Die moderne Medizin ist
krankheitsorientiert. Dieser Orientierung verdankt sie ihre
beachtlichen Erfolge.
Doch entsteht selbst aus bestmöglicher Behandlung von Krankheit
nicht automatisch Gesundheit - sondern Minderung von Krankheit.
Dies gilt auch für die Minimierung von Risikofaktoren.
Gesundheit ist dagegen ein permanenter Entwicklungsvorgang.
Notwendig für die Gesundheit ist:
- eine natürliche Lebensweise
- das Wirken der körpereigenen Selbstheilungskräfte
- die Aufnahme von natürlichen Schutzfaktoren und dazu
- Lebensmut, Sinngefühl, Zuversicht und Vertrauen.
Eine Fixierung auf das Krankhafte ist diesen Grundlagen nicht zuträglich.
Deshalb kann einseitige Krankheitsbekämpfung oder Krankheitsmeidung
sogar die Gesundheit gefährden.
Durch die Fixierung auf das Krankhafte bzw. die bloße
Krankheitsvermeidung wird nämlich
- das Wirken der Selbstheilungskräfte,
- der Lebensmut und das Seibstvertrauen geschwächt.
Zweifellos haben sich die Menschen gefürchtet, krank zu werden,
seit ihre Anfälligkeit ihnen bewußt wurde. In unserer Zeit
allerdings ist diese Furcht so extrem geworden, daß sie schon selber
zur Krankheit wurde.
Diese Furcht resultiert zunächst aus einem Überangebot an (Halb-)
Information über mögliche Krankheitsursachen: inzwischen scheint
jeder Atemzug, jeder Schluck Wasser, jeder Bissen voller tückischer
Gefahren, voller Krankheitsrisiken für jeden, der schnauft, ißt oder
trinkt. Da wir alle das Atmen, Trinken und Essen nicht sehr lange
einschränken können, ohne zugrunde zu gehen, leben wir in ständiger
Sorge und Angst: Atmen wir, trinken und essen wir in ständiger Angst.
Das kann jedoch nicht gut sein. Denn auch die Angst, der ständige
Alarm und Konfliktzustand macht krank.
So ist - trotz der unmittelbaren Erfolge einer technisch
hochentwickelten Medizin - der Gesundheitszustand der
entfremdeten, vertrauenslosen Bevölkerung in den Industriestaaten
schlecht. Nach den letzten Erhebungen des Statistischen
Landesamtes Saarbrücken nahm die Zahl der Schwerbehinderten innerhalb
eines einzigen Jahres (1992 gegen 1991) um 7,2 Prozent zu: eine beängstigende
Entwicklung. Trotz aller Erfolge und Anstrengungen in der
Krankenbehandlung führt das Konzept der etablierten Medizin
offensichtlich nicht zu besserer Gesundheit der Bevölkerung, sondern
sogar (nach den offiziellen Zahlen) zu einer Verschlechterung. Dieses
Phänomen erstaunt, zumal die einzelnen Methoden der modernen Medizin
doch ständig überprüft, verbessert und normiert werden. Und die
offizielle Medizin selber leidet inzwischen schon stärker an ökonomischen
Zwängen und politischen Beschränkungen als an der Schwierigkeit
ihrer eigentlichen Aufgabe, der Krankenbehandlung.
In dieser Situation muß - vor allen Einzelmethoden - das gesamte
Konzept sorgfältig überprüft werden. Grundsätzlich festzustellen
ist: Die Entwicklung in der modernen Medizin ist mit den Prozessen der
Industriegesellschaft eng verknüpft: mit deren Spezialisierung,
Professionalisierung, Konkurrenz und Normierung, mit dem
materialistischen Konsum und Machtstreben - und vor allem mit der
Entfremdung von den ursprünglichen Lebensabläufen.
Über die Auswirkung dieser Prozesse auf die Gesundheit gibt es
kaum Untersuchungen. Aufgrund derzeitiger Erfahrungen ist allerdings
zu vermuten, daß diese Fortschritte dem Befinden und der Gesundheit
eher schaden. Unsere Fortschrittsgesellschaft ist eben, wie der
Anthropologe J. Henry feststellte, mit ihrer Wunschspirale nach einem
immer höheren Lebensstandard außer Kontrolle geraten".
Insbesondere hat der äußerliche Fortschritt der Industriestaaten
in ihrer Bevölkerung zu einem tiefsitzenden Gefühl von
Ausgeliefertsein und Hilflosigkeit geführt. Parallel dazu nahm das
Empfinden von Autonomie und Selbstkontrolle ab – "ersetzt"
durch wuchernden Egoismus.
Auch das Konzept der Risikofaktoren und Früherkennungsuntersuchungen
- als Beitrag der modernen Medizin zur Prävention häufiger
Krankheiten - erzeugte als Nebenwirkung Angst und manchmal das Gefühl
von hilflosem Ausgeliefertsein. Hier sollte lediglich auf die
ganzheitlichen Nebenwirkungen des krankheitsorientierten
Risikofaktorenkonzepts hingewiesen werden, ohne dessen sachliche
Richtigkeit auch nur im geringsten anzuzweifeln. Es geht darum,
vorhandene Möglichkeiten angstfrei zu gebrauchen - und vor allem
darum, sie komplementär zu erweitern. Deshalb möchte ich hier der üblichen
Lehre von den Risikofaktoren ein autonomie- und gesundheitsförderndes
Konzept von natürlichen Schutzfaktoren gegenüberstellen.
"Sie müssen sich nicht in das Schicksal eines Streßopfers
ergeben.
Es gibt Wege, Gefühle von Hiffslosigkeit in Gefühle von Kraft und
Stärke zu verwandeln." (S. Kobasa, Test for hardiness,
American Health S. 64).
Ein Weg vom Gefühl der Hilflosigkeit hin zu Lebenskraft und
Stärke führt von der passiven Risikomeldung zum aktiven, bewußten
und klugen Gebrauch von natürlichen Schutzfaktoren der Gesundheit.
Allzulange hat eine reduktionistisch-analytische technokratische
Gruppierung in der Medizin den Menschen ein Gefühl von Hilflosigkeit
vermittelt, dazu auch noch Schuldgefühle, indem sie diese Menschen
belehrte, sie seien Opfer von ererbten, von außen aufgezwungenen oder
gar selbstverschuldeten Risikofaktoren. Von den - körpereigenen
Schutzfaktoren - in Verbindung mit pflanzlichen und mineralischen
Substanzen - hat sie jedoch wenig gesagt. Wenn sie aber darüber
geredet hat, dann hat sie gewöhnlich diese Schutzfaktoren
diskriminiert: hat sie als unwirksam oder bedenklich abgetan.
So richtig das System der Risikofaktoren innerhalb des Paradigmas
der krankheitsohentierten Medizin auch ist: aus heilkundlicher Sicht
kann es verheerende (Neben-)Wirkungen erzeugen.
Leider haben auch populäre Magazine wie Öko-Test, Spiegel oder
Stem häufig zu derartigen, auflagenfördernden, aber in ihrer Wirkung
auf die Leser destruktiven Konsequenzen beigetragen. Regelmäßig
haben sie Experten aus den Bereichen der theoretischen Medizin und
Pharmazie zur Unterstützung ihrer Aussagen gefunden. Dabei möchte
ich den Magazinen noch nicht einmal den guten Willen bei ihren
Aussagen absprechen. Allerdings vermisse ich ihre grundlegende
Einsicht in die ganzheitlichen Konsequenzen ihres Handelns.
So bleiben sie meines Erachtens befangen im bisherigen Technik- und
Wissenschaftsparadigma, das - wie wir inzwischen sicher wissen - auf
die ökologische und existentielle Katastrophe hinsteuert.
Nach dieser Katastrophe würde aber weder die Auflagenhöhe dieser
Magazine, noch ihre kritische Meinung etwa zu Echinacea- oder
Ginseng-Präparaten von irgendeiner Bedeutung sein.
Entsprechend bleibt die Fähigkeit der Menschen, Krisensituationen
und auch Fehlentwicklungen zu überwinden.
Dazu ist der Medizin seit nunmehr etwa zwanzig Jahren von anderen Fächern
herein neues, fundiertes (im Grund von altersher bekanntes) Wissen
zugewachsen. Dieses Wissen lehrte uns, daß die Gesundheit (und auch
die Krankheitsbewältigung) der Menschen in erstaunlichem Ausmaß von
ihrem Kohärenzgefühl mit dem Leben (mit der Natur) bestimmt wird.
Dieses Gefühl von Kohärenz, das heißt von Übereinstimmung
und Zusammengehörigkeit, ist nach Untersuchungen des
Medizinsoziologen Aaron Antonowsky ein Merkmal von Menschen, die
gesund bleiben. Dagegen fehlte dieses Gefühl bei Menschen, die
erkrankten.
Hier zeigt sich die Bedeutung des Schutzfaktorenkonzeptes auch über
die rein körperliche Wirkung hinaus, indem es Zusammengehörigkeit
mit der Natur emotional vermittelt. Dagegen wirkt das
Risikofaktorenkonzept hinsichtlich des Merkmals Übereinstimmung eher
schwächend.
Über die einzelnen natürlichen Schutzfaktoren und ihre körperlichen
Wirkungen können Sie immer wieder aktuelle Informationen in der
Reform-Rundschau finden.