Vom Umgang mit Sorgen

Dr. med. Klaus Mohr


Seit der legendären Vertreibung aus dem Paradies ist die Sorge ein ständiger Begleiter des Menschen geworden. Die Menschen sorgen sich um ihren Lebensunterhalt, um ihre Arbeit, ihre Zukunft, die Zukunft ihrer Kinder - und vor allem um ihre Gesundheit. Alle diese Sorgen sind allzu berechtigt. Sie sorgen sich aber auch um sehr viel Überflüssiges und Unnötiges: um ihren Luxus und Konsum, um ihre Flugreisen in die Karibik, um die Folgen des eigenen (Fehl-) Verhaltens.

Sich zu sorgen bedeutet: Angst um die Existenz in der Zukunft zu haben. Sorge ist vorwegnehmende Angst.

Je schwieriger die Existenzbedingungen und je düsterer die Zukunftserwartungen empfunden werden, um so größer sind die Sorgen. Sie wachsen mit den allfälligen Gefahren - und der persönlichen Passivität.

Wenn wir aber rüstig und geschäftig, wo es gilt zu wirken kräftig, unsere Arbeit tun - dann verkleinern sich die Sorgen.

Ein wichtiger therapeutischer Rat ist:

Tue etwas. Tue erst mal das, wovor Du am meisten Angst hast -falls es ethisch gut ist und lebensfördernd.

Erwarte nicht primär, daß die anderen etwas für Dich tun. Tue selber etwas: für die anderen, für Dich. Wenn Du das Richtige tust, wird Deine Arbeit für die anderen auch für Dich selber gut sein. Dann werden Deine Sorgen geringer und vor allen Dingen weniger belastend sein.

Wünsche Dir aber nicht, daß Deine Sorgen völlig verschwinden. Denn kleine Sorgen fördern Deinen Antrieb, Deinen Mut und Deine Lebenskraft. Laß Deine Sorgen aber niemals übermächtig werden. Halte sie klein, indem Du jedes Problem sofort entschlossen anpackst. Wandle Deine Sorge in Fürsorge um.

Übermäßige Sorgen lähmen und fressen das Leben auf. Das Sorgen machen hat in der heutigen Gesellschaft Konjunktur. Hinsichtlich der Situation der Konsumgesellschaft und der Zukunftsaussichten sind die Sorgen wirklich berechtigt - aber sie gehen meist fehl, da keine entsprechenden konstruktiven Handlungen daraus entstehen. Im Gegenteil wird sogar das Gebäude unserer Gesellschaft von vielen noch als Steinbruch - oder eher noch als eine Art Lebkuchenhaus benutzt, aus dem viele versuchen, möglichst große Stücke für sich herauszubrechen. Das kann nicht gutgehen. So wird das Gebäude, wird unsere Gesellschaft zusammenbrechen. Vielleicht ist dieser Prozeß schon unumkehrbar. Nur mit einer grundlegenden Änderung des Bewußtseins und des Anspruchsdenkens, mit konzentrierter Arbeit, Bescheidenheit und Gerechtigkeit wäre es noch abzuwenden. Sorgen wir dafür - statt um die Befriedigung kleinlicher egoistischer - und noch dazu unverdienter - Forderungen.

Solange die große, konstruktive Bewußtseins- und Verhaltensänderung noch ausbleibt, solange die Verantwortungslosigkeit herrscht, solange gefahren, konsumiert und geflogen wird auf Teufel komm raus - so lange werden auch die Sorgen um diese Gesellschaft und der von ihr Abhängigen, der Alten und Schwachen, der Arbeiter und Nutznießer noch wachsen, bis die Sorge zum Ernstfall wird. Diese Art der Vernichtung von Sorgen - indem man auf den Gegenstand der Besorgnis zusteuert, ihn bewußt eintreten läßt - halte ich für töricht und zerstörend, aber wie es so scheint - unausweichlich. Wir werden jedenfalls Vorsorge treffen.

Vielleicht erfolgt aber doch noch der rettende Bewußtseinssprung in der Gesellschaft: bei Politikern, Arbeitenden und Verbrauchern. Vielleicht kann der Wachstumswahn, die Entfremdung und die Enteignung doch noch geheilt werden. Vielleicht wird diese Gesellschaft wieder gerecht, solidarisch einmütig - und so auch stark: stark genug, um ihre Aufgaben konstruktiv zu lösen, stark genug, um

für ihre Kinder und Enkel eine friedliche Zukunft zu hinterlassen.

Dann hätten sich unsere Sorgen jedenfalls gelohnt, hätte unsere Fürsorge gute Früchte getragen. Bekennen wir uns daher zu unseren berechtigten Sorgen! Nehmen wir sie ernst. Arbeiten wir fürsorglich und solidarisch, kämpfen wir für Gerechtigkeit.

Wie können wir aber unsere Sorgen in einer Ära von Umweltzerstörung, blindem Konsum und Verschwendung, damit auch von systematischer Ungerechtigkeit aushalten - und dabei auch noch konstruktiv weiterarbeiten?

Vielleicht so: indem wir in allen Ereignissen unseres Lebens tiefe, grundlegende gute Gesetzmäßigkeit erkennen lernen. Indem wir alle Widrigkeiten zunächst geduldig annehmen, um sie dann lebensfördernd nach unserer Überzeugung beharrlich zu bearbeiten. Indem wir Apfelbäume pflanzen, auch wenn - und gerade weil - es so scheint, als ob die gegenwärtige Gesellschaftsform bald untergeht. Indem wir aus dem Vertrauen leben: wir glauben aber, daß denen, die Gott lieben, schließlich alle Dinge zum Besten dienen.

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