Risikofaktoren - Schutzfaktoren

Dr. med. Klaus Mohr


Die moderne Medizin ist krankheitsorientiert. Dieser Orientierung verdankt sie ihre beachtlichen Erfolge.

Doch entsteht selbst aus bestmöglicher Behandlung von Krankheit nicht automatisch Gesundheit - sondern Minderung von Krankheit.

Dies gilt auch für die Minimierung von Risikofaktoren.

Gesundheit ist dagegen ein permanenter Entwicklungsvorgang.

Notwendig für die Gesundheit ist:

  • eine natürliche Lebensweise
  • das Wirken der körpereigenen Selbstheilungskräfte
  • die Aufnahme von natürlichen Schutzfaktoren und dazu
  • Lebensmut, Sinngefühl, Zuversicht und Vertrauen.

Eine Fixierung auf das Krankhafte ist diesen Grundlagen nicht zuträglich. Deshalb kann einseitige Krankheitsbekämpfung oder Krankheitsmeidung sogar die Gesundheit gefährden.

Durch die Fixierung auf das Krankhafte bzw. die bloße Krankheitsvermeidung wird nämlich

- das Wirken der Selbstheilungskräfte,

- der Lebensmut und das Seibstvertrauen geschwächt.

Zweifellos haben sich die Menschen gefürchtet, krank zu werden, seit ihre Anfälligkeit ihnen bewußt wurde. In unserer Zeit allerdings ist diese Furcht so extrem geworden, daß sie schon selber zur Krankheit wurde.

Diese Furcht resultiert zunächst aus einem Überangebot an (Halb-) Information über mögliche Krankheitsursachen: inzwischen scheint jeder Atemzug, jeder Schluck Wasser, jeder Bissen voller tückischer Gefahren, voller Krankheitsrisiken für jeden, der schnauft, ißt oder trinkt. Da wir alle das Atmen, Trinken und Essen nicht sehr lange einschränken können, ohne zugrunde zu gehen, leben wir in ständiger Sorge und Angst: Atmen wir, trinken und essen wir in ständiger Angst. Das kann jedoch nicht gut sein. Denn auch die Angst, der ständige Alarm und Konfliktzustand macht krank.

So ist - trotz der unmittelbaren Erfolge einer technisch hochentwickelten Medizin - der Gesundheitszustand der entfremdeten, vertrauenslosen Bevölkerung in den Industriestaaten schlecht. Nach den letzten Erhebungen des Statistischen Landesamtes Saarbrücken nahm die Zahl der Schwerbehinderten innerhalb eines einzigen Jahres (1992 gegen 1991) um 7,2 Prozent zu: eine beängstigende Entwicklung. Trotz aller Erfolge und Anstrengungen in der Krankenbehandlung führt das Konzept der etablierten Medizin offensichtlich nicht zu besserer Gesundheit der Bevölkerung, sondern sogar (nach den offiziellen Zahlen) zu einer Verschlechterung. Dieses Phänomen erstaunt, zumal die einzelnen Methoden der modernen Medizin doch ständig überprüft, verbessert und normiert werden. Und die offizielle Medizin selber leidet inzwischen schon stärker an ökonomischen Zwängen und politischen Beschränkungen als an der Schwierigkeit ihrer eigentlichen Aufgabe, der Krankenbehandlung.

In dieser Situation muß - vor allen Einzelmethoden - das gesamte Konzept sorgfältig überprüft werden. Grundsätzlich festzustellen ist: Die Entwicklung in der modernen Medizin ist mit den Prozessen der Industriegesellschaft eng verknüpft: mit deren Spezialisierung, Professionalisierung, Konkurrenz und Normierung, mit dem materialistischen Konsum und Machtstreben - und vor allem mit der Entfremdung von den ursprünglichen Lebensabläufen.

Über die Auswirkung dieser Prozesse auf die Gesundheit gibt es kaum Untersuchungen. Aufgrund derzeitiger Erfahrungen ist allerdings zu vermuten, daß diese Fortschritte dem Befinden und der Gesundheit eher schaden. Unsere Fortschrittsgesellschaft ist eben, wie der Anthropologe J. Henry feststellte, mit ihrer Wunschspirale nach einem immer höheren Lebensstandard außer Kontrolle geraten".

Insbesondere hat der äußerliche Fortschritt der Industriestaaten in ihrer Bevölkerung zu einem tiefsitzenden Gefühl von Ausgeliefertsein und Hilflosigkeit geführt. Parallel dazu nahm das Empfinden von Autonomie und Selbstkontrolle ab – "ersetzt" durch wuchernden Egoismus.

Auch das Konzept der Risikofaktoren und Früherkennungsuntersuchungen - als Beitrag der modernen Medizin zur Prävention häufiger Krankheiten - erzeugte als Nebenwirkung Angst und manchmal das Gefühl von hilflosem Ausgeliefertsein. Hier sollte lediglich auf die ganzheitlichen Nebenwirkungen des krankheitsorientierten Risikofaktorenkonzepts hingewiesen werden, ohne dessen sachliche Richtigkeit auch nur im geringsten anzuzweifeln. Es geht darum, vorhandene Möglichkeiten angstfrei zu gebrauchen - und vor allem darum, sie komplementär zu erweitern. Deshalb möchte ich hier der üblichen Lehre von den Risikofaktoren ein autonomie- und gesundheitsförderndes Konzept von natürlichen Schutzfaktoren gegenüberstellen.

"Sie müssen sich nicht in das Schicksal eines Streßopfers ergeben.

Es gibt Wege, Gefühle von Hiffslosigkeit in Gefühle von Kraft und Stärke zu verwandeln." (S. Kobasa, Test for hardiness, American Health S. 64).

Ein Weg vom Gefühl der Hilflosigkeit hin zu Lebenskraft und Stärke führt von der passiven Risikomeldung zum aktiven, bewußten und klugen Gebrauch von natürlichen Schutzfaktoren der Gesundheit.

Allzulange hat eine reduktionistisch-analytische technokratische Gruppierung in der Medizin den Menschen ein Gefühl von Hilflosigkeit vermittelt, dazu auch noch Schuldgefühle, indem sie diese Menschen belehrte, sie seien Opfer von ererbten, von außen aufgezwungenen oder gar selbstverschuldeten Risikofaktoren. Von den - körpereigenen Schutzfaktoren - in Verbindung mit pflanzlichen und mineralischen Substanzen - hat sie jedoch wenig gesagt. Wenn sie aber darüber geredet hat, dann hat sie gewöhnlich diese Schutzfaktoren diskriminiert: hat sie als unwirksam oder bedenklich abgetan.

So richtig das System der Risikofaktoren innerhalb des Paradigmas der krankheitsohentierten Medizin auch ist: aus heilkundlicher Sicht kann es verheerende (Neben-)Wirkungen erzeugen.

Leider haben auch populäre Magazine wie Öko-Test, Spiegel oder Stem häufig zu derartigen, auflagenfördernden, aber in ihrer Wirkung auf die Leser destruktiven Konsequenzen beigetragen. Regelmäßig haben sie Experten aus den Bereichen der theoretischen Medizin und Pharmazie zur Unterstützung ihrer Aussagen gefunden. Dabei möchte ich den Magazinen noch nicht einmal den guten Willen bei ihren Aussagen absprechen. Allerdings vermisse ich ihre grundlegende Einsicht in die ganzheitlichen Konsequenzen ihres Handelns.

So bleiben sie meines Erachtens befangen im bisherigen Technik- und Wissenschaftsparadigma, das - wie wir inzwischen sicher wissen - auf die ökologische und existentielle Katastrophe hinsteuert.

Nach dieser Katastrophe würde aber weder die Auflagenhöhe dieser Magazine, noch ihre kritische Meinung etwa zu Echinacea- oder Ginseng-Präparaten von irgendeiner Bedeutung sein.

Entsprechend bleibt die Fähigkeit der Menschen, Krisensituationen und auch Fehlentwicklungen zu überwinden.

Dazu ist der Medizin seit nunmehr etwa zwanzig Jahren von anderen Fächern herein neues, fundiertes (im Grund von altersher bekanntes) Wissen zugewachsen. Dieses Wissen lehrte uns, daß die Gesundheit (und auch die Krankheitsbewältigung) der Menschen in erstaunlichem Ausmaß von ihrem Kohärenzgefühl mit dem Leben (mit der Natur) bestimmt wird.

Dieses Gefühl von Kohärenz, das heißt von Übereinstimmung und Zusammengehörigkeit, ist nach Untersuchungen des Medizinsoziologen Aaron Antonowsky ein Merkmal von Menschen, die gesund bleiben. Dagegen fehlte dieses Gefühl bei Menschen, die erkrankten.

Hier zeigt sich die Bedeutung des Schutzfaktorenkonzeptes auch über die rein körperliche Wirkung hinaus, indem es Zusammengehörigkeit mit der Natur emotional vermittelt. Dagegen wirkt das Risikofaktorenkonzept hinsichtlich des Merkmals Übereinstimmung eher schwächend.

Über die einzelnen natürlichen Schutzfaktoren und ihre körperlichen Wirkungen können Sie immer wieder aktuelle Informationen in der Reform-Rundschau finden.

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