Vitamine: Größerer Bedarf in belasteter
Umwelt?
Dr. med. Klaus Mohr
Arrogant kanzelte die Zeitschrift "Natur" (8/89, S. 40)
unsere Sorgen um die ausreichende Vitaminaufnahme als
"Vita-Manie" ab.
Möglicherweise war sie nur
unzureichend informiert.
Interessanterweise identifizierte sie
sich da mit einer Ideologie aus dem vergangenen Jahrhundert, die sie
doch eigentlich bekämpfen wollte:
Die Festlegung des Vitaminbedarfes
beruht noch immer auf dem Studium der Vitamin-Mangelkrankheiten (z.B.
Skorbut, Beri-Beri, Xerophthalmie). Die optimale Vitaminzufuhr
liegt aber vermutlich höher als die zur Verhütung von
Vitaminmangelzuständen gerade ausreichende Dosis.
In den Industriegesellschaften bestand
ein politisches Interesse, die notwendige Vitaminzufuhr zwar
ausreichend, aber doch so niedrig wie möglich festzusetzen. Die
Motivation ist naheliegend: Denn die übliche Zivilisationsnahrung
(Humanfutter) ist hinsichtlich ihrer Zusammenstellung und Aufbereitung
in der Regel vitalstoff- und vitaminärmer als frische Vollwertkost.
Die Beachtung vitalstoff- und eben
vitaminreicher Nahrungsmittel seit M. Bircher-Benner und den
bahnbrechenden Forschungen von W. Kollath wurde noch lange als Spleen
von Gesundheitsfanatikern abgetan.
Inzwischen sind Zeichen des Umdenkens
erkennbar. Gerade mit der Überernährung der Menschen in den
Industrieländern wächst - scheinbar paradox - der Vitaminbedarf,
insbesonders an den oxidationsschützenden Vitaminen C, E und dem
Beta-Carotin (Provitamin A).
Die Energiegewinnung aus der Nahrung
erfolgt im Organismus durch Oxidation, die sogenannte
"Verbrennung" mit Sauerstoff. Endprodukte dieser
"Verbrennung" sind Kohlendioxid und Wasser. Im Ablauf der
Stoffwechselreaktionen entstehen aber auch hochreaktive
Sauerstoffverbindungen und –bruchstücke, die Sauerstoffradikale.
Die Sauerstoffradikale können die
Zellstrukturen angreifen.
Eine beliebte Analogie zu diesen Vorgängen
im Organismus ist das Automobil-. Der Motor verbraucht Sauerstoff, um
den Treibstoff zu verbrennen. Andererseits greift der Sauerstoff die
Karosseriebleche an, durch Rostbildung.
Freie Sauerstoffradikale schädigen
Zellstrukturen, behindern ihre Funktion, wirken mutagen (erbgutverändernd,
eventuell tumorauslösend), entzündungs- und allergieverstärkend und
beschleunigen Alterungsvorgänge.
Die Lebewesen haben Schutzmechanismen
gegen die zerstörenden Wirkungen der Sauerstoffradikale und ihrer
Folgeprodukte entwickelt:
peroxidspaltende Enzyme (Katalase,
Glutathionperoxidase und Superoxiddismutase) und Radikalanfänger. Zu
den bedeutendsten Radikalanfängern zählen die Vitamine C und E sowie
das Beta-Carotin.
Gerade bei überschüssiger
Nahrungszufuhr sind diese Substanzen notwendig.
Nach der Monica-Studie (monitoring
carddiovascular disease study) der WHO stellt der Vitamin
E-Mangel ein noch gewichtigeres Herzinfarktrisiko dar als zu hohe
Cholesterinwerte (siehe rr 4/90).
Die Bedeutung dieser Vitamine wird noch
zunehmen, da die oxidative Belastung des Organismus durch
Schadstoffe aus der Umwelt größer wurde: durch Schwefeldioxid,
Stickoxide, Ozon, Halogene, manche Pestizide, Rauchen, Lösungsmittel
und andere. Dazu kommt die Belastung durch vermehrte UV-Einstrahlung -
und die zivilisatorisch veränderten Ernährungsgewohnheiten.
Neben dem ursprünglichen Kampf gegen
Umweitzerstörung und die damit verbundenen Umweltbelastungen, zu dem
Verzicht auf unnötige zivilisatorische "Errungenschaften"
und die damit verbundenen Lebensbelastungen ist deshalb auch die
intelligente Nutzung der gesunderhaltenden Naturstoffe in Betracht zu
ziehen.
Die bisher empfohlenen
Tageszufuhrmengen von Vitamin C (75 mg), Vitamin
E (15 mg) und Betacarotin (3-5 mg) waren offenbar zu niedrig
angesetzt. Empfehlenswert sind mindestens 200 mg Vitamin C, 200 mg
Vitamin E und 10 mg Carotin im integralen Verbund.
Diese Vitaminkonzentrationen können
mit einer optimal ausgewogenen vegetarischen Ernährung (Vollwertkost)
erreicht werden. Saison- und lagerungsbedingt werden die genannten
Werte in der Nahrung eventuell nicht immer ganz erreicht. Für einen kürzeren
Zeitraum ist ein kleines Defizit sicherlich zu tolerieren. Bei Zufuhr
der Vitamine im natürlichen Verbund mit pflanzlichen Begleitstoffen
genügen auch einmal etwas geringere Konzentrationen. Ständige Überprüfung
und Bilanzierung der Vitaminaufnahme ist bei ausgewogener frischer
Vollwertkost nicht erforderlich.
Gegen die Substitution der Vitamine in
den genannten Dosierungen bestehen keine Bedenken.
Ursprünglich lehnte die Reformbewegung
eine Zufuhr isolierter Vitamine als Nahrungsergänzung ab, da sie die
Versorgung im natürlichen Verbund bei optimaler Nahrungszufuhr
zurecht als bestmöglich und ausreichend ansah.
Doch fordern die veränderten
Bedingungen in der Industriegesellschaft ein Umdenken. Unter diesen
Bedingungen stieg der Bedarf.
Die Reformwarenhersteller haben
Konsequenzen aus den Erkenntnissen und Veränderungen
(Umweltbelastungen) gezogen. Deshalb werden im Reformhaus neben
vollwertigen Nahrungsmitteln auch Vitaminpräparate natürlicher
Herkunft angeboten.
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