Tue, was du tust
Dr. med. Klaus Mohr
Der Zen sagt: Tue, was du tust
Diese Aufforderung
ist so selbstverständlich, daß sie schon paradox oder widersprüchlich
erscheint.
Gerade in unserer
Zeit ist sie gar nicht mehr selbstverständlich.
Die meisten Menschen
handeln im Hier und Jetzt wie Automaten, während ihre Gedanken mit
der Zukunft beschäftigt sind: vom Aufstehen bis zum Einschlafen, vom
Kindesalter bis zum Tod.
Beim Aufwachen
denken sie an die Belastungen des Tages, anstatt ihren erwachenden Körper
und ihre Sinnes und Seeleneindrücke zu empfinden: ihre schwindende Müdigkeit,
ihre Haut, ihre Muskeln, ihre Hoffnungen, Wünsche und Ängste.
Beim Aufstehen
denken sie an die Tagesgeschäftigkeit, ihre Verpflichtungen, Schwächen,
Bedrängnisse, Sorgen und Nöte, anstatt für ihre Fähigkeit zum
Aufstehen dankbar und zu ihrem Weg in den Tag bereit zu sein: mit
Pflege und Vorbereitung von Körper und Seele.
Beim Frühstück
denken sie an ihren Weg zur Arbeit, an ihre nächste Handlung oder an
die Belastungen des vergangenen Tages, anstatt Kauen, Schmecken,
Schlucken, Aufnehmen des Frühstücks bewußt zu empfinden und die
Kraft, die ihnen daraus zuwächst, hier und jetzt.
Mit dem Beginn der
Arbeit denken sie an die folgende Belastung, anstatt ihre Arbeit jetzt
zu tun - und die Bestätigung, die daraus erwächst, hier und jetzt.
Während der Arbeit
denken sie an die Mittagspause oder den Feierabend, anstatt vollständig
in ihrer Arbeit zu sein.
In den Pausen sind
sie mit ihren Gedanken bei der nächsten Arbeit, anstatt in ihrer
Erholung zu sein.
Am Abend sind sie
mit den möglichen Problemen des folgenden Tages beschäftigt, anstatt
ihre Ruhe zu genießen und ihre Mitte zu finden.
Oder sie lenken sich
mit oberflächlichem Zeitvertreib ab, anstatt die Ereignisse des
vergangenen Tages zu verarbeiten und neue Konzepte zu entwickeln.
Schließlich gehen
sie schlafen, ohne diesen Tag in ihr Leben integriert zu haben, ohne
befriedigenden Abschluß, ohne Ruhe und Erholung zu finden.
So war Tag und Nacht
geprägt von Verdrängung des Hier und Jetzt, von Vorwegnahme des Zukünftigen,
von Unruhe und Angst.
Die menschliche
Angst resultiert auch aus Vorwegnahme des Zukünftigen, anstatt des
Gestaltens und Ruhens im Hier und Jetzt.
Aufgehen im Tun,
hier und jetzt, ist dagegen immer angstfrei. Aber nicht: irgendetwas
tun, hektisch, oberflächlich, irgendwann. Sondern: das Richtige tun,
intensiv, gründlich, gleich, konzentriert, gelassen und aktiv:
Aufgehen im Hier und Jetzt.
Gewiß sind
Vergangenheit und Zukunft wichtig, entscheidend, ist - aber der Moment
der Gegenwart. Aus diesen Momenten entsteht Ewigkeit.
Das alte,
selbstverständliche Wissen darüber ist heute verschüttet. Alle
Hektik, Sorge und Angst ist auf die Zukunft gerichtet: Schneller',
bequemer, "sicherer", mit immer mehr Luxus, also Überflüssigem.
Die Massen an Überflüssigem
führen zum Verlust des Wesentlichen, Notwendigen.
Die heutigen
Menschen verlieren ihre Vergangenheit und ihre Zukunft in ihrem Mißbrauch
der Gegenwart. Sie verlieren dabei das Wesentliche ihres Lebens.
Sie verlieren ihr
Selbst (sich selbst), ihre Gewißheit und ihre Überzeugungen. Sie
verlieren ihre Offenheit, die Gewißheit ihrer Sinnesempfindungen und
ihre Fähigkeit zu Veränderung und Gestaltung.
Und all diese
leeren Räume hinter den Fassaden füllen sich mit Angst: Angst
vor (weiteren) Verlusten, Angst vor der Zukunft, Angst in der
Gegenwart.
Die Lösung dieses
Problems liegt im
entspannten,
gelassenen, zufriedenen Sein in der Gegenwart (im Frieden mit sich
selbst) und die konkrete Verwirklichung im:
Tue, was du tust.
Dabei wird es ganz
selbstverständlich, das Richtige (lebensrichtige) gut zu tun. Denn
dies geschieht wie von alleine, während des Aufgehens im Tun. Und
ebenso: das Lebensfalsche, Lebenswidrige zu lassen. So prägen wir die
Inhalte ohne die berühmte Ausrede von den Sachzwängen, befreien uns
allmählich von den sogenannten Sachzwängen, die fast immer Vor- wand
oder Produkt von Unbewußtheit bzw. falschem Denken sind, an jedem
Platz, in jeder Situation.
Denn: Das, was man
tut, gut und richtig zu tun, dies führt ganz selbstverständlich
dahin, Lebensrichtiges zu fördern und Lebenswidriges abzubauen - und
nicht mehr tun zu müssen.
Der einfache
Hinweis: Tue, was du tust: die Prägung der Inhalte und die Gestaltung
aus dem Tun erscheint heute unzeitgemäß.
Der Zen sagt: Tue,
was du tust.
Tun Sie es! Tun Sie
es ganz! Gehen Sie in Ihrer Aufgabe, in Ihrer Lösung auf!
Ein Grundphänomen
seelischer Störungen liegt in der Blockade zwischen Denken und Fühlen
auf der einen und dem sinnvollen Handeln auf der anderen Seite:
Entweder bleibt die
Handlung blockiert, die Energie kreist zwischen Fühlen und Denken,
kann nicht konstruktiv, lebensfördernd genutzt werden und richtet
sich destruktiv (in Form von Angst, Depression, Haß oder Neid) nach
innen - oder nach außen.
Wenn trotz
bestehender Blockade seelische Energie in Handlung umgesetzt wird
(werden kann), stimmen die Inhalte von Denken und Fühlen mit dem Tun
nur unzureichend überein: Es kommt zu (scheinbar) unmotivierten oder
unsinnigen und oft schädlichen Handlungen. Nach meiner Auffassung gehört
ein erheblicher Anteil der Aktivitäten in der heutigen Zivilisation
zu dieser Gruppe. Suchtprobleme, unmotivierte Aggression gegen sich
selbst und Umwelt sowie Leerlaufaktionen (sinnloser, hektischer
Aktionismus, lebensfremder Konsum) gehören hierher.
Konflikte zwischen
Denken, Fühlen und Tun kennzeichnen den Menschen - von jeher. In der
modernen Zivilisation haben sich diese Konflikte aber noch verschärft.
Die ursprüngliche, kreatürliche Existenz ist frei davon.
Wenn wir diesen
Konflikt, der zu Disharmonie und Unglück führt, überwinden wollen,
müssen wir entweder zurück zu einer derartigen Seinsweise oder vorwärts
zu einer evolutionären menschengemäßen Existenzform gehen.
Die jedem Menschen
in dieser Zivilisation bekannte Angst kann als Antriebsmittel zur
humanen Evolution gebraucht werden.
Dazu muß aber die
Angst selber zuerst bearbeitet und integriert werden. Denn
unbearbeitete Angst lähmt! Sie lähmt Denken, Fühlen - und Handeln.
Sie führt zum verkehrten Denken und Fühlen, zu neurotischen
Entwicklungen und damit zu Ersatzhandlungen, zu lebensschädlichem
Tun.
Man
kann die unsinnigen Verhaltensweisen in der Industriegesellschaft
durchaus auf deren ungelöste Ängste zurückführen. Nach meiner
Auffassung gründet die "Logik" dieser Gesellschaft auf
ihrer ungelösten Angst. Diese Zivilisation befindet sich in einem
Teufelskreis: Aus Angst entfernt sie sich immer weiter von der Natur.
Immer weitere Naturentfernung führt zu immer mehr Angst. So schließt
sich der Kreis. Das Fatale daran ist: Die Angst als Betreiber und
Beherrscher dieses Teufelskreises wird verleugnet und verdrängt, sie
wirkt aus dem Unbewußten. Aus dem individuellen und dem kollektiven
Unbewußten.
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