei diesen Pflanzen als angenehm und anregend empfunden wird. Bekanntlich, wird bitter oft mit unangenehm oder schwer gleichgesetzt, wie dies unsere Sprache z. B. mit der bitteren Erfahrung - oder der bitteren Arznei - ausdrückt. Viele Chemikalien schmecken bitter und warnen uns so vor eventueller Giftigkeit. Tatsächlich mögen manche Menschen auch die bitter schmeckenden Heilpflanzen nicht. Daraus wird oft mehr als nur eine Geschmackspräferenz oder -aversion bewußt: nämlich eine Einstellung zu bestimmten Dingen unserer Umgebung, bzw. zu bestimmten Erfahrungen.

Die Geschmacksempfindung für bitter wird besonders am Zungengrund empfunden (für sauer an den Zungenseiten, für süß und salzig an der Zungenspitze). Bitterer Geschmack regt die Tätigkeit der Speicheldrüsen an sowie (reflektorisch fortgeleitet, teilweise abhängig von der Art des Bitterstoffes) auch die Aktivität der Verdauungsdrüsen in Magen und Zwölffingerdarm, von Leber, Galle und Bauchspeicheldrüse. Deswegen werden Heilpflanzen, die Bitterstoffe enthalten, zur Anregung bzw. Förderung der Verdauung angewendet. Die Zungenschleimhaut hat Verbindungen zu den 3.,4. und 5. Hirnnerven, das sind die wichtigen Nerven N. Trigeminus (III), N. Glossopharyngeus (IV) und N. Vagus (V).

Diese Nerven stehen in Beziehung zu vegetativen Zentren im Hirnstamm und im Zwischenhirn. Daher können mit Bitterstoffen, allein aufgrund ihrer Geschmacksempfindung, vegetative Reaktionen angeregt bzw. sanft beeinflußt werden. Vom Zungengrund her wird der Vagusnerv angesprochen.

Der N. Vagus (der auch als Parasympathikus bzw. "Erholungsnerv" bezeichnet wird) bewirkt

  • eine Funktionsanregung im Verdauungstrakt
  • eine Beruhigung von Atmung und Herz sowie
  • eine Abnahme des arteriellen Blutdruckes.

Im vegetativen System ist der Vagus (=Parasympathikus) der Gegenspieler des "Leistungsnervs" Sympathikus. Der Vagus vermittelt Erholung und Aufbau des Körpers. Der Sympathikus dominiert bei Tag, steigert die aktuelle Leistung, auch auf Kosten der körperlichen Reserven. Überaktiv ist der Sympathikus bei emotionalem Streß: häufig unter zivilisatorischen Lebensbedingungen, dann langfristig ungünstig für den Organismus. Deshalb ist zur Einregulierung gesunder Gleichgewichte, zum Ausgleich zivilisatorischer Belastungen die Förderung der Vagusaktivität wünschenswert. Heilpflanzen mit Bitterstoffen können einen bescheidenen Beitrag dazu leisten, so auch unser kleines Tausendgüldenkraut.

Sicherlich können Sie jetzt schon gut erkennen, weshalb ich das Tausendgüldenkraut in seiner integralen Wirksamkeit so schätzen gelernt habe.

Neuere wissenschaftliche Untersuchungen einer weiteren Inhaltsstoffgruppe des Tausendgüldenkrautes, nämlich der Eustomine, haben darüber hinaus eine mögliche, äußerst wertvolle Wirkung dieser bescheidenen Heilpflanze aufgezeigt: das Tausendgüldenkraut enthält hochwirksame Antimutagene, d.h. tumorschützende Substanzen. Diese Wirkstoffe verhindern im wissenschaftlich renommierten Ames-Test die mutagene (krebsfördernde) Aktivität von verschiedenartigen hochpotenten Mutagenen (Tumorauslösern). Damit sind die Eustomine des Tausendgüldenkrautes als wirksame tumorschützende Substanzen anzusehen:

Mutagene verändern die Zellkerninformation (DNA) in Körperzellen bis zu deren Umwandlung in Tumorzellen. Die Eustomine des Tausendgüldenkrautes verhindern diese Umwandlung (lt. Ames-Test um. 45 - 81 Prozent). Biologisch und medizinisch besonders bedeutsam ist dabei die wahrscheinliche reparaturfördernde Wirkung der Eustomine auch auf bereits eingetretene DANN-Schädigungen, d.h. noch kurz nach der initialen Tumorinduktion. Allerdings muß ganz klar gesagt werden: Über die erforderlichen Eustomin-Konzentrationen im Gesamtorganismus liegen bisher verbindliche Untersuchungen noch nicht vor. Die bisherigen Ergebnisse wurden erst experimentell gefunden. Eine sichere Übertragung auf die diesbezügliche Wirksamkeit etwa eines Tees für den Menschen ist daher noch nicht möglich. Übrigens ist eine ähnlich segensreiche, schon gesicherte Wirkung auch für die Folsäure gefunden worden (vgl. rr 2 und 3,1995). Die therapeutische Hoffnung ist groß, daß ein Zusammenwirken dieser und weiterer biologischer Prinzipien zu einer effektiven Tumorvorbeugung führen könnte.

Bleiben wir an dieser erfreulichen Entwicklung. Dazu möchte ich persönlich weiter hoffen und arbeiten für den Erhalt und die Weiterentwicklung unseres naturmedizinischen Erbes.

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