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Sind Sie fit?
Dr. med. Klaus Mohr
Wunder geschehen
nicht gegen die Natur,
sondern nur gegen
unsere VorstelIung von der Natur
Augustinus
Nach dem
Wirtschaftswunder, der Motorisierung und dem Wohlstandsbauch, parallel
zu Fernreisen, Globalisierung und Rationalisierung kam die
Fitnessbewegung. Diese Entwicklung hat ihre eigene Logik. In den
westlichen Industrie- und Sozialstaaten wird jedem ansässigen Menschen -
auch ohne Eigenbeteiligung - ein Mindesteinkommen für Nahrung, Kleidung,
Körperpflege, Wohnung, Heizung, Taschengeld und Therapie garantiert.
Allerdings sind die Staaten ökologisch und finanziell massiv
verschuldet. Auf den Erwerbstätigen lastet daher schwerer Leistungs-,
aber auch Konkurrenzdruck. So entsteht die paradoxe Konsequenz: Wer in
der Versorgungsgesellschaft bestehen möchte, muss ziemlich fit sein.
Die neudeutsche
Bezeichnung fit sein stammt aus der englischen bzw.
amerikanischen Sprache und bedeutet im wörtlichen Sinn: passend sein.
Wer fit ist, passt demnach in die Welt, in die Gesellschaft. Umgekehrt
fällt, wer nicht fit ist, heraus. Charles Darwin, Begründer der
Evolutionstheorie, formulierte als Grundprinzip: survival of the
fittest -das Überleben der Angepasstesten bzw. Leistungsfähigsten.
In der Versorgungsgesellschaft, die sich besonders den Schwächeren
verpflichtet fühlt, klingt dieser Satz sehr hart. Das Bestehen in der
Versorgungsgesellschaft ist jedoch eng mit Kaufmacht, das heißt mit dem
Erschließen von Geldquellen verbunden. Und weiter: Wer da, nicht nur für
sich selber, sondern für diese Gesellschaft, nachhaltige Leistungen
erbringen möchte, muss sehr fit sein, um daraus resultierenden Angriffen
der Wettbewerber und Leistungsnehmer standhalten zukönnen. So erfordert
die neue Gesellschaft mehr als bisher: Außer körperlicher, emotionaler
und rationaler Intelligenz auch noch hervorragende Fitness zur
Durchdringung des Vorschriften- und Auflagendschungels der wuchernden
spezialisierten Bürokratie. Immer mehr scheint die letztgenannte
Spezialisierung zur entscheidenden Fitness in der modernen Gesellschaft
zu werden, die das Überleben der darauf - naturfremd - trainierten
Mitmenschen begünstigt. Momentan, vorläufig. Denn eine Gesellschaft, die
trickreiche Vorteilsausbeuter fördert, ist im Ganzen nicht
überlebensfähig. Eine Minderheit (bisher noch) hat das schon
durchschaut. So arbeitete die ursprüngliche Reformbewegung schon früh,
frisch, froh, solidarisch und fit für die Erhaltung von Natur und
Gesundheit: für Nachhaltigkeit, gegen die Zerstörung des Guten. Viele
Freunde und Kunden sind bereit, der ursprünglichen Lebensreform
und ihrer guten Weiterentwicklung beizustehen. Die moderne
Fitnessbewegung ist in erster Linie selbstpersönlich, vor allem
körperlich orientiert. Im Versorgungsstaat ist das schon ein
konstruktiver Ansatz. Erfolgsversprechend dazu: Wenn die Gesellschaft in
den Kollaps fährt, bleibt für einige Zeit noch die eigene körperliche
Fitness, eine persönliche Reserve. Was aber folgt danach, wenn auch die
eigenen Reserven aufgebraucht sind? Folgt dann der noch tiefere Absturz?
Um im späteren Leben, nach dem Fitnessgipfel, nicht in den absoluten
Abgrund zu stürzen, sind weitere Werte erforderlich: innere Entwicklung,
Generativität, Solidarität und Gemeinschaft. Das Problem der
modernen „Fitnesspäpste" (wie sie in Medien und Werbung bezeichnet
werden) besteht deshalb in ihrer Utopie von unendlicher Fitness,
die jedoch in der Biologie des Menschen niemals erreicht werden kann.
Die moderne Fitnesswelle ist ein Kult permanenter, selbstbezogener
Jugendhaftigkeit. Entsprechend nennen sie ihre Ratgeber; Forever fit,
Young forever oder Fit for Fun: ewig fit, ewig jung bzw. fit zum
Spaßhaben. Wer meint, ewig jung und fit zu sein und permanent Spaß zu
haben, wird wenig über die weitere Entwicklung nachdenken. So bleiben
wichtige Probleme ungelöst - um die Menschen nach dem Überschreiten
ihres Fitnessgipfels einzuholen. So würde nach forciertem Licht längerer
und dunklerer Schatten folgen. Dies scheint ein Grundmuster der modernen
Gesellschaft zu sein. Allerdings sind Niedergänge deprimierend und
ängstigend: wenn die Vorsorge fehlte. Gewiss ist Fitness ein elementarer
Teil der Vorsorge, ungünstig nur, wenn sie zum Selbstzweck wird oder zum
alleinigen Ziel. Das heisst: Lebensorientierte Fitness ist sinnvoll.
Dann bringt die Verlängerung der Lebenskraft und der Gesundheit mehr als
nur die Verlängerung der Lebensdauer.
Wie wird man
lebensorientiert fit?
1. Man sorgt in
gleichem Maße für die Mitwelt wie für sich selber. Das ist die
Grundvoraussetzung. Die wird am heufigsten vernachlässigt, und wenn die
Grundlage und das Gleichgewicht nicht stimmen, geht alles Weitere fehl.
In unserer Gesellschaft ist die Sorge um das Selbst stellenweise noch
ausgeprägter als die Sorge (die Verantwortung) für die Mitwelt.
2. Liebe deinen
Nächsten wie dich selbst. Der christliche Rat aus dem neuen Testament
geht einen mutigen, kräftigen Schritt weiter: Liebe ist stärker als
Sorge und Angst, ist besser für die Gesundheit. Liebe überwindet
Selbstbezogenheit (Egoität). Unsere Gesellschaft ist in weiten Bereichen
von Egoität bestimmt, daher von Angst. Angst zerstört im Körper mehr
Kraft und Gesundheit, als alle Fitnessübungen zurückholen können. Liebe
überwindet Egoität und Angst.
3. Gehen Sie Ihren
Weg.
Gehen Sie Ihren Weg: in der Richtung auf das Ziel, das Sie für gut
erkannt haben. Was ist Ihr persönliches Ziel? Manche Menschen haben gar
kein Ziel: Weil sie sich selber noch nie gründlich danach gefragt haben.
Weil sie viel mehr angestrengt sind, das Maximale (für sich) aus anderen
herauszuholen. Sich in Position zu bringen und darzustellen. Sich zu
amüsieren.
Wer kein Ziel hat, hat auch keine Richtung und keinen Weg. Wer kein Ziel
hat, irrt hin und her, lässt sich treiben und wird getrieben. Wer kein
Ziel hat, kann niemals ankommen - und keine Erfüllung finden.
Das Leben stellt uns immer wieder vor neue Probleme und
Herausforderungen. Deshalb müssen wir auch lernfähig sein, offen und
bereit für bessere Lösungen. Müssen wir deshalb auch immer wieder unser
Ziel ändern? Ganz im Gegenteil: Ein gutes Ziel ist eine sichere
Grundlage zur Orientierung und Problemlösung. Wer kein Ziel hat, hat
keine Richtung - und kann daher nicht fit sein zur Meisterung des
Lebens.
Die Erfahrung zeigt: Wer ein gutes Ziel aus Mitverantwortung und
Selbstüberwindung hat, wird es erreichen, auch gegen Widerstände, nach
Umwegen: müde und erschöpft, aber zufrieden. Wer seine Aufgaben erfüllt
und das Ziel erreicht hat, kann sich schließlich leichter aus dem Leben
zurückziehen als einer ohne Verantwortung und Richtung. Erfahrungsgemäß
bleiben Menschen, die ein gutes Ziel haben, meist fit bis zum Schluss.
Ziel gut, Ende gut, alles gut.
4. Fitness oder
Entwicklung?
Zu den ergreifendsten musikalischen Kulturleistungen, die auf die
Gregorianischen Gesänge und Monteverdis Madrigale folgten: die Kantaten
und Fugen von Johann Sebastian Bach, die Messen und Requieme von
Wolfgang Amadeus Mozart, die Deutsche Messe von Franz Schubert, die
Sinfonien von Ludwig van Beethoven (die Fünfte, die Pastorale, dazu das
Liedblatt an Elise), das Take Five von Dave Brubeck, das Let it be der
Beatles, Atlantis von Donovan, Bridge over Troubled Waters von Paul
Simon und Art Garfunkel, Memory und Music of the Night von Andrew Lloyd
Webber, Sacrifice (auch Candle in the Wind) von Elton John sowie The
Power of Love von Jennifer Rush, gehören auch Pachelbels Canon und
Vivaldis Vier Jahreszeiten, inzwischen über 250 Jahre alt, weiterhin
aussagekräftig. Beständig wurde, aus der Erfahrung unserer bäuerlichen
Vorfahren, der irdische Lebenszyklus des Menschen analog in den vier
Jahreszeiten gesehen:
die ersten drei Lebensjahrsiebte als Frühling,
die zweiten drei Lebensjahrsiebte als Sommer,
die dritten drei
Lebensjahrsiebte als Herbst,
die vierten drei Lebensjahrsiebte als Winter
des Menschenlebens.
Viele Menschen wünschen sich, die Zeit anhalten zu können. Doch ist das
oft mit mehr Leid verbunden. Philosophisch richtig ist es, sich in den
Lebenszyklus so gesund wie möglich einzufügen: akzeptierend das Beste
daraus zu machen und weiterzugeben. In jeder Phase so gesund wie möglich
zu bleiben. So verstanden (d. h. nicht als aussichtsloser, mit
Sicherheit zum Scheitern ausgelegter, deshalb tragisch endender Versuch
von „Forever young") ist Fitness eine gute Sache: Lebensrichtig und
zielorientiert fit zu sein.
5. Der beste Weg zur
körperlichen Fitness ist der Fußweg. Lockeres Laufen oder flottes Gehen
genügt. Entscheidend ist die Regelmäßigkeit: dreißig Minuten pro Tag, an
jedem Tag, mindestens fünf Mal pro Woche. Gleichmäßig und nicht zu
schnell, ohne Verbissenheit, ohne Hecheln: die Sauerstoffversorgung der
Muskulatur soll stets ausreichend bleiben. Daher sind für den Beginn
eines Lauftrainings ebene Strecken am besten. Sehr gut ist die
Dreierregel: drei Schritte pro Atemzug (Atemholen), drei Schritte pro
Ausatmen. Einatmen, dabei Schritte gehen oder laufen, ausatmen, dabei
wieder drei Schritte. Die Atmung reguliert so die Laufgeschwindigkeit -
und das Laufen die Atmung. Das Gleiche können Sie schon nach kurzem
Training beim Treppensteigen üben: drei Stufen lang einatmen, drei
Stufen lang ausatmen. Wenn Sie dabei schon ins Schnaufen kommen,
verlangsamen Sie zunächst Ihr Tempo. Sie werden es nach einigen Tagen
schon steigern können. Mit der Dreierregel – ohne Schnaufen – können Sie
sich kaum überlasten. Wenn Sie dabei nur das geringste Problem hätten,
ist jedoch ohne Zögern eine ärztliche Untersuchung anzuraten, um die
Ursache herauszufinden und möglichst zu beheben. Dies vorausgesetzt,
wird es Ihnen mit der einfachen Dreierregel ohne Schnaufen bald
wesentlich besser gehen: Ihre körperliche Leistungsfähigkeit wächst und
gibt auch Ihren Seelenkräften Auftrieb.
Der häufigste Fehler, den Sie jedoch leicht vermeiden können, ist der
Ehrgeiz und die Verbissenheit, das Zwingenwollen. Zwang schadet dem
Körper. Fördern, dann auch Fordern ist gut für ihn.
Die Dreierregel ist eine Chance für jeden Menschen, der noch gehen kann.
Bitte ohne Zwang, aber mit Geduld und treuer Konsequenz. Sie werden
weiter kommen, sich wohler fühlen, gesünder - und neudeutsch gesagt -
fitter. Einfacher ist mehr.
Vermeide allen
Müßiggang,
Er macht Dir Zeit
und Weile lang,
Gibt Deiner Seele
schlechten Klang,
Und ist des Teufels
Ruhebank.
Willst schlafen
ruhig und komplett,
Nimm keine Sorgen mit ins Bett,
Auch nicht des vollen Magens Tracht,
Und geh zur Ruh vor Mitternacht.
Schläfst Du zuwenig,
wirst Du matt,
Wirst mager und des Lebens satt,
Schläfst Du zu lang und kehrst es um,
So wirst Du fett, ja wohl auch dumm.
Hufeland, Verse zur Makrobiotik
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