Schutz vor Ozonbelastung

Dr. med. Klaus Mohr

 

Im Hochsommer steigen im Zusammenwirken von Autoabgasen (Stickoxiden und Kohlenwasserstoffen) und Industriesmog mit Sonnenlicht die Ozonwerte in der Atemluft drastisch an. Die Schuldzuweisungen dafür werden jeweils an die anderen weitergeleitet: Politiker beschuldigen die Autofahrer; Autofahrer (außer Cabriobesitzern) beschuldigen die Sonne; die Industrie betreibt weiter logistisch-mobile Lagerhaltung auf den Autobahnen (in fahrenden Lastzügen); die Ferienreisewelle rollt weiter; die Ozonkonzentrationen steigen. Da sich an dieser alljährlichen Inszenierung des derzeitigen Systems aus unseren Kräften vor der bewußtseinsverändernden Krise der Gesellschaft keine wesentliche Veränderung ergeben wird, wenden wir uns bis dahin der individuellen Schadensbegrenzung zu. Doch sollten wir, die Beunruhigten, schon um unserer persönlichen Selbstachtung willen, jede unnötige Fahrt mit dem Auto unterlassen - auch wenn unser Nachbar (vorläufig) leichthin zum nächsten Zigarettenautomaten oder Schnellimbiß braust.

Solange die Ozonkonzentrationen hoch sind, sollten stärkere körperliche Belastung und Aufenthalt im Freien zumindest außerhalb der Spitzenzeiten: am frühen Nachmittag bis gegen Abend, erfolgen, wenn dies irgend einzuteilen ist.

Gleichzeitig ist die Anhebung des oxidationsschützenden Potentials im Organismus anzuraten. Denn die nachteilige Wirkung höherer Ozonkonzentrationen geht ja über die geläufige (vielfach diskutierte und abgestrittene) Reizwirkung auf die Atemwege breit hinaus: Der Oxidationsdruck und die Bildung freier Radikalen wird erheblich gesteigert. Diese Belastung ist gerade in den letzten Jahren deutlich gestiegen durch:

  • polychlorierte Biphenyle und andere organische Chlorverbindungen
  • Zigarettenrauch
  • Schwermetalle
  • Emissionen von Autoverkehr und (deutlich abnehmend) der Industrie
  • Radioaktivität
  • ultraviolette Lichtstrahlung, und eben auch Ozon.

Über die Schadwirkung einzelner dieser Faktoren gibt es inzwischen ziemlich detaillierte Kenntnisse und Informationen. Wenig ist dagegen bekannt über die Folgen eines Zusammenwirkens dieser Faktoren über Zeiträume von Jahrzehnten.

Anscheinend ist heute das oxidationsschützende Potential selbst von gesunden jüngeren Erwachsenen immer früher erschöpft. Bei Kindern, älteren oder kranken Menschen bestehen noch weniger Reserven an Oxidationsschutz. Dies ist einmal durch die obengenannte oxidative Belastung bedingt - zum anderen aber auch durch eine Ernährung, die an oxidationsschützenden Schutzstoffen verarmt ist - oder sogar zusätzlich oxidativ belastet.

Das Ozon in der Atemluft ist daher ein - mehr oder weniger dicker -Tropfen im Faß der Oxidationsbelastung des Organismus.

Die Grenzkonzentration, von der an das Ozon die Gesundheit schädigt, wird von Experten unterschiedlich hoch festgelegt: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die Schweiz und der Verband deutscher Ingenieure (VDI) finden Konzentrationen über 120 mg Ozon pro Kubikmeter Luft bedenklich. In der Bundesrepublik Deutschland gelten Werte bis 180 mg/m3 als Obergrenze.

Eine vielbeachtete Untersuchung von Prof. Dr. Heinrich Matthys (Universität Freiburg) zeigte Verminderungen der Lungenfunktion (des morgendlichen Atemstoßwertes) durch höhere Ozonkonzentrationen bis 270 rng/m3 bei Patienten mit Asthma und chronischer Bronchitis, nicht jedoch bei Gesunden bzw. "gesunden" Rauchern. Die gemessenen Beeinträchtigungen bei den Kranken werden als klinisch irrelevant (unbedeutend) angesehen. Übrigens erreichten die gemessenen Beeinträchtigungen rund 8 Stunden nach der Ozoneinwirkung ihren Höhepunkt, während die Probanden kurz nach der Ozonbelastung über Beschwerden klagten: eine eigenartige Diskrepanz. Im bundesdeutschen Gesundheitswesen und der wissenschaftlichen Medizin finden Meßwerte einen höheren Stellenwert als subjektives Befinden. Ob aus dieser Rangfolge immer die besseren Entscheidungen resultieren, sei dahingestellt.

Nach meiner Auffassung müssen die Ozon-Belastungsfolgen langfristig und im Kontext mit der gesamten technisch-zivilisatorischen Oxidationsbelastung des Organismus gesehen werden: Zusammen mit all den oxidativ einwirkenden Chemikalien aus industrieller Produktion, die z.B. auch in Haushaltsreinigern, Kosmetika, Bekleidungs-, Teppich-, Holz- und Lederkonservierungsmitteln enthalten sein können. Jede einzelne dieser Komponenten mag für sich genommen für den Organismus noch tolerabel sein. Die mögliche Langzeitschädigung aus deren Zusammenwirken ist auch für Experten kaum übersehbar.

Dazu kommt: Die reduktive Schutzwirkung aus integraler Nahrung nimmt zusehends ab, bedingt durch lange Verteilungswege und industrielle Aufbereitung. Vollwertige Frischkost aus wohnortnaher ökologischer Landwirtschaft schützt den Organismus vor Oxidantienbelastung in natürlicher Größenordnung - möglicherweise auch noch ein wenig darüber hinaus. Aufgrund dieser Wechselbeziehung mit ihrem natürlichen Umfeld konnten in der Vergangenheit - bei guter Veranlagung und glücklichen Umständen - ursprünglich lebende Menschen die volle Lebensspanne einigermaßen gesund ausschöpfen, bis zum biblischen Lebensalter In den reichen Ländern wird inzwischen das Erreichen dieser Lebensspanne von jedem einzelnen geradezu eingefordert, mit möglichst großer Genuß- und Konsumfähigkeit. Da ist es schon bittere Ironie, daß ausgerechnet die Oxidationsbelastung aus dem materialistisch-industriellen Fortschritt die "durchschnittliche" Gesundheit und Lebenserwartung vermindert. Diese Belastung resultiert zum einen Teil, individuell kaum beeinflußbar, aus dem allgemeinen "Fortschritt" z.B. der Ozonbelastung und anderer Umweltverschmutzung. Zum anderen - und oft ausschlaggebenden -Teil resultiert sie aus der persönlichen Lebensweise. Hier ist jede(r) einzelne in der Lage, die Dinge zum Besseren zu wenden. Die Vollwert-Ernährung ist sicherlich eine notwendige Grundlage für diese Wende, samt all ihrer guten ökologischen, ökonomischen und psychologischen Auswirkungen. Eine ehrliche, wertvolle, fundierte Grundlage.

Allzu fix kam jedoch (nach meiner Auffassung) der Verband für unabhängige Gesundheitsberatung e.V. - Deutschland - nach seinem 7. UGB-Kongreß über Vollwert-Ernährung mit Fachtagung Ernährungstherapie (Gießen, 18. bis 20. Mai 1995) zu der Presseverlautbarung: Vitamin- und Mineralstoffpräparate überflüssig. Das mag, lieber UGB, in paradiesischen Zeiten absolut so (gewesen) sein. Doch in Zeiten steigender Oxidantienbelastung (durch Ozon- und andere Bequemlichkeitschemikalien) infolge des materialistischen Fortschritts, wider alle menschliche Weisheit, gibt es gewichtige Gründe für einen noch weiteren Schutz vor Oxidantien mittels oxidationsschützender Naturstoffe: Flavonoiden, Antrocyanen, Catechinen, schwefelhaltiger Aminosäuren, Tanninen und vieler anderer – und eben auch der hier so angegriffenen Vitamin- und Mineralstoffpräparate. Selbstverständlich sind für den integralen Nutzen dieser Mittel fundierte Informationen und intelligente Anwendung erforderlich (vgl. ständige Beiträge in der reform-rundschau). Angesichts der unnatürlichen Belastung unseres Organismus kann die Pflege von Tabus oder abgegrenzten Revieren nicht mehr aufrechterhalten werden – auch dies eine Lehre aus der globalen Ozonbelastung.

 

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