In vielen Jahren
naturheilkundlicher Praxis kristallisiert sich eine Gruppe von
besonders hilfreichen Heilpflanzen heraus, deren Wirksamkeit immer
vielschichtiger und klarer wird.
Bekannte, große Arzneipflanzen gehören dazu: so für mich
besonders die Mistel, der Weißdorn, der Ginkgo, der Ginseng, dazu
Eleutherokokkus - der sibirische Ginseng -, das Johanniskraut, die
Echinacea-Arten und etliche andere. Diese Heilpflanzen sind zu Recht
bekannt, zumal ihre Wirkungen intensiv erforscht sind.
Dazu kommen weniger bekannte und angewendete Heilpflanzen, die mit
der wachsenden persönlichen Erfahrung mehr und mehr an Wert gewinnen.
So hat sich das Tausendgüldenkraut (Centaurium erythrea
synonym: Centaurium minus) in meiner Arbeit besonders bewährt. Diese
bescheidene Pflanze mit wunderschönen kleinen Blüten, ist das
einzige Enziangewächs, das auf unseren heimischen Wiesen und Wegrändern
vorkommt. Die bekannteren größeren Enzianarten finden sich in
alpinen Bereichen.
Das Tausendgüldenkraut war in der Volksheilkunde sehr geschätzt,
außer seiner Anwendung als Magen-, Darm-, Leber- und Gallenmittel
auch als Fiebermittel sowie zur äußerlichen Behandlung von Geschwüren
und Wunden. Die alte Bezeichnung Chironskraut erinnert neben dem
botanischen Namen Centaurium an den Centauren Chiron, der nach
mythologischer Überlieferung damit seine ansonsten todbringenden
Verletzungen heilen konnte.
Die hervortretenden Wirkstoffe des Tausendgüldenkrautes sind die
Bitterstoffe, die den Flavonoiden bzw. Secoiridoiden nahestehen.
Daneben finden sich Xanthone und andere Wirkstoffgruppen. Der
Bitterwert des Tausendgüldenkrautes ist erheblich niedriger als der
seiner Enziangeschwister.
Bitterstoffe - von unterschiedlicher Struktur - kommen in einigen
Pflanzenfamilien vor, besonders bei den Korbblütlern und den
Enziangewächsen, daneben in der Chinarinde, im Hopfen, dem Isländisch
Moos, der Engelwurz und anderen. Charakteristisch ist der bittere
Geschmack, der aber bei diesen Pflanzen als angenehm und anregend
empfunden wird. Bekanntlich, wird bitter oft mit unangenehm oder
schwer gleichgesetzt, wie dies unsere Sprache z. B. mit der bitteren
Erfahrung - oder der bitteren Arznei - ausdrückt. Viele Chemikalien
schmecken bitter und warnen uns so vor eventueller Giftigkeit. Tatsächlich
mögen manche Menschen auch die bitter schmeckenden Heilpflanzen
nicht. Daraus wird oft mehr als nur eine Geschmackspräferenz oder
-aversion bewußt: nämlich eine Einstellung zu bestimmten Dingen
unserer Umgebung, bzw. zu bestimmten Erfahrungen.
Die Geschmacksempfindung für bitter wird besonders am Zungengrund
empfunden (für sauer an den Zungenseiten, für süß und salzig an
der Zungenspitze). Bitterer Geschmack regt die Tätigkeit der
Speicheldrüsen an sowie (reflektorisch fortgeleitet, teilweise abhängig
von der Art des Bitterstoffes) auch die Aktivität der Verdauungsdrüsen
in Magen und Zwölffingerdarm, von Leber, Galle und Bauchspeicheldrüse.
Deswegen werden Heilpflanzen, die Bitterstoffe enthalten, zur Anregung
bzw. Förderung der Verdauung angewendet. Die Zungenschleimhaut hat
Verbindungen zu den 3.,4. und 5. Hirnnerven, das sind die wichtigen
Nerven N. Trigeminus (III), N. Glossopharyngeus (IV) und N. Vagus (V).
Diese Nerven stehen in Beziehung zu vegetativen Zentren im
Hirnstamm und im Zwischenhirn. Daher können mit Bitterstoffen, allein
aufgrund ihrer Geschmacksempfindung, vegetative Reaktionen angeregt
bzw. sanft beeinflußt werden. Vom Zungengrund her wird der Vagusnerv
angesprochen.
Der N. Vagus (der auch als Parasympathikus bzw.
"Erholungsnerv" bezeichnet wird) bewirkt
- eine Funktionsanregung im Verdauungstrakt
- eine Beruhigung von Atmung und Herz sowie
- eine Abnahme des arteriellen Blutdruckes.
Im vegetativen System ist der Vagus (=Parasympathikus) der
Gegenspieler des "Leistungsnervs" Sympathikus. Der Vagus
vermittelt Erholung und Aufbau des Körpers. Der Sympathikus dominiert
bei Tag, steigert die aktuelle Leistung, auch auf Kosten der körperlichen
Reserven. Überaktiv ist der Sympathikus bei emotionalem Streß: häufig
unter zivilisatorischen Lebensbedingungen, dann langfristig ungünstig
für den Organismus. Deshalb ist zur Einregulierung gesunder
Gleichgewichte, zum Ausgleich zivilisatorischer Belastungen die Förderung
der Vagusaktivität wünschenswert. Heilpflanzen mit Bitterstoffen können
einen bescheidenen Beitrag dazu leisten, so auch unser kleines
Tausendgüldenkraut.
Sicherlich können Sie jetzt schon gut erkennen, weshalb ich das
Tausendgüldenkraut in seiner integralen Wirksamkeit so schätzen
gelernt habe.
Neuere wissenschaftliche Untersuchungen einer weiteren
Inhaltsstoffgruppe des Tausendgüldenkrautes, nämlich der Eustomine,
haben darüber hinaus eine mögliche, äußerst wertvolle Wirkung
dieser bescheidenen Heilpflanze aufgezeigt: das Tausendgüldenkraut
enthält hochwirksame Antimutagene, d.h. tumorschützende Substanzen.
Diese Wirkstoffe verhindern im wissenschaftlich renommierten Ames-Test
die mutagene (krebsfördernde) Aktivität von verschiedenartigen
hochpotenten Mutagenen (Tumorauslösern). Damit sind die Eustomine des
Tausendgüldenkrautes als wirksame tumorschützende Substanzen
anzusehen:
Mutagene verändern die Zellkerninformation (DNA) in Körperzellen
bis zu deren Umwandlung in Tumorzellen. Die Eustomine des Tausendgüldenkrautes
verhindern diese Umwandlung (lt. Ames-Test um. 45 - 81 Prozent).
Biologisch und medizinisch besonders bedeutsam ist dabei die
wahrscheinliche reparaturfördernde Wirkung der Eustomine auch auf
bereits eingetretene DANN-Schädigungen, d.h. noch kurz nach der
initialen Tumorinduktion. Allerdings muß ganz klar gesagt werden: Über
die erforderlichen Eustomin-Konzentrationen im Gesamtorganismus liegen
bisher verbindliche Untersuchungen noch nicht vor. Die bisherigen
Ergebnisse wurden erst experimentell gefunden. Eine sichere Übertragung
auf die diesbezügliche Wirksamkeit etwa eines Tees für den Menschen
ist daher noch nicht möglich. Übrigens ist eine ähnlich
segensreiche, schon gesicherte Wirkung auch für die Folsäure
gefunden worden (vgl. rr 2 und 3,1995). Die therapeutische Hoffnung
ist groß, daß ein Zusammenwirken dieser und weiterer biologischer
Prinzipien zu einer effektiven Tumorvorbeugung führen könnte.
Bleiben wir an dieser erfreulichen Entwicklung. Dazu möchte ich
persönlich weiter hoffen und arbeiten für den Erhalt und die
Weiterentwicklung unseres naturmedizinischen Erbes.