Zivilisationskost und seelische Leiden.

Dr. med. Klaus Mohr

 


In der Zivilisationsgesellschaft haben die meisten Menschen ihren ursprünglichen Instinkt zur Nahrungsauswahl und Regulation verloren.

Die Ordnung der Nahrung im Sinne einer vegetabilen, basenüberschüssigen Ernährung, reich an Mineralien, Spurenelementen und Vitaminen, mit pflanzlichen Ölen langwirkenden Kohlenhydraten, sparsamer, aber optimaler Eiweißzufuhr, unter weitestgehendem Verzicht auf Fleisch und Fleischprodukte, diese Nahrungsordnung stellt von jeher ein zentrales Element der Lebensreformidee dar - als empfohlene Alternative zur üblichen Zivilisationskost.

Denn die Zivilisationskost enthält nach Auffassung der Lebensreformbewegung

zuviel tierisches Eiweiß 

zuviel tierisches (gesättigtes) Fett 

zuviel leere Energieträger

zuviel säurebildende Stoffe

gleichzeitig aber zu wenig:

Mineralstoffe

Vitamine

Spurenelenlente"

langwirkende Kählenhydrate (z. B. Stärke im Ballaststoffverbund)

Pflanzenlecithin

spezielle, mehrfach ungesättigte Fettsäuren (z.B. Gammalinolensäure)

sekundäre Pflanzenstoffe.

Nach jahrzehntelangen Auseinandersetzungen wurde inzwischen die übliche Zivilisationskost als wichtige (wahrscheinlich wichtigste) Ursache der sogenannten Zivilisationskrankheiten auch von der etablierten Wissenschaft anerkannt. Wohlgemerkt: der körperlichen Zivilisationskrankheiten.

Über die Beziehung zwischen Zivilisationskost und seelischem Leiden finden sich bisher etliche punktuelle Erfahrungen und Kenntnisse, aber noch kein fundiertes, umfassendes Konzept.

Zu diesem Problem sind daher weitere Untersuchungen erforderlich. Dem stehen derzeit noch erhebliche Widerstände entgegen, nach der Devise: daß nicht sein kann, was nicht sein darf. Weder materialistisch orientierte Mediziner noch Psychologen oder Gesprächspsychotherapeuten haben - verständlicherweise - ein Interesse daran, ihre Tätigkeit bzw. ihr Weltbild in Frage zu stellen, indem sie Beziehungen zwischen Nahrung und Seelenleben für möglich halten oder gar in ihre Therapie einbeziehen.

Dabei wären gerade Untersuchungen zu diesem Zusammenhang wünschenswert, um dieses wichtige Problem nicht zum Tummelplatz von Scharlatanen zu machen.

Im Moment bleibt immerhin, Ihnen zu empfehlen: Prüfen Sie die weiter oben beschriebenen Beziehungen zwischen Nahrungsaufnahme, Nahrungsmenge, Nahrungsqualität und seelischem Befinden für sich selber - möglichst vorurteilslos, und objektiv. Später werden Sie in diesem Text noch weitere Hinweise zu einzelnen Pflanzenstoffen, Mineralien und Spurenelementen finden.

So wie das Seelenleben ohne Zweifel den Körper beeinflußt, beeinflussen umgekehrt auch körperliche Vorgänge - darunter die Zusammensetzung, die Qualität und Menge der Nahrung - die Seelenfunktion.

Zweifellos stellt die Art der Nahrung nur einen Faktor in diesem hochkomplizierten System von Wechselwirkungen dar, aber einen Faktor, den Sie gut beeinflussen können. Die Voraussetzung dafür ist lediglich: daß Sie wirklich Veränderung, Verbesserung Ihres Lebens wollen. Diese Voraussetzung ist, wie ich manchmal erfahren habe, nicht selbstverständlich.

Das Übermaß an tierischem Eiweiß verhindert durch Konkurrenz die Aufnahme notwendiger Aminosäuren (z.B. Tryptophan) in das Zentralnervensystem. Es bildet unerwünschte Säuren. Dadurch macht es ständig schwankend, lustlos, träge bzw. aufgeputscht, unmutig und ängstlich, verursacht Schlafstörungen. Charakteristisch für übermäßige Eiweißzufuhr (praktisch nur aus Nahrungsmitteln tierischer Herkunft möglich) ist das labile Ungleichgewicht, das schnelle, ungedämpfte Schwanken zwischen Extremen, zwischen extremen Stoffwechsel- und Seelenzuständen, wie Hyperaktivität und Hyperpassivität und Unruhe oder Angst. All das läßt sich auf die Behinderung der Tryptophanaufnahme (durch Eiweißverdünnung) in das ZentraInervensystem bzw. des darauf beruhenden Serotoninstoffwechsels. zurückführen.

Tierisches (gesättigtes) Fett macht dumpf. Es beschäftigt den Organstoffwechsel übermäßig, macht träge und beeinflußt die Prostaglandinbildung in unerwünschter Weise. Langfristig schränkt es die Durchblutung der Gewebe (durch Arteriosklerose) und damit deren Funktion ein. Trägheit, bis zur Erlahmung der Organfunktionen, schwächt die Fähigkeit zur Bewältigung von Lebensaufgaben. Daraus resultiert Angst.

Isolierte Zucher provozieren Hypoglykämie und Adrenalinausschüttung. Adrenalin steigert Pulsfrequenz (Herzklopfen) und Blutdruck. Adrenalin "macht" Angst.

Auf die Bedeutung von Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen für das seelische Befinden Weisen besonders Vertreter der oithomolekularen Psychiatrie hin.

Vitamine der B-Gruppe: B1, B2, B6, Nicotinamid, Panthotensäure haben sich in der Behandlung von seelischen Störungen als erstaunlich wirksam erwiesen, allerdings in Dosierungen, die weit über den Zufuhrmengen liegen, wie sie die übliche Zivilisationskost liefert.

Folsäure kann bei manchen Formen der Depression gegeben werden (vorher sollte unbedingt ein eventueller Vitamin-B-12-Mangel, ausgeschlossen werden).

Die Therapie mit Magnesiumverbindungen hat sich bei vegetativen Störungen schon seit langer Zeit bewährt. Sie dämpfen Angst und Unruhe. 

Zu niedrige Magnesiumspiegel im Blut lassen sich durch Calciumgabe anheben. Calcium wirkt auch günstig auf Schlafstörungen ein.

Die Substitution der Spurenelemente Mangan sowie Molybdän hat sich bei Neigung zu Hypoglykämien bewährt. Das Zink ist notwendig für die Funktion zahlreicher Enzyme. Die ausreichende Zufuhr dieses Spurenelementes sollte auch bei nervösen Störungen, insbesondere nach Alkoholmißbrauch, beachtet werden.

Alle diese Mineralien und Spurenelemente sind in der Zivilisationskost, auch bedingt durch Bodenbelastung und -übersäuerung sowie durch die Lebensmitteltechnologie, nicht immer in optimaler Konzentration vorhanden. Ergänzende Gaben haben sich bei seelischen Störungen oft bewährt. Die gezielte Anwendung bedarf besonderer therapeutischer Erfahrung. Im Zweifelsfall können Analysen von Serum und Geweben (Haar) in erfahrenen Laboratorien durchgeführt werden. Für Ergänzungsgaben stehen Mineralstoffepräparate zur Verfügung.

Die Bedeutung der Nahrung für seelische Störungen, als Auslöser oder Heilmittel der Angst, wird noch immer zu wenig beachtet.

Fehlernährung kann seelische Störungen auslösen.

Gesunde, d.h. richtige Ernährung kann zur seelischen Stabilität beitragen.

Die Wunder der Seele bleiben jenen verschlossen, welche dauernd die Ernährungsgesetze mißachten. – Von der Ernährung hängen Kraft und Tiefe der inneren Erlebnisse ab – das ist ihre eigentliche Bedeutung. Sich um seinen Körper, um seine Ernährung zu bekümmern hat keinen Zweck, es sei denn, daß daraus eine neue Entfaltung, ein Erwachen innerer Kräfte entstehe.

Dr. Max Bircher-Benner

 

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